EZB-Präsidentin Lagarde

„Inflation ist unwillkommen und schmerzlich“

Von Christian Siedenbiedel
19.11.2021
, 10:37
Lagarde
Beim Frankfurt European Banking Congress wird über Inflation und Geldpolitik gestritten. Während Deutsche-Bank-Chef Sewing warnt, die Inflation sei dauerhafter und härter als viele meinten, erklärt EZB-Präsidentin Lagarde, die Geldpolitik werde „geduldig und beharrlich“ bleiben.
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Er war kurz vor knapp noch ins Internet verlegt worden, der 31. Frankfurt European Banking Congress, der eigentlich in der Alten Oper wieder als physisches Event stattfinden sollte. Corona und die Inflation sind denn auch die beiden zentralen Themen an diesem Bankentag: So lieferten sich die Vertreter vor allem der deutschen Geschäftsbanken und EZB-Präsidentin Christine Lagarde einen regelrechten Schlagabtausch darüber, ob die höhere Inflation von Dauer sei; und ob die Notenbank nicht doch schneller als geplant darauf reagieren müsse.

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing und Commerzbank-Chef Manfred Knof äußerten sich überzeugt, dass die Inflation härter und länger ausfallen werde, als viele im Moment noch glaubten. „Die Inflation ist gekommen, um zu bleiben“, meinte Knof. „Die Inflation wird länger anhalten und die Inflationsraten werden höher bleiben, als viele im Moment meinen“, sagte Sewing. „Eine Reaktion der Notenbanken sollte deshalb schneller kommen als geplant.“

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„Geduldig und beharrlich“ bleiben

EZB-Präsidentin Lagarde dagegen verteidigte den Kurs der Notenbank. Die Geldpolitik müsse in einer solchen Situation „geduldig und beharrlich“ bleiben, sagte Lagarde. Die EZB werde auf ihrer Dezembersitzung über das weitere Vorgehen entscheiden.

„Wir befinden uns immer noch in einer Phase, in der sich die Wirtschaft wieder erholt“, sagte Lagarde. Insbesondere die steigenden Energiepreise, die Versorgungsengpässe und die Rücknahme der physischen Distanzierungsmaßnahmen führten in einigen Wirtschaftssektoren zu erheblichen Reibungen. Dies schlage sich in hohen Inflationsraten nieder, die bis zum Jahresende weiter ansteigen dürften.

Lagarde versicherte, diese Inflation sei „unerwünscht und schmerzhaft“, und es gebe natürlich Bedenken, wie lange sie anhalten werde. „Wir nehmen diese Sorgen sehr ernst und beobachten die Entwicklungen sorgfältig“, sagte Lagarde. „Wir sind uns insbesondere darüber im Klaren, dass eine höhere Inflation die Realeinkommen der Menschen drückt, vor allem derjenigen, die am unteren Ende der Einkommensverteilung stehen.“

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Um jedoch zu verstehen, was die Geldpolitik unter den gegenwärtigen Umständen tun sollte, müsse man auf die Ursachen der Inflation blicken. Diese Triebkräfte dürften mittelfristig, das heißt in dem für die Geldpolitik wichtigen Zeithorizont, wahrscheinlich schwächer werden. „Und da sie größtenteils von der Angebotsseite und den Energiepreisen herrühren, werden sie wahrscheinlich das Tempo des Aufschwungs in nächster Zeit verlangsamen“, sagte Lagarde.

Geldpolitik hilft nicht gegen Lieferengpässe

Die Inflationsraten klettern seit Monaten. In Deutschland etwa lagen die Verbraucherpreise im Oktober um 4,5 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats. Die Inflation in Europas größter Volkswirtschaft ist damit so hoch wie zuletzt vor 28 Jahren. Auch im Euroraum lag die Inflationsrate mit 4,1 Prozent im Oktober deutlich über dem von der EZB mittelfristig angestrebten Ziel von 2 Prozent.

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Lagarde legte anhand einiger Zahlen dar, wie vorübergehende Effekte im Moment die Inflation hochtrieben. Beispielsweise die Energieinflation, die seit Beginn der Pandemie bis zum Frühjahr 2021 negativ gewesen sei, im Oktober jetzt aber auf 23,7 Prozent angestiegen sei. „Dies ist die bei weitem höchste Wachstumsrate seit Beginn der Währungsunion„, sagte Lagarde. „Sie trug mit 2,2 Prozentpunkten, also mehr als die Hälfte, zur Gesamtinflation im Euroraum von 4,1 Prozent im Oktober bei.“ Lagarde sagte, sie rechne damit, dass dieser Energiepreisanstieg spätestens im Verlauf des nächsten Jahres nachlasse.

Ein anderes Beispiel: Die Deutsche Bundesbank schätze, dass die Rücknahme der deutschen Mehrwertsteuersenkung im letzten Jahr die Inflation in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2021, also im Moment, um rund 1,2 Prozentpunkte erhöhe. „Das bedeutet aber auch, dass derselbe Prozentsatz im Januar des nächsten Jahres von der Inflation in Deutschland abgezogen wird“, sagte Lagarde. Das spreche für wieder sinkende Inflationsraten im nächsten Jahr.

Der sprunghafte Anstieg der Industriegüterpreise sei auf der Nachfrageseite auf die pandemiebedingte Umstellung des Konsumverhaltens von Dienstleistungen auf Waren zurückzuführen. Beispielsweise kauften die Menschen Fitnessgeräte für zu Hause, anstatt ihre Mitgliedschaft im Fitnessstudio zu verlängern. Das habe sich immer noch nicht vollständig umgekehrt.

Die Notenbank dürfe „angesichts vorübergehender oder angebotsbedingter Inflationsschocks nicht zu einer vorzeitigen Straffung der Geldpolitik übergehen", bekräftigte Lagarde. Eine Straffung der Geldpolitik könne gegen eine von der Nachfrageseite hochgetriebene Inflation helfen, aber Lieferengpässe beseitige sie nicht. „In einer Zeit, in der die Kaufkraft bereits durch höhere Energie- und Treibstoffkosten geschmälert wird, würde eine unangemessene Straffung einen ungerechtfertigten Gegenwind für den Aufschwung bedeuten.“

Quelle: FAZ.NET
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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