Kürzungspläne werden konkret

Warum und wo die Commerzbank 15 Standorte im Ausland schließt

Von Hanno Mußler
01.03.2021
, 18:57
Die Streichliste trifft vor allem Europa, aber mit Hongkong auch einen prominenten Standort in Asien. Manche einst hochfliegenden Pläne begräbt die Commerzbank damit endgültig.

Die Commerzbank hat ihren Mitarbeitern mitgeteilt, welche 15 Standorte für das Firmenkundengeschäft sie bis zum Jahr 2024 schließen wird. Die Streichliste, die der F.A.Z. vorliegt, führt in Asien überraschend Hongkong auf, während Singapur aufgewertet wird.

Ein Mitarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagte der F.A.Z., die Commerzbank hätte auch gern Tokio geschlossen. Doch soll, so erzählt man sich in der Bank, die japanische Bankenaufsicht aus Sorge vor nicht mehr betreuten Firmenkunden, einem Rückzug aus Japan hohe Hürden in den Weg stellen. Ein anderer Commerzbank-Mitarbeiter sagte hingegen, Tokio habe nie zur Disposition gestanden. Ein Sprecher der Commerzbank sagte dazu auf Nachfrage: „Die Spekulationen zum Standort Tokio sind falsch.“

Schwerpunkt in Europa

Ein Schwerpunkt der Streichliste liegt in Europa. Im Westen will die Commerzbank die Standorte in Luxemburg, Barcelona und Brüssel schließen. Ziel ist es, die Gesamtkosten bis 2024 um 20 Prozent zu senken und das Eigenkapital besser einzusetzen. Bisher werfen ein Drittel der vergebenen Kredite an rund 26.000 Konzernkunden weniger als 3 Prozent Eigenkapitalrendite ab. Künftig will die Commerzbank eher Profitabilität vor Wachstum stellen und im Ausland nur noch Geschäft mit Deutschland-Bezug machen, das heißt mit lokalen Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen oder Investitionen von ausländischen Unternehmen in Deutschland finanzieren. Das Kreditinstitut kalkuliert damit, dass es einige Hundert Kunden deshalb verliert.

Dieser Kürzungskurs hat auch Folgen für die Aufstellung der Commerzbank in Osteuropa. Der Standort in der slowakischen Hauptstadt Bratislava wird geschlossen, die 1993 als Tochtergesellschaft gegründete Commerzbank in Ungarn soll verkauft werden.

Das trifft ebenso in Südamerika auf die Tochtergesellschaft in Brasilien zu, dort soll es aber statt dessen eine Repräsentanz geben ebenso wie in Dubai nach Aufgabe der dortigen Niederlassung. Von Ungarn dagegen ist nicht von einer Fortführung des Geschäfts die Rede.

Einst große Pläne in Ungarn

Dabei hatte die Commerzbank in diesem osteuropäischen Land besonders hochfliegende Pläne. In den Jahren 2005 und 2006 eröffnete sie in Ungarn unter der Verantwortung des damaligen Osteuropa-Vorstands und späteren Vorstandsvorsitzenden Martin Blessing 10 Filialen und stieg ins Kleinkreditgeschäft mit ungarischen Geschäftskunden ein. Blessing versprach sich davon damals Renditen von 20 Prozent.

Doch in der Finanzkrise litt vor allem auch Osteuropa unter Kapitalabzug der dominanten westeuropäischen Banken, viele Unternehmen spürten eine Kreditklemme. 2008 kaufte die Commerzbank in der Ukraine die Bank Forum, die ihr bis zum Verkauf im Jahr 2012 hohe Verluste einbrachte. Dagegen ist die polnische M-Bank eine Ertragsquelle.

Der alte Vorstand unter dem Vorsitzenden Martin Zielke stellte die M-Bank gleichwohl 2019 zum Verkauf und wollte mit einem möglichen Erlös den Umbau der Commerzbank zu einer digitaleren Bank im Inland finanzieren. Manfred Knof, der Zielke am 1. Januar 2021 auf dem Vorstandsvorsitz abgelöst hat, greift nun stärker im Auslandsnetz ein, will aber die M-Bank behalten.

Vielmehr kürzt die Commerzbank auch im Korrespondenzbanknetz, wie Bereichsvorstand Nikolaus Giesbert den Mitarbeitern am Mittwoch schrieb: „Unser Korrespondenzbanken-Netzwerk ist elementar für unsere führende Position in der Abwicklung des Import- und Exports des deutschen Mittelstands. Wir werden das Netz aber effizienter gestalten und von aktuell rund 1600 auf rund 1300 internationale Korrespondenzbanken reduzieren.“

Außerdem werden die Büros in Aserbaidschan, Georgien, Indonesien, Irak, Kasachstan, Libanon, Malaysia, Serbien und Venezuela bis 2024 geschlossen. Alle Märkte, wo die Commerzbank Standorte schießt, will sie von anderswo aus bedienen. Nach der Kürzung bleibt die Commerzbank im Ausland mit fast 40 Standorten aktiv.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Mussler, Hanno
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
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