Scherbaums Börse

Daimler – In der Ruhe liegt die Kraft

Von Christoph Scherbaum
Aktualisiert am 14.02.2020
 - 09:32
Braucht ein wenig Politur – der Daimler-Stern
Die Situation beim Autobauer Daimler ist nicht einfach. Doch die Aktie könnte am Ende des Tages als schönes Beispiel dienen, um eine alte Börsenweisheit zu bestätigen.

Die Woche war hart. Für den Daimler-Vorstand, für die Belegschaft und auch für die Aktionäre des Traditionskonzerns. Das, was der seit vergangenem Jahr amtierende Daimler-Vorstandschef Ola Källenius am Dienstag an Bilanz für 2019 zog, war alles andere als positiv. „Vor allem erhebliche Sonderbelastungen beeinträchtigten unsere Finanzergebnisse im vergangenen Jahr“, so der Daimler-Chef. Einen großen Teil dieser Sonderbelastungen ist dem Dieselskandal zuzuschreiben.

Es war also ein schwaches Jahr für Daimler, keine Frage. Der Konzern konnte leider aber auch nicht so richtig Aufbruchstimmung verbreiten. Auch für das Geschäftsjahr 2020 ist erst einmal schmale Kost angesagt: Der Konzernabsatz soll leicht unter dem Vorjahresniveau liegen. Zwar soll das EBIT deutlich steigen. Dies ist jedoch kein großes Kunststück, nachdem der Vorjahreswert von zahlreichen negativen Sondereffekten belastet wurde.

Was macht der Kleinanleger?

Was macht nun ein Kleinanleger, der zu dieser überschaubaren Gruppe der Deutschen gehört, die wirklich in Aktien investiert sind und dann auch noch in einer wie Daimler? Einfach den Gürtel enger schnallen – so wie die Daimler-Mitarbeiter – und akzeptieren, dass es erst einmal weniger in Form der Dividende zu verdienen gibt?

Es dürfte für viele Aktionäre erst einmal die richtige Wahl sein. Denn nur weil ein Geschäftsjahr miserabel verläuft, wird auch kein Großaktionär die Schwaben verlassen. Einmal mehr sollten Privatanleger öfter auf die Investor-Relations-Seiten von Konzernen schauen und sich informieren, wer den größten Anteil am jeweiligen Kuchen hat.

Bei Daimler zählen zu den größten Anteilseignern der Staatsfonds von Kuwait (seit 1974), Renault-Nissan (mit einer Überkreuzbeteiligung seit 2010) und der chinesische Investor Li Shufu. Dieser hält über die Firma Tenaciou3 Prospect Investment Limited (seit 2018) den größten Aktienanteil an Daimler mit 9,7 Prozent. Im Juli 2019 hat sich die chinesische BAIC Group mit 5 Prozent der Stimmrechte an Daimler beteiligt. Solche Großaktionäre wissen nur zu gut: Eine Sachwert-Anlage, also die Beteiligung an einem Unternehmen durch Aktien, spielt ihr Renditeergebnis erst mit der Zeit aus. Wer auf den schnellen Euro hofft, wird überwiegend enttäuscht werden. Vor allem in einer Branche wie der Automobilindustrie.

An der Börse wurde Daimler derweil in den vergangenen Tagen nicht mehr stark abgestraft. Das geschah schon in den Wochen davor. Mehr als 13 Prozent ging es seit Jahresanfang abwärts.

Analysten schreiben Daimler nicht ab

Trotzdem sollte niemand an der Börse den Dax-Konzern abschreiben. Das Gros der Analysten macht es jedenfalls nicht. JP Morgan rät mit einem Kursziel von 62 Euro die Aktie überzugewichten, während die Masse an Analysehäusern die Daimler-Aktie mit „Hold“ bewertet.

Aktuell raten vier Analystenhäuser zum Kauf, zehn zum Halten der Daimler-Papier und fünf zum Verkaufen. Das durchschnittliche Kursziel liegt derzeit bei 50 Euro. Bei einem aktuellen Kurs von weniger als 44 Euro ergibt sich ein Kurspotential von mehr als 15 Prozent.

Aber genau diese Denkweise sollte ein langfristig orientierter Anleger erst gar nicht haben. Erfolgreiche Kurzfristspekulationen gibt es immer wieder – nicht zuletzt gerade im Autobereich mit der Tesla-Aktie. Das hat aber nichts mit einem langfristigen Vermögensaufbau mit Aktien zu tun. Zum einen reduzieren sich die Risiken bei langen Zeiträumen von 15 Jahren und mehr auf fast null. Zum anderen ergibt sich erst durch den Zinseszinseffekt (also die Wiederanlage von zwischenzeitlichen Gewinnen) die ordentliche Rendite.

Autobauer muss schnell den Schalter umstellen

Das dürfte auch bei Daimler der Fall sein. Der Konzern muss nun schnell den Schalter umstellen und erkennen, dass seine bisherige Stromer-Kampagne nur bedingt ausreicht, um am Markt positiv wahrgenommen zu werden. Mit einem tonnenschweren SUV, der auch noch Lieferprobleme hat, ist erst einmal nicht viel Geld zu verdienen. Hinzukommt, dass im nächsten Jahr die neuen CO₂-Grenzwerte in Kraft treten, die jeder Autohersteller mit seinen verkauften Autos einhalten muss. Daimler muss also Gas geben.

Im laufenden Jahr will der Konzern „die Produkt- und Elektro-Offensive fortsetzen“. Dazu bringt Mercedes-Benz unter anderem die neue S-Klasse auf den Markt. „Dazu kommen zahlreiche Fahrzeuge mit 48-Volt-Technologie. Mit dem EQA wird das erste vollelektrische SUV-Kompaktmodell im Herbst vorgestellt.“ Insgesamt plant Mercedes-Benz, den Anteil von Plug-in-Hybriden und vollelektrischen Fahrzeugen am Gesamtabsatz 2020 zu vervierfachen.

Das klingt gut, aber dennoch wird Daimler wohl auch in diesem Jahr kein massentaugliches Elektromodell im Programm haben. Der Konkurrent BMW hat mit dem i3 und ab Ende März mit dem Hipster-Auto Mini E so etwas im Portfolio und verkauft jetzt schon in Deutschland mehr als zehnmal so viele reine E-Autos wie Daimler.

Auf die Schwaben kommt also viel Arbeit zu und dennoch dürfte es für viele Anleger und Aktionäre des Daimler-Konzerns gute Gründe geben, als Anteilseigner mit an Bord zu bleiben.

Der Konzern ist weiter profitabel

Denn Daimler verdient nach wie vor Geld – im Gegensatz etwa zum hochgehypten Autobauer Tesla, der noch nie einen Cent Jahresgewinn melden konnte. Eines darf ebenfalls nicht vergessen werden: Die jüngste Bilanz von Daimler wird vor allem von Altlasten verhagelt.

Daimler zahlt dennoch eine Dividende. Die Ausschüttung soll zwar für 2019 lediglich bei 0,90 Euro liegen, nachdem im Vorjahr noch 3,25 Euro je Aktie gezahlt wurden – immerhin die Aktionäre werden bei der Stange gehalten. Aktuell wird die Aktie der Schwaben mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2019 von 8 bewertet. Das ist günstig und könnte für Langfrist-Anleger ein gutes Argument sein, genau jetzt eine Position aufzubauen.

Die Daimler-Aktie könnte am Ende des Tages als schönes Beispiel für den Börsenspruch „Buy on bad news, sell on good news“ dienen: Der Konzern hat in seiner Vergangenheit schon des Öfteren mit Problemen zu kämpfen gehabt und hat sie sehr gut gemeistert. Der Mercedes-Stern mag derzeit nicht mehr so glänzen, aber verkratzt ist er noch lange nicht. Er muss lediglich wieder etwas aufpoliert werden, wie auch der Kurs einer der beliebtesten Dax-Werte der Deutschen.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot