Wirecard-Ersatz

Delivery Hero steht kurz vor dem Dax-Aufstieg

Von Daniel Mohr
Aktualisiert am 05.08.2020
 - 13:38
Das Logo von Delivery Hero hängt in der Zentrale der Bestell-Plattformen für Essen: Das Unternehmen könnte bald in den Dax aufsteigen.
Der Berliner Essenslieferdienst dürfte noch im August den in Verruf geratenen Zahlungsdienstleister ersetzen. Doch auch der Platz eines anderen Konzerns im deutschen Leitindex wackelt.

Der Dax könnte erstmals ein Mitglied bekommen, das gar kein Geschäft mehr in Deutschland macht: Delivery Hero. Der 2011 gegründete Essenslieferdienst ist auf der am Mittwoch veröffentlichten Rangliste der Deutschen Börse der erste Nachrückerkandidat, falls im Laufe des Monats ein Platz im Dax frei wird. Das ist dieses Mal von besonderer Bedeutung, weil das Dax-Ende des bayerischen Zahlungsabwicklers Wirecard unmittelbar bevorsteht. Die Befragung der Marktteilnehmer durch die Deutsche Börse, wie künftig mit Unternehmen mit Insolvenzantrag umgegangen werden soll, endet an diesem Freitag.

Die Auswertung der Meinungsäußerungen – dem Vernehmen nach auch von 90 Privatanlegern – erfolgt bis nächste Woche. Sollte eine klare Mehrheit für eine Herausnahme von Unternehmen aus dem Dax sein, die einen Insolvenzantrag gestellt haben, dann wird das binnen einer Woche im Regelwerk verankert und sofort angewendet. Im Ergebnis könnte Wirecard dann vermutlich um den 21. August den Dax verlassen müssen.

Rangliste entscheidet über Wirecard-Nachfolge

Kommt es so, wovon auszugehen ist, weil auch alle anderen größeren Indexbetreiber Unternehmen mit Insolvenzantrag sofort ausschließen, dann wird die nun veröffentlichte Rangliste herangezogen, um über die Nachfolge zu entscheiden. Mindestens Rang 35 im Börsenwert der frei handelbaren Aktien ist nötig, um in den Dax kommen zu können. Das erfüllen derzeit acht Unternehmen, die noch nicht im Dax sind: Der Flugzeughersteller Airbus auf Platz neun, der Aromenhersteller Symrise (Platz 25), Delivery Hero (27), der Online-Modehändler Zalando (28), der Laborausrüster Sartorius (29), der Biotechnologiekonzern Qiagen (31), die Hannover Rückversicherung (33) und LEG Immobilien (34).

Zweites Kriterium ist jedoch, wie rege die Aktien der Unternehmen gehandelt werden. Auch hier ist mindestens Rang 35 nötig. Die Aktien der im Börsenwert vorne liegenden Airbus und Symrise weisen keine ausreichend hohen Handelsumsätze auf. Die auch in Paris gehandelte Airbus-Aktie kommt in Frankfurt nur auf Rang 48 im Handelsumsatz, Symrise auf Rang 38. Hier sticht Delivery Hero heraus, deren Aktien insbesondere seit Ausbruch der Corona-Pandemie sehr rege gehandelt werden. Noch in der Dezember-Rangliste kam Delivery Hero beim Handelsumsatz nur auf Rang 49. Jetzt ist es Rang 33, obwohl Jahresdurchschnittswerte herangezogen werden. Unter den Dax-Kandidaten erfüllt sonst nur Qiagen auch das zweite Aufstiegskriterium mit Rang 34 im Handelsumsatz. Da Delivery Hero aber den höheren Börsenwert aufweist, hat der Lieferdienst die Nase vorn.

Dieser wurde 2011 in Berlin unter anderem von dem Schweden Niklas Östberg gegründet, der das Unternehmen auch heute noch führt. Delivery Hero vermittelt Online-Essensbestellungen an lokale Lieferdienste oder betreibt in Großstädten selbst welche. Ende 2018 entschied sich das Unternehmen, sein gesamtes Deutschland-Geschäft (Lieferheld, Foodora, Pizza.de) für 930 Millionen Euro an den niederländischen Konkurrenten Takeaway.com zu verkaufen.

Der Aktienkursentwicklung hat das keinen Abbruch getan. Nach 25,50 Euro zum Börsengang in Frankfurt vor gut drei Jahren ist der Kurs auf nun 100 Euro gestiegen. Der Börsenwert beläuft sich auf 20 Milliarden Euro. Für dieses Jahr erwartet das Unternehmen einen Umsatz von 2,6 bis 2,8 Milliarden Euro und damit mehr als eine Verdopplung zum Vorjahr. Im ersten Halbjahr gab es einen Verlust von knapp 320 Millionen Euro. Noch gibt es keine Prognose, wann das Unternehmen profitabel werden könnte. Primäres Ziel ist starkes Wachstum.

Anfang September steht zudem die reguläre Dax-Anpassung an. Spätestens dann müsste Wirecard den Index verlassen. Wackelkandidat ist zudem der Leverkusener Spezialchemiekonzern Covestro, der auf der aktuellen Rangliste auf Rang 43 zurückgefallen ist. Mindestens Rang 40 ist im September nötig. Dann könnte die Stunde von Qiagen schlagen, wenn das Unternehmen bis dahin nicht von seinem amerikanischen Konkurrenten Thermo-Fisher übernommen wurde.

Quelle: F.A.Z.
Daniel Mohr  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Mohr
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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