Währung der Zukunft

Der digitale Euro als papierloses Bargeld

Von Philipp Sandner und Johannes Blassl
17.04.2021
, 13:49
Gut, dass die EZB an einer Digitalwährung arbeitet. Doch das Tempo reicht derzeit noch nicht. Ein Gastbeitrag.

Die öffentliche Diskussion um einen „digitalen Euro“ reißt nicht ab. So erklärte auch Bundesfinanzminister Olaf Scholz kürzlich, dass er das Bestreben der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Einführung eines digitalen Euros unterstütze. Laut EZB-Präsidentin Christine Lagarde soll der Euro demnach auch „für das digitale Zeitalter gerüstet“ sein und auf digitaler Basis eingeführt werden, falls dies erforderlich wird. Dabei ist die Diskussion um die Einführung von digitalem Zentralbankgeld auch deshalb stark in den Fokus geraten, weil andere bei der Implementierung digitaler Bezahlmodelle bereits deutlich weiter sind als die EU. So drängt etwa der Megakonzern Facebook mit seiner eigenen Digitalwährung Libra – nunmehr umbenannt in Diem – auf den Markt.

Einen weiteren großen Antrieb zur Einführung eines digitalen Euros generiert hierbei sicherlich auch China. Das Land der Mitte ist gerade dabei, das Rennen um die erste digitale Staatswährung gegenüber der EU und den Vereinigten Staaten zu gewinnen. Dort befindet sich der E-Yuan nämlich schon in einer ausgeprägten Testphase. Die chinesische Zentralbank setzt die EU und die Vereinigten Staaten durch Realisierung einer „digitalen chinesischen Währung“ unter Zugzwang. In Shenzhen, Suzhou, Xiong’an und Chengdu werden bereits Apps getestet, mit denen in „E-Yuan“ bezahlt werden kann. Auch eine Ausdehnung dieser neuen Zahlungsinfrastruktur auf andere asiatische und afrikanische Länder wurde bereits diskutiert.

Darauf muss die EZB reagieren und will bereits Mitte 2021 eine Entscheidung fällen, ob sie sich mit dem digitalen Euro näher beschäftigen wird. Um zu erfahren, ob ein digitaler Euro grundsätzlich gewünscht ist und welche Anforderungen er erfüllen müsste, wurde eine öffentliche Konsultation durchgeführt. Während in China somit schon digitale Währungssysteme im erheblichen Umfange entwickelt und getestet werden, ist die EU also noch weitestgehend im Prozess der Meinungsbildung.

Tech-Konzerne als Konkurrenz

Die Diskussion um den digitalen Euro wird immer unübersichtlicher. Um das Thema aber zu erfassen, ist eine Betrachtung auf unterschiedlichen Ebenen erforderlich. Hierzu muss man zunächst begreifen, wie unser Euro-Geldsystem funktioniert. Die EZB besitzt das Monopol zur Ausgabe von Zentralbankgeld: Nur sie kann physische Banknoten und Münzen ausgeben oder Geld in elektronischer Form auf Zentralbankkonten von Banken und anderen Finanzinstituten bereitstellen. Für Privatkunden und die übrige Wirtschaft ist das „elektronische EZB-Geld“ allerdings nicht direkt verfügbar.

Ähnlich wie mit dem heutigen Bargeld könnte nun eine elektronische Form von Zentralbankgeld als digitaler Euro genutzt werden. Mit der Einführung eines digitalen Euros könnte jeder Bankkunde die Möglichkeit haben, sein Guthaben, das er bei einer Geschäftsbank hält, in digitales Zentralbankgeld einzutauschen. Der digitale Euro könnte dann direkt von den Bürgern und von Unternehmen genutzt werden und wäre damit zunächst eine Ergänzung unseres Bargelds.

Wenn Zentralbanken also über den digitalen Euro nachdenken, so meinen sie zumeist eine digitale Form des Euros für Privatpersonen – vergleichbar mit dem heutigen papier- beziehungsweise metallbasierten Bargeld. Weil digitales Zentralbankgeld sicher ist und Zahlungen via Smartphone oder PC bequem(er) sind, wird es in der digitalen Welt von übermorgen ohnehin keine Papierscheine und Metallmünzen mehr geben.

Viele Bezahlvorgänge laufen schon heutzutage digital ab: Online-Banking, Kreditkartenzahlungen, Apple Pay, Google Pay, Paypal – all diese Bezahlmethoden haben eines gemeinsam: Sie sind elektronisch und erfordern kein physisches Bargeld. Jeder, der heute lieber digital, also ohne Bargeld, bezahlen möchte, kann dies bequem fast überall tun.

Souveräne Infrastruktur

Für die EU-Bürger liegt somit der Nutzen eines E-Euros zunächst in einer gesteigerten Bequemlichkeit ihrer Bezahlvorgänge. Aus Sicht der Währungshüter verknüpfen sich damit allerdings viele Vorteile gegenüber anderen elektronischen Zahlungsmitteln: Wenn die EZB selbst das Bargeld digitalisiert, könnte sie so eine staatlich souveräne digitale Bezahlinfrastruktur schaffen. Angesichts der erwähnten Initiativen zur Einführung von privaten Stablecoins auf Dollar-Basis, zum Beispiel durch Diem oder den genannten digitalen Bezahlsystemen der Tech-Konzerne, besteht nämlich die Sorge, dass nun auch noch, neben vielen anderen Feldern, der Zahlungsverkehr weitgehend von Tech-Konzernen übernommen wird.

Hier könnte der digitale Euro eine echte Alternative bieten. Zentrale Vorteile sind dabei vor allem die Sicherheit, der Datenschutz und die digitale Souveränität Europas. Denn wer heute seinen Wocheneinkauf bei Rewe mit Apple Pay oder bei Aldi mit Google Pay bezahlt, entrichtet eine kleine Gebühr an Apple, Google, Paypal oder an seinen Kreditkartenanbieter und übersendet wertvolle Daten, etwa zu seinem Einkaufsverhalten – und dies bei millionenfachen Transaktionen in Europa täglich.

Unabhängiger von diesen großen amerikanischen Unternehmen durch eine europäisch-souveräne Zahlungsinfrastruktur zu werden, das wäre wichtig für Europa. An deren Umsetzung fehlt es aber bisher. Daher sollten die EZB und auch die Politik das Thema „digitaler Euro“ intensiver angehen und fördern.

Realistisch bleiben

Möchte eine Zentralbank Bargeld digitalisieren, steigt sie notwendigerweise in den Ring mit den bereits existierenden privatwirtschaftlichen Anbietern. Sollte eine Zentralbank mit diesen Lösungen konkurrieren?

Man sollte hier realistisch bleiben und sich fragen, ob staatliche IT-Bezahllösungen mit Paypal oder Apple Pay ernsthaft konkurrieren können, etwa im Hinblick auf die Benutzerfreundlichkeit der jeweiligen Bezahlvorgänge. Der Staat war bisher kein Anbieter von komfortablen IT-Lösungen. Zentralbanken bieten bis heute keine direkte Kontoführung oder elektronische Zahlungsdienste an, wie etwa eine Kreditkarte oder etwas Vergleichbares. Zentralbanken überlassen dies nicht ohne Grund den Banken und Finanzdienstleistern.

Vordergründig sind daher zunächst auch europäische Banken und Finanzdienstleister gefordert, den digitalen Euro anzubieten und programmierbar zu machen. Die deutschen Banken sind hierbei weitaus innovativer, als man zunächst denken könnte, jedenfalls was digitale Bezahllösungen zur Zahlungsabwicklung zwischen Unternehmen betrifft.

Führende deutsche Banken arbeiten bereits an Lösungen, die vermutlich ab 2021 in der Breite angewendet werden können, um einen digitalen Euro für die Industrie und deren Geschäftsprozesse anzubieten. Hier wird der Blockchain-basierte digitale Euro in wenigen Jahren eine große Rolle spielen. Bei neuartigen Geschäftsmodellen, etwa im Bereich „Internet der Dinge“, Mobilität, Medizintechnik und Datenmonetarisierung, wird ein digitaler Euro immer wichtiger, um so auch die Bezahlkomponente vollständig digital abzubilden.

Anders ist es beim digitalen Zahlungsverkehr für Privatpersonen. Hier sind Paypal, Apple Pay und die Kreditkartenanbieter führend. Deutsche oder europäische Versuche, ein wettbewerbsfähiges Angebot aufzubauen, sind bisher gescheitert. Hier sollten die Politik, die Zentralbanken, aber insbesondere auch die heimische Finanzwirtschaft aktiv werden. Wie erwähnt, ist es nur schwer vorstellbar, dass die EZB im Hinblick auf die Entwicklung digitaler Bezahlservices mit den genannten amerikanischen Technologie-Unternehmen konkurrieren kann. Wenn sie dies wollte, müsste sie zügiger und umfassender aktiv werden.

Dass die EZB hier die Rolle des privaten Sektors übernehmen kann, darf bezweifelt werden. Im Bereich des „mobilen digitalen Zahlens“ hat sich in den letzten Jahren eine ungeheure Dynamik, auch in Deutschland, entwickelt. Durch Corona hat das berührungslose mobile Bezahlen weiteren Auftrieb bekommen. Es ist bedauerlich, dass die deutsche beziehungsweise die europäische Finanzwirtschaft hier keine ernsthafte eigenständige Konkurrenz zu den amerikanischen Unternehmen aufbaut und diesen das Feld überlässt. Neben der EZB sehen nämlich auch andere Institutionen und auch der Privatsektor, insbesondere die „klassischen“ Banken, dem zunehmenden Bedeutungsgewinn von etwa Paypal, Apple Pay und den Kreditkartenanbietern von außen zu.

Zusammengefasst: Ja, wir brauchen den digitalen Euro – und zwar für die Wirtschaft. Ja, die Initiativen der EZB sind richtig, zielen derzeit aber nicht in die richtige Richtung und haben keine ausreichende Geschwindigkeit. Und, ja, wir brauchen auch ernsthafte europäische Konkurrenzlösungen für digitales Bezahlen. Sonst wird bald fast jeder Euro, inklusive der Transaktionskosten und der wertvollen Daten, der digital ausgegeben wird, über amerikanische Systeme abgewickelt.

Philipp Sandner ist Wirtschaftswissenschaftler und leitet das Blockchain Center an der Frankfurt School of Finance & Management. Johannes Blassl arbeitet in Frankfurt am Main im Bank- und Kapitalmarktrecht.

Quelle: F.A.Z.
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