Digitalwährungen

Darum ist der Krypto-Absturz gut fürs Klima

Von Franz Nestler
25.06.2022
, 14:43
Verbraucht viel Energie: Bitcoin Mining wie hier in der Bitminer Factory in Florenz.
Die Herstellung von Digitalwährungen verbraucht viel Energie. Zuletzt wurde immer mehr Kohlestrom dafür verwendet – doch der Krypto-Absturz hat dem ein Ende gesetzt.
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Selbst Elon Musk war es irgendwann zu viel: „Wir sind besorgt über die schnell zunehmende Nutzung fossiler Brennstoffe für das Schürfen von Bitcoin – und die damit verbundenen Transaktionen“, schrieb Musk in einem Twitter-Beitrag vor einem Jahr. Insbesondere der Einsatz von „Kohle, welche die schlimmsten Emissionen aller Brennstoffe hat“, bereite ihm Sorgen. Deshalb setzte er den Plan aus, dass man bei Tesla auch mit der Digitalwährung bezahlen darf. Doch gerade durch den aktuellen Preissturz kann die Bitcoin-Herstellung – das sogenannte Mining – deutlich umweltfreundlicher geworden sein. Wie das?

Grundsätzlich ist es so, dass Bitcoin durch einen energieintensiven Prozess hergestellt werden. Diese Arbeit verrichten hoch spezialisierte Computerchips, die aber dementsprechend viel Strom verbrauchen. Umso höher der Preis für Bitcoin ist, umso mehr Mining-Kraft fließt in den Markt. Die Korrelation ist natürlich nicht perfekt – es gibt Diskrepanzen bei der Energieeffizienz der Mining-Computer und auch wegen der verschiedenen Energiepreise auf der Welt.

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Kritische Schwelle überschritten

Sosehr das aktuelle Preisniveau – Bitcoin notiert auf rund 21 000 Dollar – viele Bitcoin-Investoren verschreckt, so gut ist das dann für den Stromverbrauch: Grundsätzlich ist der Stromverbrauch in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, um dann auf einem Plateau haltzumachen. Bis Anfang Juni wuchs der Stromverbrauch auf mehr als 200 Terawattstunden im Jahr.

Viele Miner fanden den Preis offensichtlich hoch genug, um das Mining zu rechtfertigen, aber nicht so hoch, um neue Investitionen in Mining-Hardware zu rechtfertigen. Mit dem jüngsten Absturz scheint nun aber eine kritische Schwelle überschritten worden zu sein: Der Energieverbrauch sinkt erstmals seit Beginn der Pandemie, hat der Digiconomist ausgerechnet. Dort geht man von einem Energieverbrauch von 132 Terawattstunden im Jahr aus. Die Universität schätzt den Jahresverbrauch auf 99 Terawattstunden, mit einem theoretischen Korridor zwischen 50 und 193 Terawattstunden.

Das ist natürlich erst einmal sehr viel, doch es zeigt nur, dass das Netzwerk sehr ineffektiv ist: Für eine einzige Bitcoin-Transaktion kann man etwa 450 000 Transaktionen mit einer Kreditkarte durchführen. Das ist aber auch klar: Dezentrale Strukturen können nie so effektiv sein wie zentrale. Aber das sagt noch nichts darüber aus, wie umweltfreundlich der Stromverbrauch ist.

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Und hier wird es richtig kompliziert. Denn es gibt kein Register, wo das vorgehalten würde. Es gibt aber Studien, etwa von der Universität Cambridge, die erforscht haben, aus welchen Energiequellen die Rechenzentren ihren Strom beziehen. Die erste derartige Studie aus dem Jahr 2021 kam noch zu halbwegs ermunternden Ergebnissen: So benutzen 76 Prozent aller Rechenzentren zum Teil erneuerbare Energien. Allerdings werden damit nur 39 Prozent der Rechenleistung erzeugt. Das heißt: 61 Prozent werden durch Kohlestrom, von Gaskraftwerken und Atomkraft betrieben.

Eine neuere Studie, die im Februar 2022 veröffentlicht wurde, kommt allerdings zu einem niederschmetternden Ergebnis: Nach einer Razzia im Mining-Sektor in China brach der Anteil erneuerbarer Energien demnach auf 25,1 Prozent ein. In China wurde insbesondere zu gewissen Jahreszeiten – wie zum Beispiel während der Regenzeit im Sommer – im großen Stil auf Wasserkraft gesetzt. Diese ging aber verloren, als die Miner dann nach Kasachstan oder in die Vereinigten Staaten zogen. Dort werden die Rechenzentren nun mit Strom auf Kohle- oder Gasbasis versorgt – was die CO2-Intensität des Bitcoin-Mining erhöht hat: von 480 Gramm CO2 je Kilowattstunde auf 560 Gramm CO2 je Kilowattstunde.

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Rückzug aus Kasachstan ist gut für die Treibhausgasemissionen

Doch nun ist der Stromverbrauch von Bitcoin gesunken – und das lässt sich auf Kasachstan zurückführen, sagt Alex de Vries, der den Digiconomist gegründet hat. Dort seien die Margen geringer, und das Stromnetz sei unzuverlässiger, außerdem sei die Mining-Hardware tendenziell älter und damit weniger effizient. Der Schwellenwert, für den es sich für die Miner in Kasachstan lohnt zu produzieren, liegt wohl bei 25 000 Dollar. Sinkt der Bitcoin-Preis auf weniger als 10 000 Dollar, wird es selbst für die Miner mit den neuesten und energieeffizientesten Geräten in den Vereinigten Staaten schwer, noch kostendeckend zu arbeiten, schätzt de Vries. Der Rückzug aus Kasachstan wiederum ist gut für die Treibhausgasemissionen, da der Großteil des dortigen Stromes aus Kohle produziert wird. Doch genau da setzen auch wieder Befürworter der Digitalwährung an. Sie argumentieren, dass Bitcoin gerade einen Anreiz dafür liefere, eine Infrastruktur für erneuerbare Energien aufzubauen.

Doch es lässt sich drehen und wenden, wie man will: Bitcoin und Digitalwährungen ganz allgemein sind insgesamt deutlich schmutziger geworden, auch wenn der Krypto-Absturz die Entwicklung wohl gebremst hat. Argumente wie jenes, dass auch das Goldschürfen CO2 produziere, laufen da ins Leere: Bei einem einzelnen hergestellten Bitcoin fallen 215 Tonnen CO2 an – bei dem Äquivalent in Gold sind es lediglich 8 Tonnen. Noch schlechter fällt der Vergleich aus, wenn man es mit Bargeld oder Kreditkartenzahlungen vergleicht, wie eine Studie im Auftrag der niederländischen Zentralbank ergab. Auf eine einzelne Bargeld-Transaktion, in der alle Kosten von der Herstellung der Scheine und Münzen bis zur Abwicklung der Zahlung erfasst sind, kommen 4,6 Gramm CO2-Äquivalent. Bei Kreditkarten ist der Wert noch mal um 21 Prozent geringer. Der Emissionswert einer einzigen Bitcoin-Transaktion liegt demnach bei 798 Kilogramm CO2 – ein Vielfaches aller anderen Bezahlarten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Nestler, Franz
Franz Nestler
Redakteur in der Wirtschaft.
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