Brent-Öl unter 40 Dollar

Der Ölpreis verheißt nichts Gutes

Von Christian Siedenbiedel
08.09.2020
, 16:42
Heizöl ist so billig wie seit 17 Jahren nicht mehr. Diesel gibt es teils wieder unter 1 Euro. Rohöl wird schlagartig billiger. Was ist da los?

Was Verbraucher freut, könnte als Indikator für die Weltwirtschaft vielleicht kein ganz so gutes Signal sein: Der Ölpreis hat nicht nur seine Erholungsrally vorzeitig abgebrochen – seit einigen Tagen fällt er und fällt. Der Preis der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) hat schon am Freitag die Marke von 40 Dollar je Barrel (Fass zu 159 Liter) nach unten durchbrochen und stand am Dienstag noch bei gut 36 Dollar. Der Preis der Nordseesorte Brent verlor nach deutlichen Verlusten vom Freitag am Montag zeitweise 1,5 Prozent und am Dienstag mehr als 5 Prozent – und durchbrach am Dienstagnachmittag gleichfalls die Grenze von 40 Dollar nach unten.

Aber nicht nur beim Rohöl ist die Entwicklung auffällig. In Deutschland sind die Folgen auch für Heizöl und Kraftstoff zu beobachten. Beides ist durch den starken Euro in letzter Zeit ohnehin relativ günstig. Aber die Preise fallen offenbar weiter. Diesel ist an manchen Tankstellen zu manchen Tageszeiten schon wieder für weniger als 1 Euro je Liter zu haben – wie in der Zeit des Shutdown. In manchen Städten wie Kaiserslautern ist sogar der durchschnittliche Dieselpreis aller Tankstellen wieder auf weniger als einen Euro je Liter gefallen, wie das Internetportal Clever Tanken berichtet. Und Heizöl kostet mittlerweile im Bundesdurchschnitt weniger als 38 Euro je 100 Liter, wie das Internetportal Heizoel24 berichtet. Das ist das niedrigste Preisniveau seit immerhin 17 Jahren.

Diesel billig wie im Shutdown

Als Ursache macht Warren Patterson, Ölanalyst der Bank ING, vor allem einen entscheidenden Faktor aus: die Nachfrage nach Öl in aller Welt. „Die zentrale Sorge für den Markt bleibt die Nachfrage“, sagte Patterson. Ähnlich äußerte sich Frank Schallenberger, Ölanalyst der Landesbank Baden-Württemberg: „Die jüngsten Rücksetzer beim Ölpreis sind auf Sorgen zurückzuführen, dass die Ölnachfrage sich coronabedingt in den nächsten Monaten doch nicht so schnell erholt wie zunächst erwartet.“

Und Eugen Weinberg, Ölfachmann der Commerzbank, erläuterte, nach einer anfänglichen Erholung der globalen Ölnachfrage nach dem Shutdown im April und Mai sei die Nachfragedynamik teils zum Stillstand gekommen – und zwar gerade in dem Moment, in dem die Ölländer begonnen haben, ihre Ölförderungen wieder zu erhöhen. Deutlich geworden sei das beispielsweise mit dem Ende der Sommer-Reisesaison in Amerika, die traditionell mit dem Labor Day zu Ende gehe, und in der weniger Benzin verbraucht worden sei als erwartet. Die Saison sei „enttäuschend“ verlaufen.

Sorgen um die Ölnachfrage

Giovanni Staunovo, Ölanalyst der Schweizer Bank UBS, meinte, es gebe im Detail eine Kombination aus verschiedenen Faktoren, die den Ölpreis unter Druck gesetzt hätten. Möglicherweise sei der Ölpreis, der nach dem Shutdown zeitweise wieder bis auf rund 45 Dollar angestiegen war, zwischenzeitlich übertrieben gewesen („Überschießen“). Hinzu komme aktuell eine gewisse Risikoaversion von Anlegern, die sich auch am Aktienmarkt zeige. Als ein Grund dafür wurden am Dienstag neuerliche Spannung zwischen Amerika und China genannt. Auch der gegenüber den Tiefs wieder etwas stärkere Dollar dürfte eine Rolle für die Ölpreis-Entwicklung spielen, meinte Staunovo. Sicherlich sei es aber auch nicht hilfreich für den Ölpreis gewesen, dass der stellvertretende russische Ölminister Pavel Sorokin jetzt geäußert habe, dass es stolze drei Jahre benötigen werde, bis sich die Nachfrage nach Öl erholt haben werde. Auch die geringeren chinesischen Ölimporte seien als schlechtes Zeichen für die Entwicklung der globalen Energie-Nachfrage gedeutet worden.

Mehrere Analysten sagten, sie schlössen allerdings nicht aus, dass das Ölkartell Opec jetzt auf den schwachen Ölpreis reagieren und zumindest „verbal intervenieren“ werde. Saudi-Arabien beispielsweise, so wurde spekuliert, könnte versuchen, den Ölpreis durch Worte wieder etwas hochzutreiben.

Bleibt die spannende Frage: Muss einen das beunruhigen, wenn der Ölpreis deshalb schwach ist, weil die globale Wirtschaft nicht so anzieht wie erwartet? Oliver Klapschus vom Internetportal Heizoel24 jedenfalls deutet in seinem täglichen Marktbericht an, der Ölmarkt reagiere ja manchmal schneller als der Aktienmarkt auf Schwächen der wirtschaftlichen Entwicklung: „Bei den Ölpreisen wird sich erfahrungsgemäß sehr schnell zeigen, ob das erreichte Preisniveau durch die Nachfrage gedeckt ist, oder ob die Korrektur weiter Fahrt aufnimmt.“

Das könnte möglicherweise auch Aktien-Anleger beunruhigen. Allerdings waren auch am Aktienmarkt am Dienstag schon deutliche Kursverluste zu beobachten. Holger Schmieding, als Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg eher an der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung als an den Ölmarkt-Details interessiert, meinte: „Für mich sind die Ölpreise kein großes Thema.“ Der Rückgang des Ölpreises sei eher vom Ölmarkt getrieben als von der Konjunktur. „Andere Indikatoren zeigen ja an, dass der Wiederaufschwung sich zwar wie erwartet etwas abflacht – aber eine Stagnation oder sogar neue Rezession zeichnet sich nicht ab.“

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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