Deutsche im Börsenfieber

Aktienkäufe auf Rekordniveau

Von Markus Frühauf
10.05.2021
, 17:00
Einlagen und Zinstitel werfen immer weniger ab. Die Sparer weichen auf Aktien und Fonds aus. Sie haben 2020 so viel an der Börse investiert wie noch nie.

Die sehr lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) mit dem Phänomen der Negativzinsen lässt deutsche Sparer auf Aktien und Fonds ausweichen. Die Aktienkurse liegen auch deshalb hoch. Der deutsche Aktienindex Dax lag am Montag im Handelsverlauf auf 15.370 Punkten leicht im Minus, aber der kurz nach Ostern erreichte Rekord von 15.502 Punkten bleibt in Reichweite. Die Kursgewinne an den Aktienmärkten nach dem Corona-Crash im März 2020 werden so immer stärker von Privatanlegern getragen. Sie haben im Vorjahr so viel in Aktien investiert wie nie zuvor. Dies geht aus einer am Montag veröffentlichten Studie von ING Deutschland und der Finanzberatung Barkow Consulting hervor.

Demnach haben die Sparer im Jahr 2020 Aktien in Rekordhöhe von 49 Milliarden Euro erworben. Zum Vorjahr 2019 sprangen die Aktieninvestitionen um 160 Prozent hoch. Der alte Rekord stammt aus dem Jahr 1999, also den Zeiten des Neuen Marktes. Damals hatten viele Deutsche die Aktie entdeckt und in junge Unternehmen aus dem Internet- und Kommunikationsbereich investiert. Doch kurz danach platzte die „Dotcom“-Blase und viele Privatanleger erlitten empfindliche Verluste.

Wenn nun viele unerfahrene Anleger an die Börse strömen, ist das nicht nur das Zeichen für eine neue Aktienkultur hierzulande. Sollte es zu einer deutlichen Kurskorrektur an den Börsen kommen, was Fachleute angesichts der bestehenden Inflationssorgen und vor dem Hintergrund der schon erreichten hohen Niveaus nicht ausschließen, könnten sich die Privatanleger für viele Jahre wieder von den Aktien abwenden. So warnt auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die in Basel sitzende Bank der Zentralbanken, vor den Risiken, die Privatanleger inzwischen bereit sind einzugehen.

In den Vereinigten Staaten werden viele Aktien auf Kredit erworben. Aber auch die Kapriolen rund um die Aktie des amerikanischen Videospielehändlers GameStop zeigen eine hohe Risikoneigung vieler amerikanischer Kleinanleger. In Deutschland verzeichnen Neo-Broker wie Trade Republic einen hohen Zulauf, was Aufsichtsbehörden näher hinblicken lässt. Die EU-Wertpapier- und Börsenaufsicht ESMA warnt deshalb vor einer „Gamification of Investing“, also dem spielerischen Wertpapierhandel, der das Risikobewusstsein von Kleinanlegern beeinträchtigen und zur Popularität von Handelsstrategien mit hohem Schuldenhebel beitragen kann.

In der Studie von ING und Barkow, die auf Daten der Bundesbank und der EZB beruht, wird das weitere Potential für eine stärkere Gewichtung von Aktien und Fonds im Geldvermögen der Deutschen als groß gewertet. Denn die Zinserträge aus Bankeinlagen befinden sich der Analyse zufolge seit dem Höhepunkt der Finanzkrise im Sinkflug und haben von 2008 bis 2021 um 93 Prozent abgenommen. Hatte es im Jahr 2003 noch Zinserträge von 27,2 Milliarden Euro gegeben, sind es derzeit nur noch 2,1 Milliarden Euro. Gleichzeitig ist das Volumen im selben Zeitraum um 73 Prozent gestiegen.

Spareinlagen weiterhin an der Spitze

Mit 2,6 Billionen Euro stehen die Spareinlagen, also die Gelder auf Bankkonten, für 36 Prozent des Geldvermögens der deutschen Bevölkerung. Dahinter folgen mit knapp 2,5 Billionen Euro Ansprüche gegenüber Alterssicherungssystemen wie zum Beispiel Lebensversicherungen. In Aktien haben deutsche Privathaushalte nach der Bundesbank-Statistik 805 Milliarden Euro angelegt und in Fonds 735 Milliarden Euro.

Neben Aktien investieren Sparer auch verstärkt in Fonds wie den günstigen Indexfonds (Exchange Traded Funds; ETF). Neu flossen nach der ING-Analyse 41 Milliarden Euro in diese Anlagevehikel, fast ein Drittel mehr als im Jahr 2019. „2020 war in Deutschland ganz klar das Jahr der Aktienanlage“, sagte Thomas Dwornitzak, Leiter Sparen & Anlegen der ING Deutschland. Chancenorientierte Anleger hätten gezielt darauf als Ergänzung zum klassischen Sparen gesetzt.

Die niedrigen Zinsen kommen auf der anderen Seite den Privathaushalten in Form günstiger Kredite zugute. Von dem Niedrigzinsumfeld profitieren die Immobilienmärkte. Dort sind die Preise, insbesondere für Wohnimmobilien in den sieben größten deutschen Städten, regelrecht nach oben geschossen. Der Verband deutscher Pfandbriefbanken (vdp), dem die wichtigsten deutschen Immobilienfinanzierer angehören, meldete am Montag, dass sich der Immobilienpreisindex im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 6,2 Prozent erhöht hat. Der Index liegt auf Rekordniveau und um gut ein Fünftel höher als vor drei Jahren.

Teure Wohnimmobilien

Wohnimmobilien verteuerten sich im ersten Quartal um 8,4 Prozent. Der Preisanstieg für Wohnimmobilien beträgt im Zeitraum von drei Jahren fast ein Viertel. Hier zwingen die besonders stark gestiegenen Preise in den Metropolen die Deutschen dazu, in die Speckgürtel oder auf das Land zu ziehen. Jedoch ziehen auch dort die Preise verstärkt an.

Die hohen Immobilienpreise können den Aktienboom auch erklären, da für viele das Ersparte nicht mehr reicht, um in der gewünschten Stadt oder Region eine Immobilien zu kaufen. Das bedeutet: Sparvermögen fließt nicht als Eigenkapital in eine Immobilienfinanzierung, sondern an die Börse. Besonders teuer sind die sieben großen Städte Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt, Stuttgart und Düsseldorf. Zwar hat sich der Preisanstieg in diesen Metropolen verlangsamt, er setzte sich aber im ersten Quartal mit 5,3 Prozent fort.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Frühauf, Markus
Markus Frühauf
Redakteur in der Wirtschaft.
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