Agrarrohstoffe

Spekulation auf den Hunger der Welt

Von Dennis Kremer
12.10.2013
, 19:21
Die Preise für Weizen, Reis und Mais steigen seit Jahren. Gleichzeitig investieren Anleger Milliarden in Rohstofffonds. Gibt es da einen Zusammenhang?
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Bis ins Detail ist der Auftritt geplant, schließlich muss am kommenden Dienstag alles sitzen: Journalisten werden da sein, Kamerateams und Fotografen - und ihnen allen soll die Botschaft sofort ins Auge fallen: „Welternährung sichern. Spekulanten in die Schranken.“ Der Spruch soll auf einem Transparent stehen, zehn Meter lang und zwei Meter breit, das sie mitten im Frankfurter Bankenviertel in den Himmel halten wollen - genau dort, wo die Deutsche Bank und die Fondsgesellschaft Allianz Global Investors ihren Sitz haben.

Geschäfte auf Kosten der Ärmsten dieser Welt

Das ist der Plan der Hilfsorganisation Oxfam sowie einiger verbündeter Gruppen, und man muss ihnen zugestehen: Aus ihrer Sicht ist es ein wirklich guter Plan. Denn am Ende, so viel ist jetzt schon sicher, werden weder die Deutsche Bank noch die Allianz bei der Sache gut aussehen können - egal, was sie auch tun. Beiden wirft Oxfam nämlich etwas vor, was zuverlässig stets größte Empörung auslöst: Die Finanzhäuser betreiben Agrarspekulation, also nach Ansicht von Oxfam unerhörte Wetten auf die Preisentwicklung von Weizen, Reis, Mais und Zucker. Zugespitzt gesagt, lautet der Vorwurf: Dort oben, in den Vorstandsetagen der Geldhäuser, machen sie dicke Geschäfte auf Kosten der Ärmsten dieser Welt. Und das angesichts von mehr als 840 Millionen Menschen, die an Hunger leiden - wer würde dies nicht abscheulich finden?

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Fast 80 Prozent der Deutschen sind nach Umfragen gegen jede Form der Nahrungsmittelspekulation. Bei dem Protestmarsch am Dienstag dürfte Oxfam darum große öffentliche Zustimmung gewiss sein. Doch so eindeutig, wie es scheint, ist die Sache keineswegs: Es gibt nämlich angesehene Wissenschaftler wie die Agrarökonomen Thomas Glauben und Sören Prehn sowie den Wirtschaftsethiker Ingo Pies aus Halle, die in zahlreichen Studien zu ganz anderen Ergebnissen kommen. Sie sagen Sätze, die jeder Spekulationsgegner als ungeheuerlich empfinden muss: „Das starke Auftreten der Investoren auf den Agrarmärkten ist kein Übel, sondern ein Segen.“

Können sie damit recht haben? Treiben große Banken und Fondsgesellschaften durch ihr Tun also gerade nicht die Preise für Weizen, Mais und Reis ungehindert nach oben? Um dies zu beantworten, muss man zunächst einmal verstehen, wie der Terminmarkt für Agrarrohstoffe funktioniert. Dies ist nämlich der Ort, an dem Landwirte, Nahrungsmittelhersteller und Anleger zusammentreffen. Dort werden die sogenannten Futures gehandelt: Wertpapiere, die diesen Namen nur aus einem Grund tragen - weil sie auf die Zukunft ausgerichtet sind. Konkret bedeutet das: Zu Beginn des Jahres weiß ein Landwirt nie, wie gut seine Ernte ausfallen wird - darum kann er sich auf dem Terminmarkt beispielsweise gegen die Gefahr eines zu niedrigen Weizenpreises versichern. Auch Nahrungsmittelkonzerne möchten Unsicherheiten ausschließen und haben darum genauso ein Interesse an einer Versicherung - sie allerdings möchten das Risiko eines zu hohen Weizenpreises vermeiden. Darum brauchen Landwirte und Nahrungsmittelkonzerne für diese Absicherungsgeschäfte unterschiedliche Vertragspartner: Die Landwirte können nur mit jemandem ins Geschäft kommen, der mit einem steigenden Weizenpreis rechnet - die Lebensmittelkonzerne dagegen nur mit jemandem, der einen Rückgang des Weizenpreises erwartet.

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Die Sache mit dem Preis

An dieser Stelle, das bestreiten nicht einmal die Oxfam-Anhänger, werden nun die Spekulanten gebraucht: Je nach Überzeugung kaufen sie entweder Wertpapiere auf einen steigenden oder einen fallenden Weizenpreis. Gäbe es sie nicht, stünden Landwirte und Lebensmittelkonzerne am Ende ohne Versicherung da. Ohne Investoren würde der Terminmarkt also nicht funktionieren, könnte sich kein Akteur absichern. Dem Markt fehlte es an Liquidität, wie die Fachleute das nennen.

Alles bestens also? Nicht aus Sicht der Kritiker. Sie sind der Ansicht, dass der einstmals gut funktionierende Mechanismus längst aus dem Ruder gelaufen sei, und machen dies an zwei Beobachtungen fest: Zum einen sind die Preise wichtiger Nahrungsmittel seit Anfang des Jahrtausends viel stärker gestiegen als in den Jahrzehnten zuvor. Eine Tonne Mais beispielsweise kostet heute fast dreimal so viel wie im Jahr 2000, Ähnliches gilt auch für Weizen, Zucker und Reis. Zum anderen ist seit der Jahrtausendwende eine spezielle Art von Fonds auf den Rohstoffmärkten aktiv, die anfangs kaum Beachtung fand, aber mittlerweile weltweit Anlagegelder in der gewaltigen Höhe von 160 Milliarden Dollar eingesammelt hat: die sogenannten Indexfonds (ETF). Sie bilden die Preisentwicklung wichtiger Agrarrohstoffe nach, indem sie Futures kaufen. Die Schlussfolgerung vieler Kritiker lautet nun: Hier muss es doch einen Zusammenhang geben. Es ist ihrer Meinung nach zu einem großen Teil der Siegeszug der Indexfonds, der die Preisexplosion der vergangenen Jahre verursacht hat. Mit anderen Worten: Wenn auch unbeabsichtigt - diese Fonds tragen Mitschuld am Hunger in der Welt.

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Ein schwerwiegender Vorwurf, der den Hallenser Professoren Glauben und Pies keine Ruhe gelassen hat. In einer neuen, noch unveröffentlichten Studie haben sie darum geprüft, ob es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der neuen Stärke der Indexfonds und dem Preisanstieg bei Nahrungsmitteln gibt. Das überraschende Ergebnis lautet: nicht im Geringsten. Stattdessen spricht viel für das Gegenteil: Danach hat vor allem das Auftreten dieser Fonds noch stärkere Preisanstiege verhindert.

Das sagen Forscher

Woran machen die beiden Forscher das fest? Zunächst räumen sie mit zwei grundsätzlichen Einwänden gegen Indexfonds auf. Der erste geht so: Die Fonds erhöhten durch ihre Aktivität die Nachfrage nach Weizen oder Reis und erzeugten so eine künstliche Knappheit, die die Preise treibe. Dass dies nicht sein kann, leuchtet jedoch beim Blick auf die Funktionsweise der Fonds sofort ein: Sie kaufen nämlich nie echte Weizenkörner oder echten Reis, sondern immer nur Weizen- oder Reis-Futures - also Wertpapiere, keine Nahrung.

Aber, so lautet der zweite Einwand, dann verzerren die Fonds doch mit Sicherheit die Preise auf dem Terminmarkt nach oben? Auch dem ist nicht so. Denn die Fonds kaufen und verkaufen Wertpapiere nach einem festgelegten Mechanismus: „Sie verkaufen, was relativ teuer ist, und kaufen, was relativ günstig ist“, sagt Forscher Ingo Pies. „Damit federn sie starke Preisschwankungen ab - zum Wohle aller Marktteilnehmer.“

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In der Praxis funktioniert dies so: Bei ihren Handelsentscheidungen folgen die Fonds strikt den Vorgaben des Rohstoffindex, den sie abbilden. Haben Mais-Wertpapiere in diesem Index beispielsweise einen vorgeschriebenen Anteil von 20 Prozent, muss der Fonds die Papiere zu einem klar bestimmten Zeitpunkt verkaufen - dann nämlich, wenn ihr Preis so deutlich steigt, dass sie ihr vorgeschriebenes Gewicht von 20 Prozent überschreiten. Sinkt der Preis dagegen stark, kauft der Fonds zu, um so das Gewicht der Mais-Wertpapiere im Index wieder auf den vorgesehenen Anteil zu erhöhen.

Gilt dieser schöne Ausgleichsmechanismus jedoch auch dann noch, wenn den Indexfonds Milliardensummen an Anlegergeld zufließen? Schließlich müssen sie das Geld investieren - und damit steigt automatisch die Gesamtmenge an Terminmarkt-Papieren, die sie kaufen, drastisch an. Doch die Befürchtung, dies führe zu steigenden Preisen, können die Forscher mit Hilfe einer klaren Beweisführung widerlegen.

Ein Fazit

Danach ist die höhere Nachfrage nach Terminmarkt-Papieren sogar gut für die Landwirte. Denn eine höhere Nachfrage der Fonds bedeutet im Umkehrschluss: Mehr Landwirte können sich über ein Termingeschäft gegen einen drastischen Rückgang der Agrarpreise versichern - und das zu günstigeren Konditionen. Dahinter steckt eine einfache marktwirtschaftliche Logik: Je größer das Angebot an Versicherungen (also an Geldern im Indexfonds), umso niedriger sind auch die Beiträge, die die Versicherten (die Landwirte) zahlen müssen. Daten der weltgrößten Rohstoffbörse in Chicago bestätigen den Zusammenhang: Dort haben sich zuletzt so viele Landwirte gegen niedrige Preise abgesichert wie noch nie. Und was gut für den Landwirt sei, sei gut für alle Konsumenten, argumentieren die Forscher. Denn ein Landwirt, der seine Ernte gut abgesichert weiß, ist eher bereit, beim Anbau oder bei der Bestellung des Feldes etwas zu riskieren - eine Innovationsfreude, die sich auf mittlere Sicht durch höhere Ernteerträge bezahlt machen wird.

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So bleibt am Ende von den vielen Vorwürfen der Spekulationsgegner kaum etwas übrig. Der Welthunger wäre an anderen Orten dieser Erde sicher wirkungsvoller zu bekämpfen als ausgerechnet im Frankfurter Bankenviertel.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kremer, Dennis
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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