Aktienmarkt

Staatsfonds aus Nahost bewegen die Märkte

Von Hanno Mußler
05.02.2016
, 19:43
Goldene Zeiten für Ölförderer sind weiterhin nicht in Sicht.
Erdöl-Staaten haben auf den Kapitalmärkten Billionen investiert. Doch schwindende Öleinnahmen könnten ihre Fonds jetzt zwingen, Aktien und Anleihen zu verkaufen. Es droht ein Preisabwärtsschub.

Die fallenden Ölpreise bringen Unruhe in die Wertpapiermärkte. Denn wichtige Nachfrager von Aktien und Anleihen der Industrieländer sind in Schwierigkeiten. Die Schweizer Großbank UBS hat berichtet, dass im vierten Quartal 2015 Fonds aus ölreichen Ländern von der Bank 3,4 Milliarden Franken (3,1 Milliarden Euro) abgezogen hätten, weil sie Liquidität benötigten. Der Pariser Bankier Philippe Oddo, der gerade die Frankfurter BHF-Bank gekauft hat und über gute Kontakte in den Nahen und Mittleren Osten verfügt, erklärt die aktuelle Schwäche der Börsen so: „Einige große Staatsfonds sind gezwungen, Aktiva zu verkaufen, weil ihre Einnahmen sinken.“ Das wäre neu.

Bis 2014 schwammen Öl exportierende Schwellenländer nur so in Überschüssen. Ihre Fremdwährungsreserven (im Wesentlichen Dollar-Bestände) kletterten höher und höher. Noch heute zehrt ein Land wie Russland davon, dass seine Zentralbank 364 Milliarden Dollar an Fremdwährungsreserven verwaltet. Einige Länder gerade am Persischen Golf wie Abu Dhabi und Kuweit haben mit ihrem Ölverkauf sogar so viel eingenommen, dass sie mit einem Teil der Fremdwährungsreserven riesige Staatsfonds aufbauen konnten.

Auch wenn wenig dazu öffentlich bekannt ist, so lässt sich doch sagen: In diesem Fonds stecken oft dreistellige Milliardendollarbeträge, die breit angelegt sind, vorzugsweise in Anlagen, die nichts mit Öl zu tun haben. So wird der hinter dem norwegischen Staatsfonds größte Fonds der Welt, der ADIA des Emirats Abu Dhabi, auch als Zukunftsfonds bezeichnet, weil er den Wohlstand der nächsten Generation sichern soll; vorausschauend wird gedacht an eine Welt, die deutlich weniger Öl verbrauchen könnte als heute.

4,5 Billionen Dollar in 26 Fonds?

Doch überraschend schnell werden die Staatsfonds jetzt gebraucht, um Löcher zu stopfen, die durch ausbleibende Öleinnahmen gerissen werden. Der Internationale Währungsfonds schätzte schon im Oktober – damals standen die Ölpreise noch bei 50 Dollar –, dass die Erdöl exportierenden Länder 2015 ein Leistungsbilanzdefizit erwirtschaftet haben. Es wäre das erste seit 1998, und die Lage hat sich inzwischen mit Ölpreisen um 30 Dollar weiter zugespitzt.

Von der Ratingagentur Moody’s heißt es: „Wir erwarten, dass die Staatsfonds zunehmend dazu verwendet werden, um Haushaltsdefizite zu finanzieren.“ Die Ratingagentur Fitch wartete sogar in dieser Woche mit einer präzisen Schätzung auf. Abu Dhabis Fonds ADIA werde von 502 Milliarden Dollar auf 475 Milliarden Dollar bis Jahresende 2016 schrumpfen, weil er Geld in das Staatsbudget transferieren müsse.

Bild: F.A.Z.

Dafür könnte der Fonds selbst gemanagte Anlagen, aber auch an Fremdfonds in Amerika ausgelagerte Gelder verwenden. Derartige Schätzungen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Weil es sich oft um Fonds autoritärer Staaten handelt, weiß kaum jemand genau, wie viel die Staatsfonds überhaupt anzulegen haben. Oft ist die Zahl von 4,5 Billionen Dollar zu hören und zu lesen, die von den 26 größten Staatsfonds angeblich verwaltet werden.

Großer Faktor an den Kapitalmärkten

Falls sie stimmt, wäre das doppelt so viel wie in Hedgefonds steckt. Zudem hält es Massimiliano Castelli, verantwortlich für die Anlagestrategie im Asset Management der UBS, für erforderlich, auch die von Zentralbanken Erdöl exportierender Länder verwalteten Fremdwährungsreserven zu berücksichtigen. Castelli führt dazu eigene Hochrechnungen: Demnach erreichten Devisenreserven und Staatsfonds nach einem jährlichen Zuwachs von rund 10 Prozent seit 2004 mit 17,6 Billionen Dollar 2014 ihren Höchststand. Castelli schätzt, dass sie nun bis Ende 2015 auf 16,4 Billionen Dollar gesunken sind. Größter Treiber dabei sind die schrumpfenden Fremdwährungsreserven Chinas – Staatsfonds verloren lediglich von 6,1 auf 5,9 Billionen Dollar.

Damit bleiben Staatsfonds ein großer Faktor an den Kapitalmärkten, der die Kurse bewegen kann. Das amerikanische Finanzministerium hat veröffentlicht, dass die vierzehn Staaten des Erdölkartells Opec zusammengenommen hinter China und Japan die meisten amerikanischen Staatsanleihen halten, also drittgrößter Gläubiger der Vereinigten Staaten sind. Viele Staatsfonds sind allerdings deshalb aufgelegt worden, um mehr als zuvor die Reserven riskanter, aber renditeträchtiger in Aktien und Anlagen wie Immobilien zu stecken. Daher könnten sie zu den großen Verkäufern an den Aktienmärkten gehören, die Indizes wie dem Dax in diesem Jahr schon Verluste von mehr als 10 Prozent eingebracht haben.

Thomas Herbert, Chefanlagestratege der Fondsgesellschaft Oddo Meriten Asset Management Deutschland hat für ADIA, den Staatsfonds Abu Dhabis, in der Vergangenheit acht Jahre gearbeitet. Heute hat Herbert kein Insiderwissen mehr, vermutet aber im Gespräch mit der F.A.Z. , dass Staatsfonds jetzt wie viele kleinere Pensionsfonds auch gerade ihre Risiken verringerten. „Ich hielte es für völlig normal und wenig spektakulär, wenn Staatsfonds angesichts einer schwierigen Haushaltslage in ihrem Heimatland, fallender Aktienkurse und steigender Risikoprämien fast überall auf der Welt jetzt ihre Risikoquoten anpassen, um Liquidität aufzubauen“, sagt Herbert.

Saudi-Arabien: 90 Milliarden Euro Staatsdefizit

Er gibt aber zu: „Hinter solchen Anpassungen stehen bei Staatsfonds oft zweistellige Milliardenbeträge, die von manchen, weniger liquiden Kapitalmärkten nicht ohne weiteres verkraftet werden können.“ Dabei denkt Herbert weniger an die relativ liquiden Aktienmärkte, sondern an spezielle Teile des Anleihemarktes. „Zum Beispiel für den seit der Finanzkrise deutlich illiquideren amerikanischen High-Yield-Markt ist es eine Herausforderung, wenn große Staatsfonds nur einen prozentual kleinen Teil ihrer Anlagen verkaufen“, meint Herbert.

Niedriger Ölpreis
„Selbst Fracking rechnet sich nicht mehr“
© dpa, reuters

Fachleute glauben nicht, dass Staatsfonds aus dem Mittleren und Nahen Osten schon jetzt ihr Tafelsilber wie strategische Unternehmensbeteiligungen verkaufen müssen, wie sie zum Beispiel Qatar an der Deutschen Bank, Credit Suisse und Barclays eingegangen ist. Castelli von der UBS erwartet vielmehr zunächst weniger Nachfrage der Staatsfonds. Obwohl Saudi-Arabien, das Land mit den größten Ölreserven, 2015 mit umgerechnet 90 Milliarden Euro das höchste Staatsdefizit aller Zeiten beklagte, sieht Castelli dort keine großen fiskalischen Risiken für 2016 und 2017, selbst wenn die Ölpreise so tief bleiben sollten wie jetzt.

„Es gibt noch genügend andere Hebel wie Steuererhöhungen und Subventionskürzungen, um die derzeit durchaus angespannte Haushaltslage vieler Erdöl exportierender Staaten einzudämmen“, lautet auch die Einschätzung von Herbert. Castelli kann sich aber vorstellen, dass Saudi-Arabien in diesem Jahr eine Anleihe am Kapitalmarkt aufnehmen wird. Außerdem wird geprüft, das Staatsunternehmen Aramaco, größter Ölförderer der Welt, teilweise an der Börse zu verkaufen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Mussler, Hanno
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
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