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Bundesbank

Die Retter der zerstörten Scheine

Von Tim Kanning, Mainz
15.04.2015
, 10:18
Geschredderte Euro-Scheine: Im Falschgeldzentrum der Bundesbank ist das Puzzle-Spiel lästige Pflicht. Bild: Frank Röth
Wenn ein Haus brennt, geht oft auch das Geld in Flammen auf. Anderswo landet es im Schredder. Die Bundesbank setzt es wieder zusammen – und hört die skurrilsten Geschichten.

Queen Elizabeth sieht noch ganz passabel aus. Zwischen verkohlten Geldscheinen und verrosteten Münzen lächelt sie weitgehend unbeschädigt von einer britischen Pfundnote, als Frank Herzog diese mit seinem Skalpell freilegt. Der Rest der Geldkassette, die vor dem Mitarbeiter des Nationalen Analysezentrums der Bundesbank auf dem Tisch liegt, ist samt ihrem Inhalt weitgehend zerstört. Ein Wohnungsbrand in Süddeutschland wurde ihr zum Verhängnis; die Barmittel in Euro, Pfund und Dollar, Ausweisdokumente und ein wenig Schmuck konnte die Stahlschatulle nur dürftig vor der Hitze der Flammen und dem Löschwasser der Feuerwehr schützen.

Nun sind sie ein Fall für Rainer Elm und sein Team. Am Mainzer Standort der Bundesbank kommen alle Geldscheine aus Deutschland zusammen, die nicht einfach wieder in Umlauf gebracht werden können. Brandgeld, Flutgeld, Blutgeld – in solchen Kategorien denken sie hier. Wenn Bargeld bei Bränden, Überschwemmungen oder Unfällen beschädigt wurde, sollen Elms Mitarbeiter feststellen, wie viel Geld es war. Wenn alles okay ist, werden dem Einsender seine beschädigten Scheine in neue, gültige umgetauscht. Das ist bei mehr als 90 Prozent der Einsendungen der Fall.

Bei der verkohlten Geldkassette muss Frank Herzog schon genau hinschauen. Hitze und Löschwasser haben die Geldbündel teilweise so fest zusammenverklebt, dass er sie nur mit viel Geschick voneinander trennen kann. Die obersten Scheine sind stark verkohlt, das Plastik der Kleingeldablage ist über sie geschmolzen, von einigen sind nur noch Ascheschnipsel da. Mit bloßem Auge ist den schwarzen Fetzen nicht anzusehen, ob sie einmal ein 5- oder ein 500-Euro-Schein waren. Doch Herzog ficht das nicht an. Mit einem hochauflösenden Mikroskop kann er auf seinem Computerbildschirm jedes Detail erkennen. Jeder Schein habe seine eigenen Merkmale, sagt er. In der Regel brauche er nicht viel mehr als einen Quadratmillimeter eines Scheins um seinen einstigen Wert erkennen zu können.

Die Schnipsel, die Cindy Wurzbacher zu Tausenden vor sich liegen hat, sind vielleicht jeweils fünf Quadratmillimeter groß. Der Aktenschredder hat ganze Arbeit geleistet. Ein Unternehmer behauptet, dass ihm das Geld aus Versehen in einem Kuvert in das Gerät gelangt sei – 98.000 Euro insgesamt. „Das wird zu hinterfragen sein“, sagt Michael Erbert, Leiter des Bereichs Beschädigtes Bargeld, nüchtern. In mühevoller Kleinstarbeit versucht seine Mitarbeiterin Wurzbacher nun schon seit mehr als drei Wochen, aus dem bunten Wust wieder Scheine zusammenzusetzen. Erst hat sie die Schnipsel nach Farben sortiert, damit immerhin zum Beispiel alle Fünfziger beieinanderliegen. Dann hat sie sich die Fetzen gesucht, auf denen Teile der Seriennummer zu erkennen sind. Diese Ziffernfolgen lassen sich dann vergleichsweise leicht zusammensetzen.

Ob es wirklich ein Versehen war oder andere Motive hinter der Geldschredderei stecken, müssen andere Stellen prüfen. Aber wenn knapp 100.000 Euro plötzlich wertlos sind, kann das eine ganze Existenz zerstören. Wurzbachers Aufgabe ist es daher, den Wert des bunten Haufens zu überprüfen. Im ersten Schritt hatte sie den Schnipselhaufen gewogen – dem Gewicht nach könnten es tatsächlich einmal 98.000 Euro gewesen sein. Und die ersten Scheine, die sie komplett zusammengesetzt hat, waren weder Falschgeld noch unvollständig.

Wenn der Hund die Scheine frisst

Damit sie einen Geldschein umtauschen können, müssen die Mainzer mehr als die Hälfte davon bekommen. Sonst ließen sich dort ja ganz leicht die Barmittel verdoppeln. Hat ein Geschädigter nur noch weniger als die Hälfte, muss er nachweisen können, dass der Rest zerstört ist. Im Falle eines gefräßigen Hundes kann das schon einmal unappetitlich werden. Tatsächlich kommen laut Rainer Elm, dem Leiter des Analysezentrums, relativ häufig Scheinfetzen in Mainz an, die der Hund gefressen haben soll. Das sei nicht nur eine dumme Ausrede. „Hunde sind wirklich scharf auf Banknoten“, sagt er. Sie fressen sie gerne, können sie aber nicht verdauen. „Es gibt genug Beispiele, bei denen die verschwundene Hälfte nach einiger Zeit wieder auf einer Wiese aufgetaucht ist.“ Auch die wird dann schon einmal an die Bundesbank geschickt.

Bei einem verbrannten Portemonnaie etwa raten die Bundesbanker auf jeden Fall dazu, alles komplett an sie zu schicken und nicht etwa die heilen Überbleibsel herauszureißen. Auf diese Weise können sie leichter überprüfen, dass der Rest tatsächlich zerstört ist. So kommen auch schon einmal skurrile Lieferungen im Analysezentrum an. Einmal wurde ein ganzer Baumstamm abgeladen, in den Hochzeitsgäste einem jungen Paar Geldscheine stecken sollten. Leider hatte keiner an den Harz gedacht. Die Scheine waren partout nicht mehr aus dem Baum zu lösen. Mancher findet nach dem Tod eines Angehörigen verstecktes Geld im Keller, das Mäuse oder der Schimmelpilz zerlegt haben. Und dann gibt es da noch die traurigen Fälle; wenn blutverschmierte Geldbörsen von Unfallopfern auf den Tischen von Elm und seinen Kollegen landen. „Das ist alles, was mir von meiner Frau geblieben ist“, stand einmal in einem angehängten Brief.

Analyse und Umtausch sind kostenlos

27.000 Anträge auf Erstattung beschädigten Geldes haben Elm und seine Mitarbeiter im vergangenen Jahr bearbeitet, so viele wie noch nie zuvor. Die meisten Fälle sind weit unkomplizierter als das 98.000-Euro-Puzzle. Analyse und Umtausch sind für den Einsender kostenlos, wenn er nicht gerade mutwillig sein Geld zerstört hat – etwa mit einem Hunderter die Zigarre angezündet hat. So will die Bundesbank verhindern, dass Leute beschädigte Scheine einfach selbst irgendwie zusammenkleben und dann lauter unansehnliche Lappen im Verkehr sind. Queen Elisabeth und die anderen Fremdwährungsscheine aus der verbrannten Geldkassette werden dem Geschädigten zurückgeschickt. Damit müsste er sich an die Bank of England und die übrigen Notenbanken wenden.

Nicht nur beschädigte Scheine untersuchen die Mitarbeiter des Analysezentrums. Auch das Falschgeld, das in deutschen Geschäften oder Banken auffällt, landet hier unter den Mikroskopen. Wie hat der Fälscher welche Merkmale imitiert? Lassen sich gleiche Muster wie bei früheren Exemplaren erkennen, was auf den gleichen Urheber schließen ließe? Solche Fragen versucht Mitarbeiter Uwe Müller mit Hilfe seines UV-Analysegeräts zu klären. Die Zahl der in Deutschland sichergestellten falschen Euronoten ist im vergangenen Jahr um 63 Prozent auf 63.000 gestiegen. Vor allem gut organisierte Banden in Italien sind offenbar groß in das Geschäft eingestiegen. Doch Müller denkt nicht so sehr an Mafiosi in italienischen Hinterhöfen, wenn er eine häufig auftretende Blüte wiedersieht. Für ihn gehört ein Schein mit bestimmten Merkmalen einer „Klasse“ an, die mit einer Kombination aus Zahlen und Buchstaben per Kugelschreiber auf dem Schein notiert wird. Um die Mafiosi muss sich dann die Polizei kümmern.

In den Musterkoffern gefälschter Scheine, die über die Jahrzehnte ganze Schrankwände gefüllt haben, reicht die Qualität von täuschend echt bis stümperhaft. Ein Künstler hat sich mit Buntstiften an der Imitation eines 100-Euro-Scheins versucht. Ein anderer hat allen Ernstes Euroschein-Toilettenpapier auf normales Papier geklebt, um damit in einem Laden zu bezahlen. Doch es gibt auch eine ganze Reihe von Blüten, bei denen der Laie schon sehr genau hinschauen muss – einen 200-Euro-Schein zum Beispiel, von dem seit Jahren immer einmal wieder ein Exemplar auftaucht und von dem der Urheber noch immer nicht ausgemacht werden konnte. „Auf den ersten Blick sieht der Schein täuschend echt aus“, sagt selbst Müller anerkennend. „Aber wenn man auf die Details schaut, ist alles falsch: das Papier, das Hologramm, der Silberstreifen und alle anderen Merkmale auch.“

Quelle: F.A.Z.
Tim Kanning
Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.
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