Devisen

Der Atem der „Dollarbullen“ bleibt nicht ewig stark

13.06.2005
, 11:30
Am Devisenmarkt ist von einer „Dollarrally“ die Rede. Dabei hat sich der Greenback gerade einmal leicht von seinen Rekordtiefs erholt. Mittel- und langfristig dürfte er vor allem gegen asiatische Währungen in die Defensive geraten.

Die Zeiten ändern sich schnell am Devisenmarkt: Waren die Marktteilnehmer zu Jahresbeginn überaus optimistisch für den Euro und äußerst pessimistisch für den Dollar, so scheint sich die Stimmung inzwischen gerade ins Gegenteil gedreht zu haben.

Plötzlich ist von einem angeblich starken Dollar und einem schwachen Euro die Rede. Dabei hat die europäische Einheitswährung, ausgehend von ihrem Hoch bei 1,3666 Dollar, gerade einmal etwas mehr als elf Prozent auf zuletzt 1.2073 Dollar nachgegeben, nachdem sie in den Jahren zuvor knapp 64 Prozent gegen den amerikanischen Greenback zugelegt hatte.

„Dollarbullen“ legen sich die Argumente zurecht ...

Nun reden kurzfristig orientierte und möglicherweise auch kurzsichtige Marktteilnehmer vom sich ausweitenden Zinsvorsprung Amerikas, der gegen den Euro gerichteten Dynamik, dem schwachen Wirtschaftswachstum in den europäischen Kernstaaten, der wirtschaftspolitischen Konzeptionslosigkeit, der notorischen Schuldenpolitik auf dem „alten Kontinent“, dem europapolitischen Chaos. Und sie prognostizieren, daß der Euro noch weiter fallen werde. Möglicherweise löse sich gar die europäische Währungsunion auf, heißt es mancherorten.

Bild: Bloomberg

Solche Argumente mögen teilweise eine gewisse Berechtigung haben. Allerdings ist unverkennbar, daß die gemeinsame Währung gerade den größten Kritikern die größten Vorteile gebracht hat. Italien zum Beispiel wäre aufgrund seiner überbordenden Verschuldung ohne die gemeinsame Währung wohl nie in den Genuß so vorteilhafter Finanzbedingungen gekommen, wie in den vergangenen Jahren.

Das südeuropäische Land steht exemplarisch für die wahren Probleme Europas. Der Kontinent leidet nicht unter einer zu harten Währung, sondern unter wirtschaftspolitischen Versagen. Die meisten Staaten leben schon Jahrzehnte über ihre Verhältnisse und sind nicht einmal in Ansätzen dazu fähig, ihre Ausgabenstrukturen auf eine nachhaltige Basis zu stellen.

In den Vereinigten Staaten sieht es allerdings keinen Deut besser aus. Auch dort steigen die Staatsschulden rasant, Unternehmen und Privathaushalte sind ebenfalls massiv verschuldet. Gleichzeitig lebt das Land zu einem großen Teil auf Kosten des Restes der Welt. Das zeigt sich deutlich an der rekordtiefen Sparquote und am massiven, im Trend steigenden Handels- und Leistungsbilanzdefizit. Auf dieser Basis konkurrieren gewissermaßen zwei Währungen mit schwachem Fundament miteinander.

... dürften aber langfristig kaum Recht behalten

Grundsätzlich steht auch Japan nicht besser da. Dort dominieren schon Jahrzehnte anhaltende Strukturprobleme das Geschehen. Allerdings erzielen die effizienten Unternehmen des Landes massive Handelsbilanzüberschüsse, die eigentlich zu einer Aufwertung der japanischen Währung führen müßten. Massivste Interventionen am Devisenmarkt haben das bisher verhindert und gleichzeitig dabei geholfen, die amerikanischen Defizite zu finanzieren.

Dazu haben auch China und andere asiatische Staaten beigetragen, indem sie ihre Währungen direkt oder indirekt an den Dollar gekoppelt haben. Das Wachstum in diesen Staaten und die enormen Handelsbilanzüberschüsse führten allerdings zu einem Anschwellen der Währungsreserven. Auch sie wurden bisher zu einem großen Teil in amerikanischen Festverzinslichen investiert. Und das, obwohl dort die Rendite sehr, sehr tief ist.

Was in der Vergangenheit so war, dürfte allerdings nicht immer so bleiben. Denn ähnlich wie beim Platzen des Bretton-Woods-System dürfte auch hier der Zeitpunkt kommen, an dem sie die in Unmengen gedruckten Dollarnoten nicht mehr haben wollen. Sie werden ihre Währungsreserven in den heimischen Konsum lenken, mehr Rohstoffe erwerben oder in andere Währungen diversifizieren. Spätestens dann dürfte der Dollar wieder in die Defensive geraten. Nicht unbedingt gegen den Euro, sondern vor allem gegen die asiatischen Währungen.

Asiatische Währungen auf längere Sicht bevorzugen

In diesem Sinne dürfte es ratsam sein, bei „Wetten auf den Dollar“ eine gewisse Vorsicht walten zu lassen. Der Greenback dürfte kurzfristig zwar auf Grund der Markttechnik sogar noch bis auf 1,1975 oder gar 1,1760 Dollar je Euro zulegen können - bei einer spekulativen Übertreibung vielleicht sogar noch weiter.

Mittel- und langfristig dürfte es sich aber um gute Verkaufskurse handeln. Insbesondere gegen die asiatischen Währungen. Dieser Ansicht sind nicht nur einige namhafte Devisenstrategen, sondern auch Experten wie Ray Dalio von Bridgewater Associates. Er hat mit seinen Fonds in den vergangenen 16 Jahren immerhin eine Durchschnittsrendite von 16 Prozent nach Gebühren erzielt.

Auch die Aktien der Region und Rohstoffe dürften weiterhin interessant bleiben oder werden. Denn in den dortigen Staaten hat sich nicht nur die Finanzsituation deutlich gebessert, sondern dort findet auch das wahre Wachstum statt. Das zeigt sich auch am Beispiel Intels: Der Umsatz des Unternehmens wächst beinahe ausschließlich in Asien und er ist dort doppelt so groß wie in Europa und Amerika zusammen. Auf der Währungsseite scheint vor allem der malaysische Ringgit massiv unterbewertet zu sein.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @cri
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