Devisenmarkt

Der schwache Yuan ärgert die Amerikaner

Von Claus Tigges
11.10.2004
, 08:13
Volkswirtschaftlich betrachtet gibt es mehr Gründe, die gegen das derzeit von China praktizierte Wechselkursregime sprechen als dafür. Doch noch haben die Chinesen Angst vor einer allzu schnellen Freigabe ihrer Währung.

Bei der jüngsten Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank stand China erneut im Blickpunkt. Vor allem das Thema Wechselkurs beschäftigt Währungsexperten und Politiker. Der chinesische Yuan ist seit mehr als acht Jahren im festen Verhältnis von 8,27 je Dollar an die amerikanische Währung gebunden.

Nicht zuletzt aufgrund des schnellen Wachstums der chinesischen Wirtschaft in den vergangenen Jahren sind Ökonomen zu der Einsicht gelangt, daß sich in diesem Austauschverhältnis das wirtschaftliche Kräfteverhältnis nicht mehr angemessen widerspiegelt.

Vor allem die Amerikaner klagen ...

In den Vereinigten Staaten schlagen die Wellen seit Monaten hoch, wird doch der niedrige Kurs des Yuan als ein wesentlicher Grund der langen Misere des verarbeitenden Gewerbes gesehen. Der Wechselkurs verschaffe chinesischen Exporteuren einen unzulässigen Wettbewerbsvorteil und leiste der Verlagerung von Arbeitsplätzen in das Billiglohnland jenseits des Pazifiks Vorschub, argumentieren Gewerkschaften und Industrieverbände gleichermaßen.

In Europa hält sich der Unmut zwar noch in Grenzen. Doch so manche Regierung im Euro-Raum sähe einen flexibleren Yuan schon deshalb gerne, weil der Euro dann nicht nahezu alleine die mutmaßliche Last einer weiteren Abwertung des Dollar an den internationalen Devisenmärkten zu schultern hätte. Über die Vor- und Nachteile eines starken Euro läßt sich lange streiten, sie reichen von der Kaufkraftstabilität bis zu höheren Hürden im internationalen Wettbewerb für europäische Exporteure.

... obwohl gerade sie auch profitieren

Insbesondere die Beschwerdeführer in Amerika übersehen aber, daß amerikanische Unternehmen und Konsumenten in vielfacher Hinsicht von der Herstellung billiger Produkte in China profitieren. Die günstige Fertigung erhöht nicht nur die Wettbewerbskraft der Unternehmen, sie kommt auch den Verbrauchern in Form niedrigerer Preise zugute. Das Argument für einen höheren Yuan-Kurs, Vorteile aus dem internationalen Handel ließen sich nur unter fairen Wettbewerbsbedingungen erzielen, geht ins Leere: Gleiche Produktionsbedingungen sind dafür nicht notwendig.

Gleichwohl gibt es eine Reihe gewichtiger Gründe für eine Flexibilisierung des Yuan-Kurses. Sie haben vor allem mit der chinesischen Wirtschaft selbst zu tun. "Die Dollar-Anbindung hat China gute Dienste geleistet in einer Zeit, in der die Inflation hoch war und das Exportwachstum gerade erst einsetzte. Jetzt, da die Inflation gezähmt ist und der Export boomt, ist sie weit weniger gut geeignet", sagt Barry Eichengreen, Ökonom an der Universität Berkeley. Angesichts der zunehmend größeren Offenheit der chinesischen Wirtschaft werde es für die Regierung immer schwieriger, das Wachstum der Geldmenge und damit die Inflation im Zaum zu halten.

Suche nach dem richtigen Zeitpunkt

Die Führung in Peking erkennt die Argumente Eichengreens und anderer Ökonomen durchaus an, schiebt eine Entscheidung aber hinaus aus Furcht, eine starke Aufwertung des Yuan werde das Wachstum dämpfen, die Banken des Landes in ernste Bedrängnis bringen und die Arbeitslosigkeit in die Höhe treiben. "Den ,richtigen' Zeitpunkt für die Beendigung eines Wechselkursregimes gibt es nicht. China sollte sich sofort auf einen flexibleren Wechselkurs zubewegen", fordert Eichengreen. Einen gänzlich frei schwankenden Kurs hält der Ökonom "auf absehbare Zeit" nicht für ratsam.

Eichengreen plädiert statt dessen für einen sogenannten "managed float", ein Wechselkursregime, das Schwankungen zwar grundsätzlich zuläßt, in dem aber allzu heftige Kursausschläge durch Devisenmarktinterventionen eingefangen werden. "Auf diese Weise könnten das Wechselkursrisiko chinesischer Exporteure und damit die Risiken für die Banken begrenzt werden", meint Eichengreen.

Es finden sich mehr Gründe gegen ein fixes Wechselkursregime als dafür

Ähnlich sieht es auch sein Kollege Morris Goldstein vom Institute for International Economics in Washington. "China sollte die Wechselkurspolitik nicht allein deshalb ändern, weil es von außen dazu gedrängt wird. Aber über einen flexibleren Kurs ließen sich zahlreiche wirtschaftspolitische Ziele Pekings besser erreichen, von der Reform des Finanzsystems bis zu einem dauerhaft tragfähigen Wachstum ohne Zeichen der Überhitzung", sagt Goldstein.

Der Ökonom hat eine Wechselkursreform in zwei Schritten im Sinn: Zunächst müsse der Yuan um 15 bis 25 Prozent aufgewertet und an einen Korb aus verschiedenen Währungen gebunden werden, und es müsse eine Schwankungsbreite von 5 bis 7 Prozent um den Leitkurs zugelassen werden. Erst nachdem das chinesische Finanzsystem in die Lage versetzt sei, den möglichen Kapitalabfluß im Rahmen einer Liberalisierung des Kapitalverkehrs zu verkraften, solle ein "managed float" eingeführt werden, rät Goldstein.

Barry Eichengreen: Chinese Currency Controversies, April 2004, im Internet unter http://emlab.berkeley.edu/users/eichengr/new.html

Morris Goldstein: Adjusting China's Exchange Rate Policies, Mai 2004, im Internet unter www.iie.com

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.10.2004, Nr. 41 / Seite 36
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