Finanzmarktbericht

Das teure Öl nährt nun wieder Wachstumssorgen

Von Benedikt Fehr
21.08.2005
, 20:56
Der Ölpreis trübt die Stimmung
Die Aktienkurse sind unter Druck geraten, die Renditen der Anleihen weiter rückläufig. Inflationsorgen dämpfen die Stimmung an der Märkten. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.

An den Finanzmärkten ist die Stimmung umgeschlagen. Seit ein paar Tagen sehen die Märkte im Anstieg des Ölpreises auf Rekordhöhen nun doch wieder Risiken für das weitere Wirtschaftswachstum. Jedenfalls sind die Renditen an den Anleihemärkten dies- und jenseits des Atlantiks deutlich unter Druck geraten. Zehnjährige Bundesanleihen rentierten am Freitag zeitweilig nur noch mit 3,18 Prozent - 6 Basispünktchen mehr als auf dem Ende Juni erreichten historischen Tief. Noch vor zehn Tagen hatte diese Rendite 3,37 Prozent betragen. Auch die Aktienkurse standen rund um den Globus fast überall unter Druck. Das hat den Weltaktienindex von Morgan Stanley, der am vorvergangenen Freitag mit 1214 Punkten ein Vierjahreshoch erreicht hatte, im Wochenverlauf auf 1191 Punkte nachgeben lassen.

Am Freitag schloß Öl an den Terminmärkten in New York mit 65,35 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) und damit in Sichtweite des Rekordhochs von 67,10 Dollar, das eine Woche zuvor erreicht worden war. In den vorangegangenen Wochen war der Anstieg des Ölpreises eher positiv gesehen worden, nämlich als nachfragebedingt und damit als eine Folge starken Wirtschaftswachstums. Die Märkte hatten deshalb weniger Wachstums-, wohl aber Inflationssorgen gehegt. Das ließ die Aktienkurse steigen und die Anleihekurse fallen.

Beschleunigung des Preisauftriebs

Seit Anfang vergangener Woche wird der Höhenflug des Ölpreises nun aber mit mehr Skepsis gesehen. Dazu beigetragen hat, daß die jüngsten Inflationsdaten aus dem Vereinigten Königreich, den Vereinigten Staaten sowie dem Euro-Raum alle eine Beschleunigung des Preisauftriebs aufgrund der teuren Energie signalisierten. Daran machen sich Sorgen über eine zukünftig straffere Geldpolitik der großen Notenbanken fest, vor allem aber Befürchtungen, daß die höheren Ausgaben für Energie zu Lasten des privaten Konsums - des wichtigsten Wachstumsmotors - gehen werden.

Wie zur Bestätigung dieser Ängste ist der private Konsum in Frankreich vom ersten zum zweiten Quartal um 0,3 Prozent geschrumpft. Öl ins Feuer dieser Sorgen war zudem, daß in den vergangenen Tagen mehrere amerikanische Investmentbanken ihre Prognosen für den Ölpreis angehoben haben. Goldman Sachs sagt nun voraus, daß Öl in den nächsten fünf Jahren mehr als 60 Dollar kosten dürfte. Bislang hatte die Prognose für den langfristigen Durchschnittspreis 45 Dollar gelautet.

Neben den erhöhten Energiepreisen sieht eine wachsende Zahl von Ökonomen in den Entwicklungen auf dem amerikanischen Immobilienmarkt Risiken. Der Markt sei überhitzt - und damit in Gefahr, einen kräftigen Rückschlag zu erleiden, heißt es. Anzeichen für eine Überhitzung gibt es zuhauf. So wurden im Juli annualisiert 2,04 Millionen Neubauten begonnen - fast ein Rekordwert. Und die Nachfrage steigt immer weiter: So stieg die Zahl der Baugenehmigungen im Juli auf annualisiert 2,17 Millionen - den höchsten Wert in 32 Jahren. Gleichzeitig gehe die Schere zwischen den Preisen für Wohnimmobilien und den Haushaltseinkommen immer weiter auseinander, konstatieren die Ökonomen der Citigroup.

Immobilien-Hausse als Schlüssel zum Verständnis

Für Analysten der Deutschen Bank ist die Immobilien-Hausse sogar der Schlüssel zum Verständnis vieler wirtschaftlicher Entwicklungen seit dem Platzen der Aktienblase im Jahre 2000. Dieser Analyse zufolge hat die amerikanische Notenbank seinerzeit ihren Leitzins stark reduziert, um den Effekt rückläufiger Aktienkurse auf den Konsum zu dämpfen. Die Folge war eine Immobilienhausse, die den Konsum beflügelte und die Sparquote fallen ließ. Das wiederum hat einen Importsog verursacht, der sich in dem großen Leistungsbilanzdefizit Amerikas niedergeschlagen hat.

Um ihre Exporte möglichst lange hoch zu halten, haben ausländische Notenbanken den Dollar-Kurs in den vergangenen Jahren gestützt und die erworbenen Dollar in amerikanischen Staatsanleihen angelegt. Das wiederum hat die langfristigen Zinsen in Amerika niedrig gehalten - und damit die Immobilienhausse länger laufen lassen, als von der Fed beabsichtigt war, die mit ihren Leitzinserhöhungen versucht hat gegenzusteuern.

Die Konsequenz aus der so entstandenen Situation: Angesichts des großen Einflusses der Immobilienpreise auf die gesamte amerikanische Wirtschaft muß die Fed darauf achten, daß es zu keinem signifikanten Preisverfall bei Wohnimmobilien kommt. Die Notenbank könnte deshalb gezwungen sein, ihre Geldpolitik weniger stark zu straffen, als dies fundamental gerechtfertigt erscheine, schreiben die Analysten der Deutschen Bank. Derzeit veranschlagen die Zins-Terminmärkte die Wahrscheinlichkeit, daß die Fed ihren Leitzins bis Dezember auf 4,25 Prozent anhebt, allerdings noch mit mehr als 50 Prozent.

Quelle: F.A.Z., 22.08.2005, Nr. 194 / Seite 24
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