Finanzmarktbericht

Nervöse Dollar-Märkte vor der Präsidentenwahl in Amerika

Von Benedikt Fehr, Frankfurt
01.11.2004
, 06:42
Die Wahl in Amerika bestimmt derzeit das Denken der Akteure an den Finanzmärkten. Die eingetrübten Konjunkturaussichten nähren Spekulationen, Washington könnte nach den Wahlen an einer Abwertung des Dollar gelegen sein.
ANZEIGE

Nach einer hektischen Woche sehen die Investoren der amerikanischen Präsidentenwahl mit einigem Bangen entgegen. Sie befürchten, daß es wie 2000 wieder zu einem mehrwöchigem Streit darüber kommt, welcher der beiden Kandidaten die Wahl gewonnen hat. Das würde die ohnehin große Unsicherheit über den wirtschafts- und finanzpolitischen Kurs der künftigen Regierung in Washington in die Länge ziehen.

Besonders nervös sind die Devisenmärkte. Die eingetrübten Konjunkturaussichten nähren Spekulationen, daß Washington nach den Wahlen zusehends an einer Abwertung des Dollar gelegen sein könnte. Um diese Spekulationen zu zerstreuen, wäre rasch ein klärendes Wort der neuen Regierung nötig. Am Freitag lag der Euro mit 1,28 Dollar nur gut einen Cent unter seinem Rekordhoch.

Abwertung des Dollar als Hebel

ANZEIGE

Beide Bewerber um das Präsidentenamt haben versprochen, das Etatdefizit deutlich zu verringern. Die Märkte sind skeptisch, zumal die Steuereinnahmen wegen des abflauenden Wirtschaftswachstums spärlicher fließen werden. Zudem treibt der sich in die Länge ziehende Militäreinsatz im Irak die Ausgaben hoch. Vor diesem Hintergrund nehmen die Spekulationen zu, daß Washington eine Abwertung des Dollar als Hebel nutzen könnte, um den Export zu stimulieren. Einige Äußerungen aus der Fed könnten so gedeutet werden, schreiben die Analysten von Morgan Stanley. Öl ins Feuer goß eine Studie der New Yorker Fed, die die Investoren unmißverständlich warnt: "Ein weiterhin hohes Leistungsbilanzdefizit erhöht das Risiko, daß ausländische Investoren eines Tages eine Kombination von niedrigeren Preisen für amerikanische Vermögenswerte, höheren amerikanischen Zinsen und einem niedrigeren Dollar-Kurs verlangen könnten."

Zum Programm von Präsident George W. Bush gehört, die von ihm durchgesetzten befristeten Steuererleichterungen, von denen vor allem die Superreichen profitiert haben, festzuschreiben. Demgegenüber will John Kerry die Reichen wieder stärker besteuern. Dennoch könnte der Wall Street ein Wahlsieg Kerrys durchaus gelegen kommen. Denn zu seinen Beratern zählt Robert Rubin. Der ehemalige Investmentbanker war der Architekt der erfolgreichen Wirtschafts- und Fiskalpolitik von Präsident Bill Clinton. Ihm traut man zu, einen Weg aus dem Zwillingsdefizit in Staatshaushalt und Außenhandel zu finden.

ANZEIGE

Fed mißt Inflationsmaß größte Bedeutung bei

Mit einer Zuwachsrate von annualisiert 3,7 Prozent hat die amerikanische Wirtschaft im dritten Quartal wieder an Fahrt gewonnen. Doch blieb das inflationsbereinigte Wachstum damit deutlich hinter den Erwartungen von 4,5 Prozent zurück. Zudem stehen einige Fragezeichen hinter der ausgewiesenen Zuwachsrate: Den Angaben zufolge ist der Deflator überraschend stark von 3,2 Prozent im zweiten Quartal auf nur noch 1,3 Prozent im dritten Quartal zurückgegangen - und dies trotz des Anstiegs der Ölpreise. Dabei gilt: Je geringer der Deflator, desto höher das ausgewiesene reale Wachstum.

Der Kern-Deflator ohne Preise für Nahrungsmittel und Energie ist den Angaben zufolge sogar nur um 0,7 Prozent gestiegen, der geringste Anstieg seit 1962. Die amerikanische Notenbank Fed mißt diesem Inflationsmaß nach eigenem Bekunden die größte Bedeutung bei. 2002 und 2003 hatte sie den damaligen Rückgang dieses "PCE-Deflators" als Indiz für Deflationsrisiken gewertet und deshalb ihren Leitzins auf das Tief von 1,0 Prozent gesenkt. Derzeit spielt diese Sorge keine Rolle mehr. Die Finanzmärkte erwarten, daß die Fed ihren Leitzins am 10. November von 1,75 auf 2,0 Prozent anhebt.

ANZEIGE

Neue Zinspolitik birgt auch Gefahren

Mit der Anhebung ihres Eckzinses für Kredite an Unternehmen um 27 Basispunkte auf 5,58 Prozent hat die chinesische Notenbank die Märkte überrascht. Sie reagierte damit darauf, daß die bisherigen Maßnahmen zur Abkühlung der überschäumenden Konjunktur nicht recht gefruchtet haben. Viele Fachleute werten die Zinsanhebung als Strategiewechsel, weg von administrativen Kreditkontrollen, hin zu einer Steuerung der Kreditvergabe über den Marktzins. Eigentlicher Knackpunkt ist, daß gleichzeitig die Obergrenze für Kreditzinsen abgeschafft wurde. Bislang durften Banken höchstens das 1,7fache des Eckzinses verlangen. In der Praxis dürften für viele Unternehmen durch die Lockerung die Zinsen um mehr als nur 0,27 Prozentpunkte steigen.

Das bietet den vielen Banken in China, die unter großen Beständen an faulen Krediten ächzen, die Aussicht auf höhere Zinserträge. Doch birgt die neue Zinspolitik auch Gefahren: Angesichts der sehr hohen Verschuldung der chinesischen Industrie erhöhten die Maßnahmen das Risiko einer "harten Landung" der Konjunktur, warnen die Analysten von Barclays. Entsprechend hektisch haben die Finanzmärkte reagiert. Die Sorge über eine abnehmende Nachfrage aus China brachte vor allem die Rohstoff- und Ölpreise unter Druck. Den Aktienmärkten hat der Rückgang des Ölpreises indes Auftrieb verschafft.

Der Rat der Europäischen Zentralbank, der am Donnerstag tagt, wird nach allgemeiner Einschätzung den Euro-Leitzins bei 2,0 Prozent belassen. Wegen der Abschwächung des Wirtschaftswachstums dürfte es auch bis ins zweite Halbjahr 2005 dabei bleiben, sagen die Analysten von Goldman Sachs. Für eine Geradeaus-Politik spricht auch, daß ein höherer Leitzins den Höhenflug des Euro weiter anheizen würde - was das Wachstum zusätzlich dämpfen würde.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.11.2004, Nr. 255 / Seite 22
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Tarifportal
Strom-Vergleich: Sparen mit günstigem Strompreis
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Hypothekenrechner
Jetzt Zinsen vergleichen
Sprachkurs
Lernen Sie Englisch
ANZEIGE