Im Gespräch: Rohstoffexperte Eugen Weinberg

"Die EZB hat Anleger an die Märkte gelockt"

26.01.2012
, 17:20
Eugen Weinberg
Eugen Weinberg leitet die Rohstoffanalyse der Commerzbank. Er spricht darüber, dass Gold als sicherer Hafen nicht funktioniert hat, die Hoffnung für Industriemetalle und warum Saudi-Arabien einen Ölpreis von 150 Dollar braucht.

Herr Weinberg, wie ist die aktuelle Lage an den Rohstoffmärkten?

Alle Risikoanlagen befinden sich derzeit in einer guten Verfassung. Die dreijährige Zuteilung von Geld an die Banken durch die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Anleger wieder an die Märkte gelockt. Die Anleger vertrauen darauf, dass die EZB nicht nur die Stabilität der Währung, sondern auch die Sicherheit des Finanzsystems und die Stabilität der Wirtschaft gewährleistet. Wir gehen davon aus, dass in den kommenden Monaten noch mehr Anleger angesichts der niedrigen Zinsen, aber auch wegen steigender Inflationsgefahren in Aktien und Rohstoffe investieren werden.

Welche Rohstoffe werden besonders profitieren?

Am stärksten steigen die Preise jener Rohstoffe, die zuvor am stärksten gelitten hatten. Das sehen wir an den Industriemetallen.

Wie beurteilen Sie die Edelmetalle?

Hier muss man zunächst zwischen Gold und anderen Edelmetallen unterscheiden.

Dann beginnen wir mit Gold.

Gold hat sich in den vergangenen Monaten eher wie eine Risikoanlage und nicht wie ein sicherer Hafen verhalten. Das finde ich enttäuschend.

Wie erklären Sie das?

Ich führe dies auf den Einfluss größerer Spekulanten zurück. Man spricht vom "Paulson-Fluch", weil der amerikanische Hedgefondsmanager John Paulson und viele seiner Wettbewerber in den vergangenen Jahren im großen Stil Gold gekauft haben. Das hatte Furcht geweckt, dass sie jetzt alles wieder verkaufen, um die Verluste woanders auszugleichen.

Was sollten Anleger tun?

Man sollte Gold als Absicherung kaufen, aber nicht mit der Idee, mit einem steigenden Preis Geld verdienen zu wollen.

Haben Sie ein Preisziel für Gold?

Wir erwarten einen Preis von 1900 Dollar je Feinunze. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass die derzeitigen Probleme in der Welt nicht eskalieren, sondern dass es zu einer langsamen Abwertung der anderen Währungen gegenüber dem Gold kommt. Es ist eine kontrollierte Inflation zu erwarten, aber keine Hyperinflation.

Und wie sieht es mit den anderen Edelmetallen aus?

Die anderen Edelmetalle sind in erster Linie Industriemetalle. Wir sind optimistisch für Platin, aber vor allem für Palladium.

Und Silber?

Das ist eine schwierige Frage. Silber ist meines Erachtens in erster Linie Industriemetall und erst in zweiter Linie Edelmetall. Ich glaube zwar, dass Silber langfristig das "Gold des kleinen Mannes" wird, aber bisher ist Silber diesen Beweis schuldig geblieben. Silber wird erst dann in erster Linie als Edelmetall wahrgenommen, wenn langfristig die Nachfrage der Anleger steigen sollte.

Wie schätzen Sie die Aussichten der Industriemetalle ein?

Wir sind in diesem Jahr vor allem sehr positiv für Kupfer gestimmt. Die Nachfrage aus China bleibt stark, und im Unterschied zu vielen anderen Metallen lässt sich die Produktion auf absehbare Zeit nicht deutlich steigern. In letzter Zeit wurden keine großen Vorkommen mehr entdeckt.

Schließen wir mit dem Ölpreis.

Die wichtigste Frage ist: Wie entwickelt sich die Lage im Nahen und Mittleren Osten? Wird sich der "arabische Frühling" fortpflanzen, zum Beispiel nach Bahrain, Iran oder gar Saudi Arabien? Jede Destabilisierung dieser Region wird zu steigenden Preisen führen, weil sich der größte Teil der freien Kapazitäten dort befindet.

Wie wird sich Iran verhalten?

Ich glaube nicht, dass die Straße von Hormus geschlossen wird, denn Iran ist nicht nur der zweitgrößte Exporteur von Öl in der Opec, sondern auch der größte Importeur von Benzin und Diesel. Iran verfügt nicht über genügend Raffinerien. Deswegen kann Iran an einer Schließung der Straße von Hormus überhaupt kein Interesse haben. Sollte es dennoch zu einer Schließung kommen, kann man sich fast jeden Preis denken. Dann kann das Barrel Öl auch 200 Dollar kosten.

Könnte es so schlimm kommen?

Als Libyen im vergangenen Jahr vorübergehend als Produzent ausfiel, fehlte ein Angebot von 1,6 Millionen Barrel am Tag. Damals ist der Preis schon deutlich gestiegen. Im Falle einer Schließung der Straße von Hormus würden über 10 Millionen Barrel am Tag fehlen. Auch Saudi-Arabien könnte einen solchen Fehlbetrag nicht ausgleichen.

Wie stark ist die Opec noch?

Derzeit bestimmt die Opec den Ölpreis, weil die Nachfrage nicht vom Preis abhängt. Das Problem ist: Saudi-Arabien hat in der jüngeren Vergangenheit seine Staatsausgaben um 15 Prozent im Jahr ausgeweitet. Das Land braucht heute einen Ölpreis von mehr als 80 Dollar, um seine Staatsausgaben zu finanzieren. Wenn die Staatsausgaben in diesem Tempo weiter wachsen, brauchen die Saudis in fünf Jahren einen Ölpreis von rund 150 Dollar. Den würden sie dann auch durchsetzen.

Das Gespräch führte Gerald Braunberger.

Quelle: F.A.Z.
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