Interview

„Amerika verliert auf Dauer an Bedeutung für die Weltwirtschaft“

28.01.2005
, 07:27
Jeffrey Sachs, Columbia University
Hart ins Gericht geht der bekannte Ökonom Professor Jeffrey Sachs mit der amerikanischen Wirtschaftspolitik im FAZ.NET-Interview. Sollte es nicht zu einer Änderung des Kurses kommen, sei eine Krise an den Finanzmärkten denkbar.

Hart ins Gericht geht der Ökonom und Regierungsberater Professor Jeffrey Sachs mit der amerikanischen Wirtschaftspolitik. Aus fiskalischer Sicht befänden sich die Vereinigten Staaten nicht auf einem praktikablen Kurs. Die Steuersenkungen der Regierungen seien nicht durchzuhalten und ökonomisch nicht gerechtfertigt. Sollte es nicht zu einer Änderung des Kurses kommen, sei eine Krise an den Finanzmärkten denkbar.

Auch in anderen Politikfeldern müsse das Land umdenken. Beispielsweise in der Energie- und Umweltpolitik. Anstatt im Nahen Osten militärisch einzugreifen, um sich den Zugriff auf die wesentlichen Öl- und Gasvorkommen zu sichern, sollte auf alternative Technologien zur sauberen Verbrennung der reichlich vorhandenen Kohle gebaut und die Kernenergie weiterentwickelt werden.

Die „Supermacht“ Amerika wächst deutlich und immer mehr auf nachhaltiger Basis, kann man immer wieder lesen und hören. Würden Sie solchen Statements zustimmen?

Aus fiskalischer Sicht befinden sich die Vereinigten Staaten nicht auf einem praktikablen Kurs. Die Defizite schwächen die amerikanische Wirtschaft. Es ist klar, daß man den Kurs wechseln müßte, aber es ist gleichzeitig klar, daß die gegenwärtige Administration kurzfristig nicht dazu bereit sein wird. Es besteht eine Lücke zwischen der Politik und der wirtschaftlichen Realität, die vorerst sogar noch größer werden dürfte.

Ist das nicht bedenklich für die Finanzmärkte?

Es könnte die Stabilität der Finanzmärkte bedrohen. Denn die Marktteilnehmer dürften zunehmend realisieren, daß die Politik des Landes und die wirtschaftliche Realität nicht zusammenpassen.

Was sind in Ihren Augen die kritischen Punkte?

Das sind vor allem die Defizite des Landes. Das Budgetdefizit schwappt über in das Leistungsbilanzdefizit, das wiederum die geringe Sparneigung im Inland widerspiegelt. Amerika wurde in den vergangenen Jahren vor allem von asiatischen Zentralbanken finanziert. Sie haben auf diese Weise riesige Devisenreserven angehäuft, die zu einem großen Teil in Dollar-Wertpapieren gehalten werden. Allerdings werden sie langsam nervös und verlieren immer mehr das Interesse daran, die amerikanischen Budgetdefizite weiter zu finanzieren. Aus diesem Grund ist die Gefahr steigender Zinsen und eines fallenden Dollars real. Zu einer Krise könnte es dann kommen, wenn sich herauskristallisiert, daß die Probleme nicht glaubwürdig angegangen werden.

Das sind die kurzfristigen Risken. Und die längerfristigen?

Auf längere Sicht werden die Vereinigten Staaten relativ betrachtet an Bedeutung für die Weltwirtschaft verlieren. Der Grund dafür liegt im wirtschaftlichen Aufkommen der asiatischen Staaten. Die Idee einer Supermacht, die ihre Wege alleine gehen kann, ist nicht sonderlich logisch. Schon gar nicht mit Blick auf ein stark verschuldetes Land, das zumindest wirtschaftlich gar nicht so dominant ist, wie viele Amerikaner denken.

Das klingt nach Kritik an der Außenpolitik!

Die wirtschaftliche Lage rechtfertigt nicht den unilateralen Ansatz der Vereinigten Staaten. Es gibt nicht nur eine Lücke zwischen der Politik und der ökonomischen Realität, sondern es gibt auch eine entsprechende Lücke in der Außenpolitik. Amerika denkt auf der einen Seite, es kann tun, was es will, wann es das will und dies ohne Zustimmung internationaler Partner. Auf der anderen Seite fehlt schlicht und einfach die Wirtschaftskraft, um so einen Ansatz zu fundieren.

Heißt das, die amerikanische Wirtschaft ist nicht so stark, wie viele denken?

Ich würde sagen, nicht so dominant. Das amerikanische Sozialprodukt entspricht etwa einem Fünftel der Weltwirtschaft und dieser Anteil wird im Laufe der Zeit abnehmen. Alleine schon mit Blick auf die zunehmende wirtschaftliche Bedeutung anderer rasch wachsender Staaten dürfte das Land nicht für immer in der Lage sein, eine so einseitige Außenpolitik zu verfolgen.

Was müßte sich ändern mit Blick auf die ökonomischen, sozialen, umwelttechnischen und auch geopolitischen Probleme?

Wir brauchen zunächst einmal eine verantwortungsvolle Budgetpolitik, das heißt unter anderem höhere Steuereinnahmen. Die Steuersenkungen der Regierungen sind nicht nur nicht nachhaltig durchzuhalten, sondern mit Blick auf die ökonomische Entwicklung auch nicht gerechtfertigt.

Aber die Probleme gehen weit darüber hinaus. Um die Energieversorgung zu sichern versucht Amerika im Nahen Osten militärisch dominant zu werden. Aber auch dieser Ansatz funktioniert offensichtlich nicht. Er kann die amerikanische Energieversorgung nicht sichern und es wird zunehmend zu Konflikten mit Asien führen, da der Wettbewerb um die knappen Öl- und Gasreserven in der Region und um das kaspische Meer zunehmen wird.

Wir brauchen eine andere Energiepolitik. Sei es die Entwicklung alternativer Technologien zur sauberen Verbrennung der reichlich vorhandenen Kohle, der Fortentwicklung der Kernenergie oder die rasche Weiterentwicklung erneuerbarer Energien, beispielsweise im Solarbereich. Die Energiepolitik darf nicht so stark von der Militarisierung des Mittleren Ostens abhängen.

Auch die Behauptung der Regierung Bush, der Klimawandel sei kein Problem, ist nicht haltbar. Vor allem auch deswegen nicht, weil wir internationale Kooperation zur Lösung benötigen. Denn relativ rasch werden die asiatischen Staaten die meisten Abgase emittieren und spätestens dann werden sie ihre Position überdenken müssen. Schon jetzt nehmen die wissenschaftlichen Nachweise zu, daß wir bei der Emission von Kohlestoffen auf einem unhaltbaren Kurs sind.

Erwarten sie einem Meinungswandel in Amerika?

Nicht haltbare Trends müssen irgendwann brechen. Kurzfristig sehe ich allerdings keinen Wandel, da die Regierung wiedergewählt worden ist und ihre bisherige Politik offensichtlich fortsetzen will.

Wie paßt ihr Millenium-Projekt in dieses Gesamtbild?

Das Argument ist, daß die globale Stabilität davon abhängt, ob die reichen Staaten koordiniert vorgehen, um die Zustände in den armen Staaten zu verbessern. Denn sonst dürfte es zu weiteren Staatsversagen, Krankheitsausbrüchen, Flüchtlingsströmen, Gewaltausbrüchen und auch terroristischer Aktivität kommen. Sie können, abgesehen von der Tragik im kleineren, die Welt destabilisieren. Aber auch in diesem Bereich ist die amerikanische Regierung bisher nicht aufgeschlossen und tut nur wenig, obwohl zumindest die Geheimdienste auf diese Möglichkeit hinweisen.

Was muß getan werden?

Die Probleme sollten mit pragmatischer, fakten- und problemorientierten Politik gelöst werden können. Budgetpolitik ist keine Raketenwissenschaft, sondern läuft darauf hinaus, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Erkenntnis, daß Amerika höhere Steuereinnahmen braucht, wird schnell deutlich, wenn man auf die Daten blickt. Die wissenschaftlichen Hinweise drängen förmlich zu einem Wandel in der Klimapolitik. Für die Beseitigung von Krankheit und Hunger in den armen Ländern hätten wir sowohl die dazu notwendigen Mittel als auch die Ideen, wenn sie politisch gewollt wären.

Wie könnte so etwas ablaufen?

Man würde sich etwa in Nairobi oder anderen Metropolen der Dritten Welt hinsetzen und sich überlegen, wie die praktischen Maßnahmen aussehen sollten. Danach würde man die Regierung des Landes zu verbindlichen Maßnahmen verbunden mit einem konkreten Zeitplan verpflichten und für die Finanzierung sorgen.

Sehen sie eine entsprechende Bereitschaft unter den Anwesenden am Wirtschaftsgipfel in Davos?

Es wird zumindest ziemlich umfangreich darüber geredet. Und es ist schon einmal gut, daß überhaupt so stark darüber geredet wird. Auch positive Statements von Tony Blair und Jacques Chirac helfen weiter.

Gibt es nicht Länder, Branchen oder gar einzelne Unternehmen, die von solchen Maßnahmen profitieren würden und die sie als Co-Lobbyisten gewinnen könnten?

Die Stimmung scheint sich zu wandeln. Es gibt immer mehr Unterstützung. Allerdings gibt es immer noch eine gewisse Trägheit und es ist schwierig, einen koordinierten Ansatz zu finden, der nötig wäre, um die Probleme sauber angehen zu können.

Was halten sie vom Steuervorschlag, den Jacques Chirac gemacht hat?

Der ehrlichste Weg zur Finanzierung wäre, wenn die Regierungen von Ländern wie Deutschland, Japan oder den Vereinigten Staaten die bisher gemachten Zusagen praktisch einhalten würden. Sie alle haben versprochen, 0,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für die Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen. Längerfristig scheint eine spezifische Finanzierung für internationale Aktivität vernünftig zu sein, beispielsweise eine internationale Steuer auf den Verbrauch von Kohlestoffen. Das wäre eine ideale Verbindung zwischen Umweltpolitik und einem stetigen Einnahmestrom.

Ich dachte bei meiner Frage an den Vorschlag, eine Tobin-Steuer einzuführen.

Die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr groß, daß sie eingeführt werden wird. Denn erstens wird sie nicht gewollt. Zweitens wäre es nicht der effizienteste Weg, um für Einnahmen zu sorgen.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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