Interview

"Bushs hohe Haushaltsdefizite haben das Vertrauen in den Dollar beschädigt"

27.12.2004
, 10:23
Kenneth Rogoff
Kenneth Rogoff gilt als einer der besten Kenner des internationalen Finanzsystems. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erläutert er die aktuelle Dollar-Schwäche und kritisiert die amerikanische Finanzpolitik.
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Kenneth Rogoff gilt als einer der besten Kenner der Weltwirtschaft und des internationalen Finanzsystems. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erläutert der ehemalige Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Harvard-Ökonom die Ursachen der aktuellen Dollar-Schwäche und kritisiert die amerikanische Finanzpolitik. China und andere asiatische Länder müßten dringend eine Aufwertung ihrer Währungen zulassen, um die globalen Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft zu beseitigen, fordert Rogoff.

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Professor Rogoff, der Dollar steht seit einiger Zeit gehörig unter Druck. Was sind die Ursachen der Dollar-Schwäche?

Es steht wohl außer Frage, daß dahinter vor allem das hohe und dauerhaft nicht tragfähige Defizit in der amerikanischen Leistungsbilanz steht. Der Dollar-Rutsch hat sich schon seit Jahren abgezeichnet. Die hohen Haushaltsdefizite unter Präsident Bush haben die Wahrscheinlichkeit einer Abwärtsbewegung des Dollar zur Gewißheit werden lassen. Der genaue Zeitpunkt der Kursbewegung läßt sich unmöglich genau erklären, das wachsende Bewußtsein der Öffentlichkeit für das Defizit-Problem hat aber wahrscheinlich wie ein Katalysator gewirkt.

Sie sagten, das Leistungsbilanzdefizit sei in seiner aktuellen Höhe langfristig nicht tragfähig. Was genau bedeutet das?

Theoretisch ist es natürlich möglich, daß die Vereinigten Staaten sich noch über zehn, fünfzehn Jahre hinweg im Ausland Geld leihen und ihre Nettoverschuldung gegenüber ausländischen Gläubigern auf 80 oder 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigt. Aber solche Nettoverbindlichkeiten von mehr als 20 Prozent des BIP sind äußerst ungewöhnlich für große Volkswirtschaften, zumal für die größte Ökonomie in der Welt, die Amerika derzeit ist. Ende dieses Jahres wird die Netto-Auslandsschuld rund 25 Prozent des BIP betragen.

Daraus ergibt sich aber noch nicht zwangsläufig die Notwendigkeit einer Anpassung.

Entscheidend ist, daß Amerika so ungeheuer viel Güter und Kapital aufsaugt. Wenn man die Leistungsbilanzüberschüsse von China, Japan, Deutschland und allen anderen Ländern, die einen Überschuß aufweisen, zusammenrechnet, entfallen davon rund drei Viertel auf die Vereinigten Staaten. Da bleibt nicht viel für den Rest der Welt übrig. Einige Leute halten es für möglich, daß das Leistungsbilanzdefizit Amerikas von derzeit mehr als 600 Milliarden Dollar auf mehr als 1 Billion Dollar klettern könnte. Das ist aber nur dann möglich, wenn der Rest der Welt noch größere Überschüsse im Handel von Waren und Dienstleistungen erzielt und in Amerika investiert. Das erscheint mir sehr unwahrscheinlich. Japan beispielsweise, das derzeit den größten Leistungsbilanzüberschuß aufweist, wird in sieben oder acht Jahren, wenn die Pensionierungswelle überschwappt, in Defizite rutschen.

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Spielt es denn eine Rolle, ob das Kapital, das nach Amerika strömt und mit dem es Waren im Ausland kauft, von privaten Investoren oder von ausländischen Regierungen, beispielsweise Zentralbanken, stammt?

Ja, das spielt eine große Rolle. Unter normalen Umständen würde ich sagen, daß kräftige Kursbewegungen von Währungen sich nicht erklären geschweige denn vorhersagen lassen. Wenn es eine ganz offensichtliche Kurstendenz gibt, wird der Markt aufspringen und den Wechselkurs schnell auf sein neues Gleichgewichtsniveau treiben. Heutzutage sind aber asiatische Notenbanken bereit, selbst dann riesige Mengen Dollar als Währungsreserve zu horten, wenn sie mit einer Abschwächung des Dollar und darum mit einem Wertverlust rechnen müssen. Deshalb verdienen sich Hedge-Fonds eine goldene Nase, während Steuerzahler in Asien mit ansehen müssen, wie Hunderte von Milliarden Dollar verschwinden. Wir befinden uns also in der sehr ungewöhnlichen Lage, daß am Devisenmarkt eine eindeutige Neigung für eine fortgesetzte Abwertung des Dollar besteht. So ein Umfeld gibt es sonst nur in Schwellenländern zu beobachten, die sich verzweifelt darum bemühen, einen zu hohen Wechselkurs ihrer Währung zu verteidigen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten zur Verringerung des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits, von höherer Ersparnis in Amerika bis zu stärkerem Wirtschaftswachstum im Rest der Welt. Was halten Sie für den wahrscheinlichsten Ausgang?

Selbst wenn der Dollar noch rund 15 Prozent abwerten sollte, asiatische Währungen eingeschlossen, so bezweifle ich doch, daß dies das Defizit auf weniger als 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts drücken würde. Das ist immer noch besorgniserregend hoch, selbst wenn es derzeit rund 5,8 Prozent beträgt. Die geringe Ersparnis der Amerikaner, und zwar sowohl von Privaten als auch von der Regierung, ist eine Ursache des Defizits. Eine Lösung des Problems muß darum zwangsläufig eine höhere Ersparnis - und darum geringere Haushaltsdefizite - einschließen.

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Die amerikanische Regierung verlangt von Europa und Asien, die eigenen Wachstumskräfte zu stärken.

Es ist ein Irrtum zu meinen, über stärkeres Wachstum im Rest der Welt ließe sich das Problem schmerzlos beheben, selbst wenn amerikanische Offizielle das allenthalben verkünden. Wenn Länder wie Deutschland, Japan und China weiterhin hohe Produktivitätsgewinne in ihren handelbaren Gütern aufweisen und bei Dienstleistungen und nichthandelbaren Gütern weiter schwächeln, wird sich nicht viel ändern. Vergessen Sie nicht, daß rund die Hälfte des Produktivitätsfortschritts in Amerika in den vergangenen zehn Jahren im Einzelhandel stattgefunden hat, einem Wirtschaftszweig, der in Deutschland und Japan nicht zuletzt aufgrund zu strenger Regulierung kaum einen Produktivitätszuwachs verzeichnet hat. Während also amerikanische Verbraucher mehr und mehr Waren aus dem Ausland zu immer niedrigeren Preisen konsumieren, ist der Import in Deutschland oder Japan nicht in demselben Maße gestiegen. Darum ist es notwendig, daß der Produktivitätsfortschritt im Rest der Welt vor allem bei nichthandelbaren Gütern stattfindet.

Sie haben die amerikanische Finanzpolitik angesprochen. Was halten Sie von den Plänen Washingtons zur Halbierung des Budgetdefizits in fünf Jahren?

Das Etatdefizit spielt eine zentrale Rolle für den Dollar. Ohne die Steuersenkungen Präsident Bushs wäre das Leistungsbilanzdefizit wahrscheinlich nur 2 bis 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts groß. Es gibt leider überhaupt keine ernsten Maßnahmen zur Verringerung des Haushaltsdefizits. Die Regierung vertraut darauf, daß ein ungewöhnlich kräftiges Wirtschaftswachstum die Finanzlage verbessern wird. Bushs Mantra im Wahlkampf, die Steuern unter keinen Umständen zu erhöhen, mag ihm den Wahlsieg eingebracht haben, es hat ihn aber in keine gute Lage versetzt, eine solide Finanzpolitik zu machen.

In Europa ist die Sorge groß, der starke Euro dämpfe das Wachstum. Sollte sich die Europäische Zentralbank gegen eine weitere Aufwertung des Euro stemmen?

Sterilisierte Interventionen am Devisenmarkt, also Käufe von amerikanischen gegen europäische Staatsanleihen ohne eine Änderung der Zinspolitik, hätten kaum Aussicht auf Erfolg. Die Dollar- und Euro-Anleihemärkte sind viel zu liquide, als daß sich mit Interventionen der Wechselkurs dauerhaft manipulieren ließe. Zinssenkungen sollte die Europäische Zentralbank erwägen, sollte der Euro sich auf Kurse um 1,50 Dollar zubewegen. Ich sähe es aber lieber, die Federal Reserve in Amerika erhöhte die Zinsen ein wenig schneller, als sie es derzeit tut. Die EZB hat bisher richtig gehandelt, ganz abgesehen davon, daß eine kleine Zinssenkung angesichts der großen Probleme des Dollar vermutlich ebenfalls nicht viel bewirken könnte.

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China wird seit geraumer Zeit von Amerika und Europa gedrängt, seinen Wechselkurs freizugeben.

Das ist auch richtig. China muß dem Yuan gestatten aufzuwerten, und der Rest der aufstrebenden Länder Asiens muß mit seinen Währungen dasselbe machen. Das ist nicht nur notwendig, um die Inflation im Zaum zu halten, sondern auch, um nicht später in eine Lage zu geraten, wo es Abwärtsdruck auf ihre unflexiblen Währungen gibt. Stellen Sie sich vor, China würde morgen am Tag politisch instabil. Dann wäre der Aufwertungsdruck für den Yuan umgehend verschwunden und würde sich in einen Abwertungsdruck verwandeln. Wenn die Asiaten meinen, ihre hohen Währungsreserven würden sie schützen, irren sie sich gewaltig. Wenn Asien sich nicht von sich aus in die richtige Richtung bewegt, muß es vom Rest der Welt dazu gezwungen werden. Es kann nicht sein, daß Asien die Vorzüge des Welthandelssystems genießt, sich an den Lasten des Erhalts der globalen Finanzstabilität aber nicht beteiligt.

Das Gespräch führte Claus Tigges

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.2004, Nr. 302 / Seite 11
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