Interview

„Der Dollar muß weitere 15 Prozent fallen“

22.12.2004
, 12:01
Prof. Fred Bergsten, IIE
Der Dollar hat sich nach dem jüngsten Schwächeanfall zwar leicht stabilisiert. Professor C. Fred Bergsten vom Institute for International Economics in Washington rechnet allerdings mit einer weiteren deutlichen Abwertung.
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Der Dollar hat sich nach dem jüngsten Schwächeanfall zwar leicht stabilisiert. Allerdings sprechen noch viele Argumente gegen ihn.

Professor C. Fred Bergsten vom Institute for International Economics in Washington rechnet mit einer weiteren Abwertung, vor allem gegen die asiatischen Währungen. Sollten sie nicht flexibler werden und sollte Amerika sein Budgetdefizit nicht glaubwürdig reduzieren, sei eine Dollarkrise und ein Kollaps des amerikanischen Rentenmarktes nicht völlig ausgeschlossen.

Der Dollar zeigte in den vergangenen Wochen wieder einige Zeichen von Schwäche. Wie schätzen Sie die Lage ein?

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Der Dollar hat nach meiner Meinung erst die Hälfte des Anpassungsprozesses hinter sich, der nötig ist, um zu einer Korrektur des Leistungsbilanzdefizits zu führen.

Heißt das, die Währung wird in Richtung auf zwei Dollar je Euro gehen?

Nein, nicht unbedingt, denn ich rede von einem handelsgewichteten Wechselkurs. Als der Dollar vor ungefähr drei Jahren sein Hoch gesehen hat, war er nach unseren Berechungen im Verhältnis zu den anderen großen Währungen - gewichtet nach den Handelsströmen - etwa 30 Prozent überbewertet. Davon hat er im Durchschnitt erst die Hälfte korrigiert. Dabei hat er bisher vor allem gegen den Euro, dem britischen Pfund, dem kanadischen und dem australischen Dollar und den anderen flexiblen Währungen nachgegeben.

Ist das noch nicht genug?

Nein, in Zukunft brauchen wir zwei Dinge. Erstens muß der Dollar im Durchschnitt weitere 15 Prozent fallen. Zweitens eine Veränderung in der Zusammensetzung der Abwertungspartner. Denn bisher gab es nur eine geringe Bewegung gegen die Mehrheit der asiatischen Währungen und überhaupt keine gegen den chinesischen Yuan. Die asiatischen Staaten müssen in diesen Anpassungsprozeß einbezogen werden. Die Chinesen müssen ihre Währung aufwerten lassen oder - was ich persönlich vorziehen würde - müssen den Yuan auf einen Schlag deutlich verteuern. Auf diese Weise würden sie den umliegenden Staaten Spielraum bei ihren Währungen verschaffen, ohne ihre relative Wettbewerbsposition zu beeinträchtigen.

Was, wenn nicht?

Dann würde der Dollar sehr wahrscheinlich weiter gegen den Euro abwerten. Im Extremfall - wenn keine andere Währung außer dem Euro aufwerten würde, wären Kurse bis zu zwei Dollar je Euro nicht ausgeschlossen.

Könnte die Europäer das akzeptieren?

Nein, sicherlich nicht, sie würden sich wehren. Das wiederum würde die Ungleichgewichte in Amerika und eine spätere, aber irgendwann unvermeidliche Krise um so größer werden lassen.

Wieso bewegt sich Asien nicht?

Sie wollen nicht auf Ihre Überschüsse verzichten. Dabei ist die chinesisch Wirtschaft überhitzt: die Inflation nimmt zu und die Geldmenge expandiert rasch. Das Wachstum muß gebremst werden, was unter anderem durch eine Aufwertung der Währung erreicht werden könnte. Sie würde damit den internen als auch internationalen Erfordernissen entsprechen.

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Was muß passieren?

Amerika und Europa sollten Druck auf China ausüben. Zunächst aber muß Amerika erst einmal gegen sein Budgetdefizit vorgehen, was die eigentliche Ursache für das Handelsbilanzdefizit ist. Es ist entscheidend, daß Präsident George Bush im kommenden Monat bei der Vorlage des Budgets einen wirklich glaubwürdigen Vorschlag macht, das Defizit zu reduzieren.

Können sie „glaubwürdig“ näher definieren?

Dazu sind deutliche Ausgabekürzungen notwendig und sehr wahrscheinlich auch höhere Einnahmen. Bush hat zwar versprochen, die Steuern nicht zu erhöhen. Es gibt allerdings verschiedene Wege, die Einnahmen zu erhöhen, ohne es Steuererhöhung zu nennen. Man könnte beispielsweise die Einkommensgrenze bei der Erhebung von Sozialversicherungsbeiträgen verschieben oder gar abschaffen.

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In welchen Bereichen rechnen Sie mit Ausgabekürzungen?

Es gibt viele Programme, bei denen man sparen kann. Beispielsweise bei Agrarsubventionen, die überflüssig sind, und bei Subventionen im Bereich der Transportinfrastruktur, die im vergangenen Jahr massiv erhöht wurden. Im Sozialbereich muß die Formel verändert werden, nach der die Ansprüche berechnet werden. Sie sind bisher an die Lohn- und nicht an die Preisentwicklung gekoppelt und führen regelmäßig zu einer zu starken Erhöhung.

Was bedeuten solche Maßnahmen für die amerikanische Wirtschaft?

Es führt nicht unbedingt zu einem schwächeren Wachstum, aber zu einer Veränderung in der Zusammensetzung der Produktion. Mit schwächer werdendem Dollar wird die Exportindustrie gestärkt werden. Profitieren werden aber auch jene Sektoren, die teurer werdende Importe substituieren können. Dagegen wird es für jene Unternehmen schwieriger werden, die bisher vom hohen Konsum und von Regierungsaufträgen - also von Staatsausgaben - gelebt haben.

Ist das ein Null-Summen-Spiel?

In Realität wohl nicht, es wird zu einer wirtschaftlichen Abschwächung kommen. Allerdings gibt es in der heimischen Wirtschaft noch Schlupf, so daß die Spareffekte nicht voll durchschlagen werden.

Die Verschuldung spielt keine Rolle?

Die Haushalte sind stark verschuldet, aber sie haben auch an Vermögenswerten dazu gewonnen. So hat sich die Nettposition kaum verändert. Bei den Unternehmen sieht es ähnlich aus, denn sie konnten ihre Gewinne in den vergangenen beiden Jahren deutlich steigern und sollten nun so langsam wieder mehr investieren, um gesamtwirtschaftlich die Sparbemühungen des Staates auf diese Weise auszugleichen.

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Sind die amerikanischen Unternehmen überhaupt wettbewerbsfähig, können sie mit japanischen oder gar chinesischen Unternehmen mithalten?

Auf Grund der Produktivitätsverbesserung denken wir schon.

Wird die Produktivität nicht statistisch überzeichnet?

Nicht sehr stark. Wir denken, die Wettbewerbsfähigkeit ist sehr groß und das Handelsbilanzdefizit wurde vor allem von „Makroaspekten“ verursacht.

Erwarten Sie, daß sich China bald bewegen wird?

Schwierig zu sagen. Die Chinesen haben verschiedene Schritte unternommen, die die Aufwertung zumindest kurzfristig ersetzen können. Grundsätzlich dürfte es aber nur eine Frage der Zeit sein, die interessierten Staaten sollten den Druck auf China erhöhen. Allerdings sollte man es nie so direkt nennen, da China diesbezüglich sehr empfindlich ist.

Was würde passieren mit der Weltwirtschaft, sollte des denn soweit kommen? Asien könnte weniger exportieren, würde aber auch weniger Geld zurück an den amerikanischen Rentenmarkt fließen lassen. Ist das keine Gefahr für die Treasuries und die amerikanischen Zinsen?

Das ist genau das Ziel. Bei niedrigerem Dollar wird Amerika mehr exportieren und weniger importieren aus Asien. Die asiatischen Staaten werden aus diesem Grund weniger Dollar einnehmen und weniger in Amerika anlegen. Auf diese Weise werden die Handelsströme ausgeglichener und Amerika fließt weniger ausländisches Geld zu. Amerika braucht das Geld allerdings auch nicht mehr so dringend wie bisher. Asien und Europa auf der anderen Seite müssen ihre Binnennachfrage stimulieren.

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Wie soll das in Europa gehen?

Ganz einfach. Die Europäische Zentralbank sollte den Leitzins senken, die europäischen Staaten sollten ihre Strukturreformen umsetzen wie Deutschland mit seiner Agenda 2010 ...

... geht sie denn weit genug?

Nein, sie dürfte nicht weit genug gehen.

Wenn Sie Kanzler wären in Deutschland und eine nette Mehrheit hätten, was würden sie ändern?

Man müßte für mehr Wettbewerb in der deutschen Industrie sorgen, vor allem auch im Mittelstand und im Finanzbereich. Das würde auch durchschlagen auf den Arbeitsmarkt. Denn trotz der EU, trotz der Osterweiterung und trotz der Globalisierung läßt die Produktivität und damit die wirtschaftliche Dynamik noch zu wünschen übrig. Als Kanzler würde ich internationale Initiativen zum Abbau der makroökonomischen Ungleichgewichte nutzen, um stärker in diese Richtung zu argumentieren und um über die Agenda 2010 hinauszugehen.

Ist nicht der Öffentliche Sektor das eigentliche Problem?

Er ist ebenfalls ein riesiges Hindernis für die Wirtschaftsentwicklung. Es müßte einfacher sein, Leute zu entlassen, wodurch sie eher wieder eingestellt werden würden. Die Exzesse im Wohlfahrtsstaat müssen abgebaut werden, vor allem auch bei der zu hohen Vergütung der Arbeitslosen.

Und Asien?

Asien hat es in weiten Teilen einfach, denn in Ländern wie China wächst die Bevölkerung rasch ...

... aber nicht in Japan!?

Japan ist ein spezieller Fall. Da es weltweit die größten Handelsbilanzüberschüsse erzielt, ist eine Anpassung ohne Japan nicht möglich. Aus diesem Grund muß das Land seine strukturellen Reformen im Finanzsektor, im ineffizienten Dienstleistungssektor et cetera forcieren. In der Übergangsphase sind Wachstumsstörungen wahrscheinlich, aber Asien hat lange genug von den schwachen Währungen gelebt, sie sollten sich nicht für immer darauf verlassen.

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Abschlußfrage: Läßt sich ein Kollaps des Dollars und des amerikanischen Rentenmarktes ausschließen?

Wenn die besprochenen makroökonomischen Anpassungsprozesse eingeleitet werden schon. Wenn nicht, dann ist eine Krise möglich.

Das Gespräch führt Christof Leisinger

Quelle: @cri
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