Interview

„Die Zeichen für eine Dollarschwäche stehen an der Wand“

19.12.2002
, 06:00
Hans Redeker, Währungsstratege der BNP Paribas
Mit fallendem Dollar gerät der europäische Exportsektor unter Druck. Aber das interessiert die Amerikaner kaum, sagt BNP-Experte Hans Redeker.
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Der Euro ist wieder einmal in Bewegung. Schon seit Jahresbeginn hatte er deutlich zugelegt und im Juli mit Schwung zum ersten Mal seit zwei Jahren die Parität zum Dollar erreicht. Danach atmete er durch und pendelte einige Monate unentschlossen auf dem erreichten Niveau hin und her. Mit Kursen nahe 1,03 Dollar scheint er nun zu einem weiteren Höhenflug anzusetzen.

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Um herauszufinden, ob das so sein könnte, unterhielt sich FAZ.NET mit Hans-Günter Redeker von der BNP Paribas in London. Als Global Head of Foreign Exchange Strategy dürfte er die Finessen des Marktes zur Genüge kennen.

Im Euro-Dollar haben wir in jüngster Zeit starke Kursgewinne gesehen. Wie würden Sie das begründen?

Oft wird dafür die „Risikoaversion“ der Marktteilnehmer angeführt. Aber ich denke, man muss tiefer blicken. Nach dem Rückzug des US-Finanzministers Paul O'Neill und der Einsetzung John Snows ist die Idee aufgekommen, dass die Amerikaner ihre „Politik des starken Dollars“ ändern könnten. Das werden sie sicher nicht laut verkünden. Aber wenn man das Wachstumspotenzial der amerikanischen Wirtschaft mit der Geldversorgung vergleicht, dann stellt man fest, dass diese in den vergangenen eineinhalb Jahren extreme Züge angenommen hat.

Werden hier schon Inflationsängste gespielt?

Nein, so weit würde ich nicht gehen. Aber wenn man auf der einen Seite hohe Liquidität hat, und es gleichzeitig kaum Investitionsmöglichkeiten bei bestimmten erwarteten Renditen gibt, dann wandert dieses Kapital ins Ausland ab. Das bedeutet eine Währungsabschwächung von dieser Seite. Das ist das Spiegelbild dessen, was wir 1999 im Euro gesehen haben. Damals hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen um 50 Basispunkte gesenkt und die Geldmenge und das Kreditangebot sind durch die Decke gegangen. Das hat die folgende Euroschwäche maßgeblich mit begründet.

Dazu kommt ein Leistungsbilanzdefizit der USA, das eigentlich einen täglichen Mittelzufluss von 1,4 Milliarden benötigt. Wenn dort aber gleichzeitig ein Geldüberhang besteht und die Zahlungsströme teilweise sogar gerade in die andere Richtung gehen, dann gerät der Dollar unter Druck.

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Besteht damit nicht die Gefahr, dass der Dollar massiv abrutscht?

Ich stelle die These auf, dass wir bis Ende des kommenden Jahres mit einer Wahrscheinlichkeit von 65 Prozent bei 1,10 Dollar je Euro liegen werden. Für ein Dollar-Krisen-Szenario setzen wir eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent an. In diesem Falle sehen wir den Euro bei 1,17 Dollar. Wir würden also dahin zurücklaufen, wo wir 1999 bei der Einführung des Euro angefangen haben. Die Zeichen für eine Dollarschwäche stehen an der Wand.

Das klingt ziemlich dramatisch!

Das ist dramatisch. Die amerikanische Politik ist nach innen gerichtet. Der US-Präsident will im November 2004, wenn US-Präsidentschaftswahlen anstehen, eine gute ökonomische Bilanz vorlegen, der Wechselkurs interessiert ihn gar nicht. Wenn er glaubt, er brauche eine schwache Währung, dann tut er das.

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Aber er riskiert dabei, dass er die ganzen „Weltfinanzkoordinaten“ durcheinander bringt. Die europäischen und die japanischen Exporteure hätten massive Probleme ...

Die Amerikaner haben sowohl die Japaner als auch die Europäer wiederholt darauf hingewiesen, dass sie ihre Volkswirtschaften umstrukturieren müssten. Die amerikanischen Ungleichgewichte seien nicht haltbar. Aber statt sich darauf einzulassen, hat sich die deutsche Regierung zum Sklaven der Exportmärkte gemacht und jammert nun zu Unrecht über die Schwäche der Weltwirtschaft.

Sie hilft auch kräftig, Lohnforderungen der Gewerkschaften mit dem Hinweis auf den „Exportweltmeister“ zu rechtfertigen ...

Sie können die Inlandsnachfrage nicht nachhaltig stimulieren, indem Sie höhere Lohnforderungen durchsetzen. Das unterminiert die Profitabilität der Unternehmen - und nach einem Jahr backen sie ganz kleine Brötchen. Was wir brauchen, ist eine erfolgreiche Umstrukturierung der Arbeitsmärkte. Es müssen auch Arbeiten mit niedriger Produktivität im eigenen Lande durchgeführt werden können. Dafür brauchen wir eine steile Lohnstrukturkurve, die wir nicht haben.

Das heißt, die Streiks im öffentlichen Dienst gehen in die falsche Richtung?

Ja, die gehen in die völlig falsche Richtung. Wenn die Japaner und die Europäer nicht in der Lage sind, ihre Wirtschaft umzustrukturieren, dann beginnen die USA, ihre Deflation zu exportieren. Das passiert über die Währungsseite.

Mit welchen Folgen?

Das wird Druck auf den europäischen Exportsektor ausüben, das wird die Gewinne wegbrechen lassen, es wird die Investionentätigkeit reduzieren und die Arbeitslosigkeit drastisch ansteigen lassen.

.. und die Japaner lösen das Dilemma mit einer Abwertung des Yen?

Wo sich der Markt am meisten irrt, das ist bei der Yen-Bewertung. Gott und die Welt gehen davon aus, dass der Yen eine schwache Währung ist. Wir stellen uns dagegen und glauben, dass der Yen im ersten Quartal des kommenden Jahres auf Grund der Repatriierung von Vermögenswerten unter starken Aufwertungsdruck kommen wird.

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Was heißt das konkret?

Der Yen wird gegen den Dollar auf 110 fallen. Damit sind wir, wenn beide Prognosen eintreffen, im Euro-Yen bei 100.

Ein Blick auf den Schweizer Franken ...

Der Schweizer Franken wird schwach sein. Der Euro-Franken wird in einem Jahr bei 1,53 liegen und mit Blick auf zwei Jahre deutlich über 1,65. Denn erstens wird die Volkswirtschaft schwach sein auf Grund deflationärer Tendenzen. Zweitens wird das Bankgeheimnis geknackt werden. Die Leistungsbilanzüberschüsse werden dann wie Schnee im Sommerwind dahinschmelzen.

... und die osteuropäischen Währungen?

In einigen Währungen ist noch ein deutlicher Zinsvorsprung da, die Direktinvestitionen in diese Länder hinein werden anhalten und auch überwechseln in Aktieninvestitionen. Das heißt, die Währungen bleiben unterstützt. Die Notenbanken werden mit Zinssenkungen gegensteuern, so dass die Anleihen noch Potenzial haben. In Polen steht allerdings noch ein Referendum aus, bei dem die Mehrheit noch nicht gesichert ist. Das sorgt noch für etwas Unsicherheit.

Zum Abschluss - sehen sie irgendwelche überraschenden Kursbewegungen am Devisenmarkt voraus?

Wenn es im Irak zum Krieg kommt und die Entscheidung fällt innerhalb eines überschaubaren Zeitraums, dann dürfte der Dollar vorübergehend davon profitieren. Aber das wäre eine gute Gelegenheit, um den Euro zu kaufen.

Das Gespräch führte Christof Leisinger.

Quelle: @cri
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