Interview

„Im kommenden Jahr ist eine Dollarkrise möglich“

02.12.2003
, 06:00
Hans Redeker, Währungsstratege der BNP Paribas
Der Dollar steht nahe an einem Rekordtief. Bei guten Konjunkturzahlen wird es sich etwas erholen können, denkt BNP-Währungsstratege Hans Redeker. Längerfristig drohe allerdings eine handfeste Währungskrise.
ANZEIGE

Der Dollar steht wieder einmal im Brennpunkt des Geschehens. Er markierte in den vergangenen Tagen ein neues Tief gegen den Euro. Und obwohl die Börsen mit deutlich steigenden Kursen auf eine Erholung der Weltkonjunktur bauen, kann er zumindest bisher kaum davon profitieren.

ANZEIGE

Eine seltsame Entwicklung und Grund genug, sich mit einem Devisenprofi über die weitere Perspektive zu unterhalten. Ein Interview mit Hans-Günter Redeker von BNP Paribas in London. Es ist Global Head of Foreign Exchange Strategy und damit direkt am Markt.

Der Euro markiert gegen den Dollar ein neues Hoch nach dem anderen. Wie läßt sich das erklären und wie geht es weiter?

Diese Entwicklung hat damit zu tun, daß in der vergangenen Woche der Stabilitäts- und Wachstumspakt gekippt worden ist. Der Markt hat im Augenblick eine ziemlich kurzfristige Sichtweise und erwartet einen lockere Fiskalpolitik und eine engere Geldpolitik. Diese Kombination spricht zunächst für den Euro. Wenn Finanzminister Eichel das allerdings als Reaktion auf seine Politik wertet, dann kann man sich nur fragen, wie blauäugig man sein kann. Denn die langfristigen Implikationen sind eindeutig negativ.

Der Markt wird aber auch von Portfoliomanagern getrieben. Fondsmanager sind eher geneigt als früher, die Währungsrisiken ihrer Anlagen abzusichern. Von dieser Seite wird der fundamentale Trend betont oder gar beschleunigt durch das aktive Währungsmanagement dieser Anleger.

ANZEIGE

Wenn die Marktteilnehmer so einseitig positioniert sind, ist die Gefahr einer Gegenreaktion nicht groß?

Ja, diese Gefahr dürfte kurzfristig ziemlich groß sein. Sie wird genau dann kommen, wenn die amerikanische Zentralbank andeutet, die Zinsen zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft anzuheben. Am neunten Dezember haben wir das FOMC-Meeting. Und das könnte der „Casus-Knaxus“ werden. Wenn im nachfolgenden Statement die Phrase „an accomodative monetary policy for a considerable period of time“ fehlt, könnte das auf eine Zinserhöhung im März hindeuten.

Und das würde eine Trendwende einleiten?

Wenn sich die Arbeitsmarktzahlen und sonstige Konjunkturzahlen in den kommenden Wochen und Monaten positiv entwickeln - wir erwarten ein deutlich höheres und fundierteres Wachstum in den kommenden Quartalen als der Markt -, wird sich die „Tonlage“ der Notenbank verändern. Die Marktteilnehmer werden dann höhere Zinsen erwarten, was dem Dollar zumindest kurzfristig helfen wird. Es dürfte eine Entwicklung geben, wie wir sie im Juni und Juli schon einmal beobachten konnten. Damals ist der Euro von knapp 1,20 auf 1,0764 Dollar gefallen.

ANZEIGE

Aber verlieren die fiskalischen und geldpolitischen Anreize nicht bald ihre Wirkung und dämpfen den Konsum?

Die Fiskalpolitik dürfte ihre größte Wirkung schon überschritten haben. Die Geldpolitik wirkt allerdings nur verzögert und dürfte ihre Wirkung noch gar nicht voll entfaltet haben. Vermutlich hat die Notenbank sogar einen zu weiten „Geldmantel geschneidert“, um sicher zu gehen, daß die Wirtschaft nicht zurückfällt in die Deflation. Da die Konjunktur sehr wahrscheinlich deutlich anziehen wird, dürfte das künftige „Thema“ der Märkte die Inflation sein und nicht die Deflation.

Muß die Notenbank auf Grund der verzögerten Wirkung der Geldpolitik nicht früh „auf die Bremse treten“ und die Zinsen erhöhen?

Die Notenbanker wollen sicher gehen. Wir sind in einer ähnlichen Verfassung wie 1993/94. Als sich damals die Zinserhöhungserwartungen aufgebaut hatten, hat der Dollar gegen die Mark leicht zugelegt auf etwa 1,75 Mark je Dollar. Aber als die Zentralbank die Zinssätze schließlich erhöhte, wurde ein deutlicher Dollarrückgang eingeleitet. (Anm. d. Redaktion: Er führte im Tief auf 1,3690 Mark je Dollar oder umgerechnet 1,4288 Dollar je Euro). Ich glaube, es könnte in nächster Zeit ähnlich ablaufen.

Wie läßt sich das erklären?

Wenn es zu einer Zinserhöhung kommt, dann wird Geld aus den Kapitalmärkten herausgezogen. Das ist besonders schlecht für solche Volkswirtschaften (Anm. d. Redaktion: ... wie die Vereinigten Staaten), die sich extern refinanzieren müssen. Dann dürfte es zu einem gewaltigen Verfall des Dollars kommen. Im Augenblick kann er wohl noch abgebremst werden.

ANZEIGE

Wird der Dollar nicht gestützt durch die asiatischen Notenbanken? Die Gelddruckmaschinen der Japaner laufen doch auf Hochtouren, sie pumpen das ganze Geld in den amerikanischen Rentenmarkt.

Die Japaner betreiben eine Wechselkurspolitik, um ihre Exporteure zu schützen. Sie werden das so lange machen, bis sie erkennen, daß sich das Wachstum in Asien selbst trägt. Sobald das erkennbar ist, werden die asiatischen Notenbanken von der Wechselkurspolitik abrücken und ihre Währungsreserven optimal streuen. Sie werden die „Dollarlastigkeit“ abbauen und europäische und asiatische Währungen kaufen.

Wann wird das passieren?

Nächstes Jahr wird es für den Dollar ganz eng werden.

Das klingt nach Währungskrise!

Wir haben eine Prognose für das Ende des kommenden Jahres von 1,30 Dollar je Euro. Diese Prognose beruht auf „ordentlichen Marktbedingungen“ und hat eine Wahrscheinlichkeit von 65 Prozent. Die „Restwahrscheinlichkeit“ von 35 Prozent steht für eine Währungskrise mit einem „implodierenden“ Dollar.

Was würde das bedeuten?

Bis Anfang des kommenden Jahres dürften die Börsen noch steigen und sich die Anleihen noch einigermaßen halten. Danach würde ich raten, in sichere Geldmarktfonds umzuschichten und das Jahr einfach abzuwarten. Denn wenn es auf der Dollarseite „regnet“, dürften die amerikanischen Kapitalmärkte Probleme bekommen. Die Notenbank dürfte gezwungen werden, mit steigenden Zinsen gegenzusteuern.

ANZEIGE

Wie muß ich mich als Anleger positionieren?

Die Nachrichten in näherer Zukunft dürften positiv sein, deswegen kann man kurzfristig weiterhin auf Aktien setzen. Ich rechne damit, daß der Dax auf 4.000 oder gar 4.200 Punkte steigen könnte. Dann muß man verkaufen. Anleihen sollte man jetz schon verkaufen, sie zu halten hat überhaupt keinen Sinn. Man sollte auch einmal überlegen, was steigende Geldmarktzinsen für Unternehmensanleihen bedeuten: nämlich fallende Kurse. Spekulativ könnte man auf Minenwerte setzen und auf asiatische Währungen. Das britische Pfund könnte möglicherweise auch eine Sonderrolle spielen.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE