Krisenwährung

Notenbanken verleihen wieder mehr Gold

Von Tim Höfinghoff
17.01.2012
, 17:40
Krisenwährung Gold
Krisengeplagte Finanzinstitute nutzten im vergangenen Jahr Gold-Leihgeschäfte, um sich Dollar zu beschaffen. Dadurch könnte der Preis für das Edelmetall gedrückt werden.

Zentralbanken haben im vergangenen Jahr wieder mehr Gold an krisengeplagte Banken verliehen, die damit ihre Dollarknappheit reduzieren konnten. Das Analyseunternehmen Thomson Reuters GFMS berichtete, dass Notenbanken zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 wieder mehr Gold verliehen haben - konkrete Zahlen zum Anstieg nannte GFMS allerdings nicht.

Notenbanken halten nicht nur große Mengen des Edelmetalls für ihre Reserven, sie können es auch an Finanzinstitute, so genannte Bullionbanken, verleihen. „Gold bringt keine Zinsen“, sagt Rohstoffanalyst Carsten Fritsch von der Commerzbank. „Wenn Zentralbanken hohe Goldbestände haben, können sie das Metall gegen eine Gebühr an die Bullionbanken verleihen und so ihre Erträge verbessern.“ Derzeit liegt der Leihsatz bei weniger als 1 Prozent. Das Geschäft ist deshalb sinnvoll, weil im vergangenen Jahr viele Geschäftsbanken knapp an amerikanischen Dollar waren. Haben sich diese Banken Gold geliehen, konnten sie das Edelmetall verkaufen und gelangten im Gegenzug an Dollar.

Marktpreis könnte gedrückt werden

Wie ernst die Lage war, zeigte die Aktion der sechs wichtigsten Zentralbanken der Welt, die Ende November Tauschvereinbarungen beschlossen hatten, um die Geldversorgung des Bankensystems zu verbessern. Banken erhielten einen günstigeren Zugang zu Dollarkrediten. Seitdem dürfte die Nachfrage der Banken nach Gold-Leihgeschäfte gesunken sein.

Goldentwicklung im Januar 2012
Goldentwicklung im Januar 2012 Bild: F.A.Z.

Fraglich ist, ob diese Geschäften den Goldpreis stark bewegen, zumal der Preis Anfang September 2011 mit bis zu 1921 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) so hoch war wie noch nie. Im Herbst sank der Preis stark. Am Dienstag kostete Gold rund 1665 Dollar. „Vor etwa zehn Jahren ist der Goldpreis stark gesunken, nachdem es solche Leihgeschäfte mit Gold gegeben hat“, sagt Analyst Fritsch, „daher ist nicht auszuschließen, dass der Marktpreis für Gold durch derartige Leihgeschäfte gedrückt werden kann.“

Notenbanken geben keinen Einblick in solche Transaktionen. Ein Sprecher der Bundesbank sagte zu dem Thema lediglich, dass derzeit kein Gold verliehen sei. Analyst Fritsch sagt: „Das Gold wird nicht verkauft, es verändert nicht den offiziellen Goldbestand, weil das Metall nicht den Besitzer wechselt, sondern nur verliehen wird.“ Kein Wunder, dass manche Anleger das intransparente Agieren kritisieren. Sie argwöhnen, dass Zentralbanken sogar ein Interesse daran haben, die Goldpreise zu drücken, weil ein zu starker Anstieg auf Probleme auf dem Finanzmarkt hinweisen kann. Aus Furcht vor Geldentwertung in Zeiten hoher Staatsschulden ist Gold bei vielen Investoren immer beliebter geworden. Gold hat sich um 10 Prozent verteuert im Jahr 2011 und damit andere Anlageklassen wie Aktien und Anleihen geschlagen.

Auch die Zentralbanken setzen auf Gold: Im vergangenen Jahr haben die Zentralbanken ihre Goldreserven so stark erhöht wie seit dem Jahr 1964 nicht mehr, heißt es im GFMS-Bericht. Demnach haben die Notenbanken per saldo zusätzlich 430 Tonnen Gold gekauft. Die Notenbanken diversifizieren damit ihre Devisenreserven.

Niedrige Zinsen, höhere Inflationsraten

Nach GFMS-Angaben wurde das Metall im Jahr 2011 von den Zentralbanken mehr als fünfmal stärker nachgefragt als im Jahr 2010. Für die ersten sechs Monate dieses Jahres sei damit zu rechnen, dass die Notenbanken 190 Tonnen kaufen, prognostiziert GFMS - dies wäre nur etwas weniger als die Menge, die sie im ersten Halbjahr 2011 gekauft haben. Damals betrug die Menge 205 Tonnen.

Bezüglich der weiteren Preisentwicklung urteilen die GFMS-Analysten, dass der Goldpreis bis Ende 2012 oder Anfang 2013 über die Marke von 2000 Dollar steigen könne. Niedrige Zinsen, die Aussicht auf höhere Inflationsraten sowie die Furcht der Investoren vor Geldentwertung würden den Preisanstieg stützen. Allerdings geht GFMS auch davon aus, dass sich der Goldmarkt am Ende eines Jahrzehnte langen Preisanstiegs befindet. Der Preis sollte sinken, wenn die Investoren-nachfrage - wie für das kommende Jahr zu erwarten sei - nachgebe und sich die gesamtwirtschaftliche Situation verbessere. GFMS sieht einen durchschnittlichen Goldpreis von 1640 Dollar in der ersten Jahreshälfte.

Quelle: F.A.Z.
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