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Nach der Finanzkrise

Brauchen wir ein neues Geldsystem?

Von Christian Siedenbiedel
 - 19:22

Die Ängste sind etwas diffus - aber sie sind verbreitet. Was ist, wenn auf die Bankenkrise und die Staatsschuldenkrise eine dritte große Krise folgt: die Krise des Geldes? Wenn die Menschen nach dem Vertrauen in die Banken und die unbegrenzte Kreditwürdigkeit der Staaten nun den Glauben an das Geldsystem selbst verlieren? Thomas Mayer, der frühere Chefvolkswirt der Deutschen Bank, hatte das zum Jahresbeginn in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zumindest als Möglichkeit in den Raum gestellt. Und gleich eine ganze Reihe von Büchern, die in diesem Jahr erschienen sind, warnen vor dem „Ende des Scheins“ und mahnen, unser Geldsystem müsse dringend reformiert werden.

Wo ist dabei das Problem? Wo lauern möglicherweise Gefahren, die man im Moment noch nicht so spürt? Wie das Bankgeschäft, so basiert auch das Geld auf dem Vertrauen der Menschen. Wenn zu viel Geld geschaffen wird, kann das Vertrauen schwinden. Im Augenblick ist das zwar noch nicht der Fall. Aber Kritiker warnen, man solle es nicht darauf ankommen lassen - und lieber über eine Reform oder zumindest Ergänzung des Geldsystems nachdenken.

Zwei gegensätzliche Ängste spielen in dieser Debatte eine Rolle: Die eine ist, dass den Notenbanken die Steuerung und Kontrolle über das Geld entgleiten könnte. Dass sie also zu wenig Einfluss auf die Geldmenge haben. Die andere, gegenteilige ist, dass gerade die Macht der Notenbanken zur Gefahr werden kann - wenn sie für politische Zwecke missbraucht wird.

Geld sind heutzutage nicht nur Scheine und Münzen

Um tiefer in die Diskussion einzusteigen, muss man sich zunächst einmal mit einer ganz grundlegenden Frage beschäftigen, die nicht so trivial ist, wie sie scheint: Wie kommt das Geld überhaupt in die Welt? Wie geschieht die Geldschöpfung im gegenwärtigen System? Es ist nämlich nicht so, dass ausschließlich die Notenbanken das Geld in die Welt bringen. Für Laien ist die Vorstellung oft verblüffend, dass auch Geschäftsbanken Geld schöpfen können. Zumindest nach der vorherrschenden Auffassung der Geldtheorie ist dies jedoch möglich - und passiert auch im Prozess der Kreditgewährung.

Es sind die Banken, die einen Großteil unseres Geldes schaffen. Und zwar große Geschäftsbanken wie die Deutsche Bank und die Commerzbank genauso wie kleine Volksbanken und Sparkassen. Und das funktioniert so: Zwar können die Banken weder Geldscheine drucken noch Münzen prägen. Das dürfen im Euroraum nur die Europäische Zentralbank und die nationalen Notenbanken.

Die Geldschöpfung der Banken ist aber von anderer Natur als die der Notenbanken. Geld, das sind heutzutage schließlich nicht nur Scheine und Münzen. Auch was irgendwo auf Konten schlummert, ist echtes Geld. Wenn Zahlen von einem Konto auf ein anderes wandern, fließt Geld. Man kann dafür Dinge kaufen und es sich auszahlen lassen.

Dieser elektronische Teil des Geldes ist mittlerweile sogar der größere Teil: In Europa gibt es eine sogenannte zahlungsfähige Geldmenge (Fachleute nennen sie „M1“) von etwa 5,2 Billionen Euro. Darin enthalten sind 879 Milliarden Euro Bargeld in Scheinen und Münzen. Der unvorstellbar große Rest ist nur auf Konten existent, die „Sichteinlagen“. Dieses Geld wird überwiegend von den Banken geschaffen.

Geld entsteht, wenn eine Bank einem Kunden einen Kredit gewährt

Das passiert, indem sie Kredite vergeben. Unser Geld ist heute überwiegend Kreditgeld. Das meiste entsteht nicht mehr durch die Bearbeitung von Edelmetallen wie noch in früheren Jahrhunderten. Aristoteles und Platon philosophierten zu ihrer Zeit noch darüber, ob der Wert des Geldes durch den Metallwert der Münzen (“physis“) entstehe oder durch den Nennwert, den der Staat qua Erlass festlegt (“nomos“). Heute entsteht Geld durch Verschuldung. Was ist auch Papiergeld anderes als eine Art Schuldschein der ausgebenden Stelle, der von dem Vertrauen lebt, dass er jederzeit weiterzugeben ist? Bei dem Geld, das die Banken schaffen, dem sogenannten „Buchgeld“ oder „Giralgeld“, ist es nicht viel anders.

Dieses Geld entsteht, wenn eine Bank einem Kunden einen Kredit gewährt und den Betrag auf dessen Konto gutschreibt. Der Kunde kann den Betrag wie Geld weiterverwenden. Eigentlich handelt es sich zwar technisch nur um eine Forderung, die auf Bargeld lautet. Er kann den Betrag aber an andere überweisen, ihn mit der EC-Karte zum Shoppen nutzen oder am Automaten bar abheben. „Aus der Sicht des Einlegers sind Sichteinlagen ,wie Geld’“, sagt der Ökonom Martin Hellwig. „Aus Sicht der Banken sind sie Schuldtitel.“ Um einem Kunden einen Kredit zu gewähren, braucht die Bank noch nicht einmal die Spareinlage eines anderen Kunden aus ihrem Tresor zu holen.

Allerdings: Die Bank muss im Gegenzug für die Einlage, die sie dem Kunden gutschreibt, Geld bei der Zentralbank deponieren: die Mindestreserve. Sie ist viel kleiner als Einlage und Kredit. Lange Zeit betrug der Mindestreservesatz zwei Prozent. Anfang 2012 wurde er auf ein Prozent gesenkt. Eine Bank, die einem Kunden einen Kredit über 10.000 Euro gewähren und als Einlage gutschreiben will, braucht also 100 Euro Mindestreserve.

Wenn das geborgte Geld früher oder später als Einlage bei einer anderen Bank landet, kann diese noch mehr Kredit vergeben: Das Bankensystem als Ganzes schafft so ein Vielfaches von dem Geld, das am Anfang stand. Ökonomen nennen das „multiple Geldschöpfung“.

Reicher wird die Bank durch die Geldschöpfung allerdings nicht automatisch: In der Bilanz steht der Sichtverbindlichkeit gegen den Kreditnehmer eine Forderung auf Rückzahlung des Kredits in gleicher Höhe gegenüber. Reicher wird die Bank erst, wenn sie für den Kredit später Zinsen bekommt und er nicht ausfällt. Das Geldsystem, bei dem die Banken einen Teil ihrer Einlagen als Mindest- und Barreserven halten müssen, nennt man „fraktionales“ (unvollständiges) Reservesystem. An diesem System nun entzündet sich die Kritik der Mahner.

Dabei spielen die Erfahrungen aus der Finanzkrise eine Rolle. War es nicht die übermäßige Verschuldung der Privaten, der amerikanischen Hausbesitzer, vor allem aber der Banken, die uns in die Finanzkrise geführt hat? Wie stabil kann da ein Geldsystem sein, das auf einer Geldschöpfung der Banken durch Kredite beruht? Und ihnen somit einen Einfluss auf die Geldmenge gewährt?

Seit der Krise erlebt daher die Idee des sogenannten Vollgeldes eine Renaissance. Der Kern der Idee: Um das Finanzsystem stabil und sicher zu machen, soll der Staat den Banken verbieten, im Zuge ihrer Kreditvergabe neues Geld in Umlauf zu bringen. Dazu könnte der Staat die Banken zwingen, für alle kurzfristigen Einlagen eine Mindestreserve von 100 Prozent zu halten - oder überhaupt nur der Zentralbank erlauben, Geld zu schöpfen und weiterzugeben.

In der Schweiz will der Verein „Monetäre Modernisierung“ um den Ökonomen Hans Christoph Binswanger, den Doktorvater des früheren Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann, eine Volksabstimmung über die Einführung eines solchen Modells durchsetzen. Und in Deutschland fordert eine Initiative namens „Monetative“ um den Wirtschaftssoziologen Joseph Huber von der Universität Halle ebenfalls: „Alles Geld soll ausschließlich von einer unabhängigen öffentlichen Stelle geschöpft werden - der Zentralbank.“ Es sei wichtig, die „Geldmengenkontrolle wiederzuerlangen“, meint Huber: „Sonst produzieren die Banken so lange Geld, bis das System zusammenbricht.“

Sollte die Zentralbank mehr oder weniger Macht und Kontrolle über die Geldschöpfung haben?

Die Auswirkungen einer solchen Umstellung des Geldsystems wären zweifellos gravierend. Auf der einen Seite ist nicht zu leugnen, dass für Bankkunden die Einlagen sicherer würden, wenn die Bank sie zu 100 Prozent bei der Zentralbank deponieren müsste. Selbst der Fall, dass alle Kunden einer Bank gleichzeitig ihre Girokonten plündern wollten, verlöre seinen Schrecken. Es ist auch nicht zu bestreiten, dass die Notenbank mehr Einfluss auf die Geldmenge hätte. „Wenn niemand anders als die Notenbank Geld schöpfen darf, kann sie die Geldmenge eins zu eins kontrollieren“, sagt Helge Peukert, Finanzwissenschaftler an der Universität Erfurt.

Die Befürworter des Vollgeldes führen als einen wichtigen Vorteil an, dass man die störenden Zyklen, in denen Geld geschöpft werde, dadurch stärker ausgleichen könnte. Das hätte auch Auswirkungen auf die Konjunkturzyklen insgesamt. Man könnte vermeiden, dass die Banken in guten Zeiten übertrieben viel Geld schöpfen, weil sie bei der Kreditvergabe sehr optimistisch sind, und in schlechten Zeiten zu wenig, weil sie zu ängstlich sind. Die Vollgeld-Befürworter meinen, so könne man spekulative Blasen vermeiden - eine Ursache von Finanzkrisen.

Allerdings muss man auch sagen, was der Preis dafür ist. „Bei 100 Prozent Mindestreserve stellt sich die Frage, warum Banken überhaupt noch Sichteinlagen annehmen sollten“, sagt der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Volker Wieland. Was sollten sie daran verdienen, wenn sie die kompletten kurzfristigen Einlagen als Reserve bei der Notenbank abliefern müssen? Eine Idee ist, dass die Bankkunden dann eine Gebühr dafür entrichten könnten, dass sie ihr Geld bei der Bank abliefern dürfen, wie bei einem Schließfach. Aber ob die Bankkunden das mitmachen würden?

Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, ob es überhaupt eine gute Lösung ist, der Zentralbank auf diese Weise mehr Macht und Kontrolle über die Geldschöpfung zu geben. So verbreitet schließlich seit der Finanzkrise das Misstrauen gegenüber den privaten Banken ist, so verbreitet sind auch Sorgen, die Notenbanken könnten zu viel Geld in Umlauf bringen.

Es gibt deshalb auch Reformvorschläge für unser Geldsystem, die die Macht der Notenbank begrenzen wollen. Den Extremvorschlag hatte einst Friedrich August von Hayek gemacht: Der österreichische Ökonom forderte, bei der Geldschöpfung ganz auf den Markt zu setzen. Private Banken sollten in Konkurrenz zueinander privates Geld schaffen, dessen Wert sie an einen Warenkorb mit Rohstoffen binden sollten. Wenn die Leute sich aussuchen könnten, welches Geld sie verwenden, würde sich im Wettbewerb die Nachfrage sicherlich den wertstabilsten Währungen zuwenden.

Die Rückkehr zu einem System der Golddeckung des Geldes scheint illusorisch

Nun stehen im Augenblick die Banken nicht hoch im Kurs. Und Vorschläge, ihnen noch mehr Macht in der Geldschöpfung zu geben, dürften deshalb auf wenig Zustimmung stoßen. Reformvorschläge, die heute die Macht der Notenbanken begrenzen wollen, konzentrieren sich daher meistens darauf, den Notenbanken strengere Regeln für die Geldschöpfung vorzugeben. Die Idee dahinter: Es kann ein Problem sein, wenn die Notenbanken zu frei sind, Geld zu schaffen. Sie könnten es übertreiben. Politiker nehmen vielleicht Einfluss und wollen ihre politischen Projekte durch die Schöpfung von zusätzlichem Geld finanzieren.

Der spanische Ökonom Jesús Huerta de Soto von der Universität in Madrid beispielsweise, wie Hayek ein Vertreter der Österreichischen Schule, die eine liberale Wirtschaftspolitik propagiert, hat vorgeschlagen, den Wert des Geldes wieder ans Gold zu binden. Er hält es wie die Anhänger des Vollgeldes für richtig, wenn die Banken gezwungen werden, für ihre Einlagen 100 Prozent Mindestreserve zu halten. Daneben solle aber der Wert des Geldes wieder ans Gold gebunden werden, damit die Politiker keinen Zugriff mehr auf die Notenpresse der Zentralbank haben und ihre vermeintlichen Wohltaten nicht mehr über Inflation finanzieren können. Auch der frühere Präsident der Weltbank Robert Zoellick hat vorgeschlagen, wieder eine modifizierte Form der Goldbindung einzuführen.

In der Bevölkerung würde es sicher besonders begrüßt werden, wenn nicht nur der Wert des Geldes wieder ans Gold gebunden würde, wie das im Währungssystem von Bretton Woods bis Anfang der siebziger Jahre für den Dollar der Fall war, sondern wenn es eine Golddeckung des Geldes bei der Notenbank wie vor dem Ersten Weltkrieg gäbe und man Geldscheine gegen Gold eintauschen könnte. Als im vorigen Jahr in Deutschland darüber diskutiert wurde, wie sicher das im Ausland gelagerte Gold der Bundesbank ist, gab es ein erhebliches öffentliches Interesse an der Debatte. Und das, obwohl es in unserem Geldsystem gar nicht möglich ist, Geldscheine gegen Gold bei der Notenbank einzutauschen.

Zweifel am Sinn der Goldbindung

Es wäre sicher nicht unmöglich, das wiedereinzuführen. Die meisten Ökonomen haben allerdings große Zweifel, ob es sinnvoll wäre. Wenn man eine direkte Eintauschmöglichkeit schaffen wollte, benötigte man unglaublich große Mengen von Gold, eine viel geringere Geldmenge - oder völlig andere Goldpreise als heute. Schon im Kaiserreich war das umlaufende Papiergeld nicht mehr vollständig durch Gold gedeckt, sondern nur zu einem Drittel. Die Rückkehr zu so einem System scheint illusorisch.

Einfacher wäre es sicherlich, den Wert des Geldes an den Goldpreis zu koppeln. In Amerika ließen die Republikaner um Mitt Romney eine Kommission einrichten, die das prüfen sollte. Auch Ronald Reagan hatte mal einen Vorstoß in diese Richtung unternommen - man kam aber zu dem Ergebnis, das bringe keine Vorteile. Wenn man das machte, benötigte man wohl ein Weltfinanzsystem mit festen Wechselkursen. Eine solche Bindung verhindert, dass Politiker und Notenbanken in einem einzelnen Land bewusst Inflation herbeiführen können (“goldene Fessel“).

Dafür wird die Notenbank machtlos, wenn Inflation aus einem anderen Land herüberschwappt. Außerdem hat sie in Krisenzeiten kaum Möglichkeiten, den Banken ihres Landes mit zusätzlichem Geld unter die Arme zu greifen - das wirkte in den dreißiger Jahren krisenverschärfend. „Ich hätte nicht erleben wollen, wie die Zeit nach Lehman verlaufen wäre, wenn wir eine Goldbindung gehabt hätten“, sagt Peter Spahn, Wirtschaftsprofessor an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Die physische Begrenztheit der Geldschöpfung kann in bestimmten Zeiten ein Segen sein - in anderen aber ein Fluch.

Bitcoins, das Geld aus dem Internet

Ein bisschen ähnlich wie ein Geldsystem mit Goldbindung funktioniert das Internetgeld. Bitcoins sind eine Art Recheneinheit, die man bei bestimmten Unternehmen im Internet zum Zahlen verwenden kann. Die Bundesregierung hat sie jetzt gerade offiziell als „privates Geld“ anerkannt.

Der Witz dabei ist: Die Währung wird nicht von einer zentralen Stelle geschöpft, einer Art Notenbank, sondern ihre Entstehung ist an die Lösung bestimmter Computerrätsel ohne weiteren Nutzen geknüpft, die sich nur mit großen Rechenkapazitäten bewältigen lassen.

Ein Unbehagen mit dem aktuellen Geldsystem bleibt

Das Ganze ist so konstruiert, dass die Menge an Bitcoins sich nur langsam ausweitet und es eine absolute Obergrenze gibt. Wer die Bitcoins schöpft (“mining“ nennen das die Internetleute, also „fördern“ wie Gold im Bergbau), kann den Gewinn daraus vereinnahmen, die „Seigniorage“. Für den Gebrauch der Bitcoins jedoch ist nur entscheidend, dass sie knapp sind, also nicht beliebig vermehrbar, dass man sie zu einem Kurs gegen Euro, Dollar oder Yen erwerben kann, der von Angebot und Nachfrage abhängt, und dass es Stellen gibt, die sie wie Geld akzeptieren.

Allerdings: An den Bitcoins lassen sich Probleme beobachten, wie es sie bei ähnlich konstruierten Geldsystemen auch außerhalb des Internets gibt. Das eine ist die Anonymität. Weil man Bitcoins weitgehend namenlos verwenden kann, ergaben sich ähnliche Phänomene wie beim Bargeld: Sie wurden für allerhand illegale Geschäfte eingesetzt. Auch Bargeld wird schließlich von vielen Ganoven lieber genommen als eine Überweisung, weil sich sein Weg schwerer nachvollziehen lässt.

Außerdem schwankt der Wert der Bitcoins extrem durch Spekulation: am 10. April 2013 etwa zwischen einem Hoch von 263 Dollar und einem Tief von 135 Dollar. Das erinnert ein wenig an die Schlusszeit der Goldbindung des Dollar: Damals wetteten Spekulanten darauf, dass Amerika die Zusage eines festen Kurses zwischen Dollar und Gold auf Dauer nicht würde einhalten können, was extreme Schwierigkeiten bereitete und am Ende zur Auflösung der Goldbindung beitrug. Auch bei den Bitcoins wird gewettet, ob sie eines Tages sehr knapp werden, weil die Schöpfungsmöglichkeit auf maximal 21 Millionen Einheiten begrenzt ist, oder ob das ganze System im Orkus der Geschichte verschwindet.

Immerhin können auch unorthodoxe, auf Anhieb etwas verrückt klingende Geldsysteme in bestimmten Situationen von Vorteil sein. Ein Beleg ist das sogenannte Wörgler Schwundgeld, auf das sich heute wieder viele Kritiker unseres Geldsystems berufen. Die Stadt Wörgl in der Nähe von Kufstein machte in der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre ein Experiment. Sie führte eine regionale Währung ein, die von ihrer Konstruktion her an Wert verlor. Damit wollte der Bürgermeister die Wirtschaft ankurbeln. Wörgl hatte unter der Krise stark gelitten, die Fabriken waren kaum ausgelastet, und die Arbeitslosenzahl stieg. Als ein zentrales Problem wurde ausgemacht, dass die Leute ihr Geld horteten, statt es auszugeben. Die Stadt gab daraufhin Notgeld aus, das automatisch seinen Wert verlor, wenn man nicht monatlich eine Marke im Wert von einem Prozent des Nennwertes kaufte und aufklebte.

Das Ganze funktionierte offenbar, so ist zumindest überliefert. Die Wirtschaft wurde angekurbelt, und die Arbeitslosigkeit ging etwas zurück. Das Experiment wurde aber von der Oesterreichischen Nationalbank beendet, die für sich das Monopol auf die Ausgabe von Geld beanspruchte.

Eine ganze Bewegung von Kritikern unseres Geldsystems, die Anhänger des Freigelds, fordert, es Wörgl nachzumachen. Regionale Experimente in diese Richtung gibt es, das bekannteste ist der „Chiemgauer“ (siehe Kasten). Der Mainstream der Geldexperten ist allerdings skeptisch, ob solches Schwundgeld heute eine gute Idee wäre. „In Wörgl gab es Deflation, also sinkende Preise“, sagt Wirtschaftsprofessor Spahn. „Wir haben heute eine leichte Inflation, das Geld verliert ohnehin an Wert - das muss man nicht künstlich erzeugen.“

Fazit: Ein Unbehagen am aktuellen Geldsystem bleibt - aber zurzeit gibt es keine Alternative mit Aussichten auf Erfolg. Auch wenn unter den Anhängern der alternativen Geldsysteme eine ganze Reihe ernst zu nehmender Ökonomen zu finden ist: Ein wenig haftet vielen von ihnen etwas Sektiererisches an. Den ökonomischen Mainstream haben sie nicht überzeugen können. Aber heißt das etwas? Waren nicht oft die Sektierer einer Ära die Propheten der späteren Zeit?

Quelle: F.A.S.
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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