Rohöl

Mittelfristig keine Wende beim Ölpreis in Sicht

06.10.2005
, 16:31
Ölaktien gehören am Donnerstag zu den meistverkauften Werten. Schuld daran sind Sorgen über eine Nachfrageabschwächung. Aber diese könnten verfrüht sein.

„Ein trauriger Tag ist das an der Börse“, sagt ein Börsianer am Donnerstag beim Blick auf die Kurstafeln. Dort ist mehr Rot als Grün zu sehen - es gibt solche Tage. Gegen Mittag notieren 23 Prozent der in Deutschland gehandelten Aktien im Plus, aber rund doppelt soviel im Minus. Noch schlechter fällt die Bilanz der Rohstoffwerte aus. lediglich 14 Titel können zu legen - aber jeder zweite steht im Minus.

Schuld daran ist nicht zuletzt der Ölpreis. Dieser unsichere Kompagnon hat seinen dreijährigen Höhenflug nach Meinung vieler Anleger erst einmal beendet. „Wir haben damit begonnen, Gewinne zu realisieren“, sagte Tony Campione, Fondsverwalter bei Agilis Gestion der Nachrichtenagentur Bloomberg. Ölwerte haben „ein so hohes Kursniveau erreicht, daß Zweifel aufgekommen sind, ob das so bleiben kann“.

Anzeichen für Erlahmung der Nachfrage gesehen

Tatsächlich fiel der Ölpreis an den New Yorker Rohstoffbörsen am Donnerstag nach Eröffnung auf ein Zwei-Monats-Tief, nachdem bekannt wurde, daß die nachfrage der amerikanischen Raffinerien auf ein 18-Jahres-Tief gefallen sei. Auch die Analystenzunft präsentiert eine Kehrtwende.

Sanford C. Bernstein-Analyst Neil McMahon etwa sieht die Rally ans Ende gekommen. „Der Energiesektor ist gut gelaufen, doch der Markt überschätzt das Nachfragewachstum. Jeder Ölpreiszyklus ist durch die Dämpfung der Nachfrage zu Ende gegangen und genau das sehen wir jetzt.“ Anfang des Jahres, so McMahon mit den Heizungsrechnungen würde man erst so richtig die Rechnung präsentiert bekommen.

Auch zeigten sich durchaus Anzeichen einer Nachfragereaktion in den Vereinigten Staaten auf mikroökonomischer Ebene. Die Zahl der auf Mautstraßen gefahrenen Meilen sei auf ein neues Tief seit Juli 2003 gefallen. Im August fiel die Zahl der in Kalifornien gefahrenen Meilen um 0,8 Prozent im August. Außerdem würden derzeit rund 80 Prozent der Tankrechnungen mit Kreditkarten bezahlt, nach 53 Prozent vor zwei Jahren.

Lagerbestände gehen weiter zurück

Der grundsätzliche Zusammenhang ist sicherlich unbestritten, aber ob es bereits jetzt so weit ist, ist eine andere Frage. Denn die geringe Nachfrage der Raffinerien ist nicht zuletzt ein Resultat der Hurrikane, die zu Produktionskürzungen gezwungen haben. Stattdessen haben die Rohölimporte ein neues Rekordniveau erreicht und es wurden immerhin 2,3 Millionen Barrel strategischer Ölreserven freigegeben. Das wirkt sich zwar dämpfend auf den Ölpreis aus, doch zeigt dies gleichzeitig, daß von einem Nachfragerückgang eigentlich nicht ernsthaft die Rede sein kann.

Auch der Rückgang in der Benzinnachfrage und bei Heizöl ist zunächst einmal saisonal bedingt - zum einen endet die „Driving Season“, zum anderen ist es noch nicht kalt genug, so daß in der Hoffnung auf niedrigere Preise die Amerikaner das Heizöl-Bunkern erst einmal aufschieben - genauso wie die Deutschen es schon seit Monaten tun.

Gleichfalls weniger Beachtung erfuhr die Tatsache, daß trotz niedrigerer Nachfrage die Benzinlagerbestände um beachtliche 4,4 Millionen Barrel abnahmen und damit um fast 50 Prozent mehr als prognostiziert. Auch die Heizöl- und Diesellagerbestände fielen um 5,5 Millionen Barrel und damit um 175 Prozent stärker als vorhergesagt - trotz aller Rekordimporte von Ölprodukten.

Katastrophal daneben lagen die Analysten bei der Prognose der Kapazitätsauslastung. Erwartet wurde lediglich ein Rückgang um 3,73 Prozentpunkte, tatsächlich brach die Kapazitätsauslastung aber um 16,94 Prozentpunkte - kein Wunder, wenn die Rohölnachfrage dann schwächelt.

Hurrikan-Schäden wirken sich immer noch aus

Auch die Volkswirte der Dekabank zweifeln an der Nachfragewende. Sie verweisen darauf, daß alle Nachfragedaten auf der Veränderung der Lagerbestände basieren. Erstens seien immer noch 17 Prozent der amerikanischen Raffineriekapazitäten außer Betrieb, so daß dort gelagerte Produktlagerbestände nicht ausgeliefert werden und auch anderenorts der Zugriff eingeschränkt ist. Zwangsläufig bleiben die Lagerbestände dann stabil. Stattdessen sei davon auszugehen, daß wegen des eingeschränkten Zugriffs verstärkt Sekundärlager bei Tankstellen oder Auslieferungslager abgebaut würden, die aber nicht in die Lagerbestände eingingen.

Auch seien die Produktionsschäden im Golf von Mexiko erheblich größer als bislang angenommen. Immer noch seien knapp 87 Prozent der Produktion außer Betrieb. Jüngsten Schätzungen zufolge wurden 116 Bohreinrichtungen zerstört, Hurrikan Ivan hatte nur acht zerstört.

Auch wenn sich hohe Ölpreise irgendwann auf die Nachfrage auswirken werden, bleibt also immer noch die Frage nach dem Wann und der Intensität. Besonders letztere: Frederique Dubrion von Bearbull Securities verweist etwa darauf, daß die Alternativen beim Personentransport und Heizen immer noch fehlten.

Das „schnelle Geld“ flüchtet

Und so ist auch nicht jeder davon überzeugt, daß die Ölrally am Ende ist. Thomas Dhainaut von Sycomore Asset Management ist optimistisch: „.Wir nutzen die Kursverluste dazu, unsere Positionen in dem Sektor zu verstärken.“

Selbst McMahon denkt nicht an die „Rückkehr des 30-Dollar-Barrels“. Er rechnet im kommenden Jahr mit einer Preisspanne zwischen 50 und 55 Dollar. Selbst das scheint optimistisch, rechnet doch die EZB ebenso wie die EU-Kommission auch im nächsten und übernächsten Jahr mit über 60 Dollar je Barrel. Sollte die Nachfrage nicht deutlich zurückgehen, sind weitere Preisanstiege wohl unvermeidlich. Denn die Grenzkosten der Ölproduktion könnten dann bis zum Ende des Jahrzehnts auf 80 Dollar steigen.

Dirk Hoozemans, Fondsmanager bei Robeco hat für den Kursrutsch bei Ölwerten eine andere Erklärung: „Eine Menge schnelles Geld ist in den Sektor geflossen. Jetzt machen sich die Leute Sorgen und nehmen Gewinne mit.“

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
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