Rohöl

Opec kann Ölpreisanstieg nicht dauerhaft bremsen

20.09.2005
, 17:43
Die Opec will die letzten Kapazitäten freigeben: rund zwei Millionen Barrel pro Tag. Doch es ist ausgesprochen zweifelhaft, daß dies den Ölpreis wird dauerhaft bändigen können.

„Rita“ tobt über dem Golf von Mexico auf die amerikanische Küste zu. Grund genug, daß der Ölpreis am Montag 6,9 Prozent zulegte und die Politik in Angst und Aufruhr versetzte. Am Dienstag wurde daraufhin die Luft wieder herausgelassen und den Investoren an den Terminmärkten die Spekulationsfreude verdorben. Aktuell gibt der Ölpreis an der Nymex rund 2,8 Prozent auf 65,50 Dollar nach.

Grund sind erneut politische Maßnahmen, um die Terminmarktfront zu beruhigen. Die Organisation erdölexportierender Länder Opec kündigte an, für das letzte Quartal des laufenden Jahres sämtliche verbleibende Förderreserven von rund zwei Millionen Barrel pro Tag freizugeben.

Leider nur eine symbolische Geste

Damit sollte endlich der Spekulation die Spitze genommen und Vorsorge getroffen sein für die Heizperiode auf der Nordhalbkugel, die an den Ölmärkten eine Nachfragespitze hervorrufen könnte - auch wenn die zur Zeit vorhandene Förderkapazität des Kartells dann vollständig ausgeschöpft sein werden.

Was sich wie eine gute Nachricht anhört und nach der lang ersehnten Entspannung auf dem Ölmarkt klingt, entpuppt sich schon auf den zweiten Blick als reines Politikum. Selbst die Internationale Energieagentur (IEA), die nach dem Hurrikan „Katrina“ dadurch von sich reden machte, daß sie beschloß, in einem Zeitraum von einem Monat 60 Millionen Barrel aus der strategischen Ölreserve freizugeben, zeigt sich skeptisch: Eine Ausweitung der Ölförderung werde nur einen „begrenzten Effekt“ auf das Preisniveau haben, sagte IEA-Chef Claude Mandil in London. Die IEA will deshalb gegebenenfalls ihr Notfallprogramm zur Ölversorgung verlängern.

Der Engpaß sind die Raffinerien

Der geringe dauerhafte Einfluß der Opec-Maßnahme auf den Ölpreis erklärt sich zum einen aus produktionstechnischen Gründen hinter dem Ölpreisanstieg. Erstens ist die Knappheit der Ressource Rohöl derzeit gar nicht so tragisch. Die eigentliche Knappheit besteht auf den Märkten für raffinierte Produkte. Hier ist die Kapazitätsauslastung in den letzten beiden Jahren weitweit massiv angestiegen. In den Vereinigten Staaten lag die Auslastung zwischen Januar und August 2005 bei durchschnittlich fast 93 Prozent.

Zwar planen alle Raffinerien Kapazitätserweiterungen, aber diese werden in der nächsten Zeit nicht angebotswirksam werden. Die Analysten der HSH Nordbank gehen davon aus, daß die weltweiten Raffineriekapazitäten in diesem Jahr um 0,9 und im kommenden Jahr um 0,7 Prozent steigen. Demgegenüber aber soll die Nachfrage um 1,7 bzw. zwei Prozent steigen. Trifft das zu, wird die Knappheit bei raffinierten Produkten weiter zunehmen. Somit kann die Opec die Produktion noch so sehr erhöhen wie sie mag - im besten Fall bleibt das Rohöl in den Lagern der Raffinerien liegen. Auf die Dauer senkt das zwar den Rohölpreis - aber die Benzinpreise bleiben weiter hoch.

Das neue Opec-Öl ist nicht sauer

Erst in den Jahren 2009 und 2010, so die Analysten, sei mit stärkeren Angebotszuwächsen zu rechnen. Das erklärt auch, warum die Rohölvorräte in den vergangenen Monaten weiter stark angestiegen sind und auch die Vorrats-Haltedauer auf hohem Niveau liegt.

Der zweite Grund für die relative Wirkungslosigkeit der Maßnahme liegt in der Art der Ressourcen. Naturgemäß wird zuerst gefördert, was billig zu fördern ist und hohe Margen verspricht. Angesichts einer hohen Rohölnachfrage sind bereits alle ergiebigen Quellen ausgelastet. Was die Opec an Reserven hat, ist schweres, schwefelreiches Öl, das nur schwer zu raffinieren und daher auch auf dem Weltmarkt schwer abzusetzen ist. Und da die Raffinerien ohnehin ausgelastet sind, hilft ihnen das Angebot kaum weiter.

Für den Ölpreisanstieg wird vielerorts auch die chinesische Nachfrage verantwortlich gemacht. Das stimmt aber nur zum Teil. Denn derzeit hält eine Fehlallokation im chinesischen Ölsektor einen Deckel auf dem Ölpreis. Wie viele asiatische Staaten hat auch China den Ölpreisanstieg nicht an das Inland weitergegeben.

Politik statt Rohöl

Andererseits produziert China selbst Raffinerieprodukte. Da diese aber im Inland mit geringen oder sogar negativen Margen verkauft werden können, haben chinesische Raffinerien verstärkt exportiert. Mit allmählich auch in China steigenden Preisen und einer Aufwertung des Yuan beginnen sich aber diese Umstände langsam zu verändern. Daher rechnet die HSH Nordbank auch mit einem Wiederanstieg der chinesischen Nachfrage.

Insofern dürften auch den Bemühungen der Energieagentur nur ein begrenzter Erfolg beschieden sein. 60 Millionen Barrel an Ölreserven sind zwar eine Menge - aber es ist doch nur etwas mehr als zwei Tagesproduktionen der Opec. Und sind sie einmal konsumiert, ist das politische Druckmittel verbraucht - zumal es an den Engpässen bei Raffinerien gar nichts ändert.

Tatsächlich führen Marktteilnehmer den Fall des Ölpreises auch nicht auf die Opec-Maßnahme zurück. Sie machen zum einen Gewinnmitnahmen nach dem Anstieg vom Montag dafür verantwortlich sowie neue Hoffnungen, daß „Rita“ nun doch an den Raffinerien vorbeizieht.

Die einzige Möglichkeit, den Preisanstieg dauerhaft zu bremsen, liegt darin, die Nachfrage zu senken. Das hat auch IEA-Generaldirektor Mandil verstanden, wenn er an die Staaten appelliert, die Steuern auf Ölprodukte nicht zu senken. Die Marktsignale müßten die Verbraucher erreichen, sagte er.

Daß die Ölreserven hingegen nur ein Tropfen auf den heißen Stein und in der Realität damit wenig wirkungsvoll sind, weiß Mandil. Das zeigte sich schon am vergangenen Donnerstag, als der IEA-Chef nicht nur nicht beziffern konnte, wieviel aus den Reserven bisher freigegeben wurde, sondern vielmehr an einer anderen Aussage: „Der Markt hat voll verstanden, daß die 60 Millionen Barrel da wären, wenn sie gebraucht würden“. Es geht also um eine Geste - kein Wunder: Nach den Daten der IEA über die tägliche Weltölnachfrage reichen 60 Millionen Barrel für 17 Stunden, 14 Minuten und 44 Sekunden.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot