„Sichere Häfen“

Investoren zweifeln an typischen Fluchtwährungen

Von Tim Höfinghoff und Jürgen Dunsch, Zürich
17.11.2011
, 17:30
Anlagezielen, die bisher als „sichere Häfen“ galten, stehen immer öfter zur Disposition. Unterdessen kaufen die Notenbanken weiter in großem Stil Gold, vor allem die in den Schwellenländern.

Viele Anleger sind zunehmend gezwungen, ihre Investitionsentscheidung bezüglich etablierter Fluchtwährungen in Frage zu stellen. Das bedeutet, dass Anlageziele, die bisher stets als sogenannte „sichere Häfen“ galten, zur Disposition stehen. Mit Blick auf den Devisenmarkt sind in Krisenzeiten bisher Währungen wie der Schweizer Franken, der japanische Yen und der amerikanische Dollar gefragt gewesen. „Doch mittlerweile zeigt sich, dass die klassischen sicheren Häfen an Attraktivität eingebüßt haben“, sagt Devisenanalystin You-Na Park von der Commerzbank. „Das gilt allen voran für den Franken, aber auch für den Yen.“

Dabei war gerade der Franken wegen der weltwirtschaftlichen Turbulenzen lange Zeit ein Ruhekissen mit Gewinnpotential: Anleger konnten sich in den vergangenen drei Jahren über einen Wertzuwachs gegenüber dem Euro von nahezu einem Viertel freuen. Seit dem 6. September ist es damit allerdings vorbei. Angesichts der den Schweizern unheimlich gewordenen Frankenstärke zog die Schweizerische Nationalbank (SNB) eine Kursgrenze von 1,20 Franken.

Auch der Yen ist stets gefragt

Teurer darf die Währung jetzt nicht mehr werden, im Fall des Falles kauft die SNB Euro gegen Franken. Damit ist aus der Fluchtwährung eine Rückversicherung geworden: Anleger haben die Gewissheit, dass sie für ihre Euros zumindest nicht weniger als 1,20 bekommen. Die Schweizer haben aber sogar weiter reichende Pläne, welche Anleger zur Vorsicht mahnen sollten. Sie wollen ihre Währung in Richtung auf den sogenannten fairen Wert von 1,35 je Euro drücken. SNB-Präsident Philipp Hildebrand bekräftigte kürzlich: Aus seiner Sicht ist der Franken zum jetzigen Kurs immer noch hoch bewertet. Er erwarte, dass er sich über die Zeit weiter abschwächen wird.

Auch der Yen ist stets gefragt, wenn die Risikoscheu der Anleger zunimmt. Das Motiv der Investoren: Die Währung ist trotz der immensen Verschuldung des Landes relativ stabil, weil die Staatsanleihen primär im Inland gehalten werden. Und die Japaner werden - so die Idee - die japanischen Staatsanleihen nicht kurzfristig abstoßen. „Doch die Interventionen des japanischen Finanzministeriums und der Notenbank des Landes gegen eine Aufwertung des Yen mindern die Attraktivität des Yen für Investoren, die auf Währungsgewinne spekulieren“, sagt Analystin Park. Erschwerend für Anleger sei nun, dass es kaum weitere Hauptwährungen als sicherer Hafen gebe. „Man kann nicht alles in den amerikanischen Dollar investieren.“

Andere Währungen, die auch gerne als Fluchtwährung genutzt werden wie die norwegische Krone und der australische Dollar, bieten wenig Liquidität. Das macht sie aus Investorensicht unattraktiv. Um das Liquiditätsrisiko zu begrenzen, müssen Devisenanleger stärker als früher diversifizieren, wenn sie Fluchtwährungen ansteuern. Sie verteilen ihr Geld zunehmend auf mehrere Währungen.

Neben Währungen ist Gold ein Anlageziel, das den Ruf des sicheren Hafen genießt. Je größer die Sorgen der Investoren sind, desto stärker steigt der Goldpreis. Darauf konnten sich Anleger lange verlassen. Dieser Ruf des Edelmetalls hat allerdings gelitten, als im September der Goldpreis trotz fallender Börsenkurse und einer zunehmenden Furcht vor einer Ausbreitung der Schuldenkrise ebenfalls stark nachgab. Weil Anleger liquide bleiben wollten, stiegen die Goldverkäufe - zumal das Metall zuvor üppige Renditen erzielt hatte. Der Goldpreis klettert schon das elfte Jahr in Folge und liegt seit Jahresanfang mit 24 Prozent im Plus.

Besonders Notenbanken aus Schwellenländern kaufen

Der Goldpreisanstieg hat auch damit zu tun, dass viele Notenbanken in großem Stil das Metall kaufen, um ihre Devisenanlagen zu diversifizieren. Diesen Trend bestätigt ein Bericht des World Gold Council (WGC), einer Interessensvertretung der Goldindustrie. So haben Notenbanken auf der Welt im dritten Quartal 148,4 Tonnen Gold gekauft. So viel haben die Notenbanken innerhalb eines Quartals seit dem Jahr 2002 nicht erworben.

Seit diesem Zeitpunkt ermittelt der WGC Quartalsdaten zum Goldmarkt. Welche Notenbanken konkret wie viel Gold gekauft haben, ist allerdings nicht bekannt. Zuletzt hatten aber besonders Notenbanken aus den Schwellenländern Gold gekauft. Für das gesamte Jahr 2011 werden die Goldkäufe durch Zentralbanken wohl so hoch sein wie seit 1970 nicht mehr.

Quelle: F.A.Z.
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