Bezahlen mit Potential

Die schöne Welt des digitalen Banking

Von Thomas Klemm
05.01.2017
, 16:33
70 Prozent der deutschen Internet-Nutzer erledigen ihre Bankgeschäfte online.
Kredit aufnehmen, Geld überweisen, Kapital anlegen: Das alles geht heute ohne Bank. Dabei ist das Potential des Onlinebanking noch lange nicht ausgereizt.
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Wie in jedem der zurückliegenden Jahre, so wird auch 2017 kaum eine Woche vergehen, in der nicht irgendwo auf der Welt von irgendeinem Finanzexperten ein alter Spruch von Microsoft-Gründer Bill Gates zum Besten gegeben wird: „Banking is necessary, banks are not.“ Dass es keine Banken braucht, um Bankgeschäfte zu erledigen, war anno 1994 eine ebenso kühne wie provokative Aussage. Im Laufe der Jahre hat sich Gates’ Behauptung aber immer mehr zu einem realistisch erscheinenden Szenario entwickelt. Fast alles, was Banken leisten, macht heutzutage auch eine Vielzahl anderer Anbieter möglich.

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Zum Beispiel Paypal, das sich im Online-Handel zum großen Spieler entwickelt hat. Längst haben sich Kunden daran gewöhnt, die Rechnung für ihre im Internet erstandene Ware nicht mehr mit einer Überweisung zu begleichen, sondern über diesen Bezahldienst aus Amerika. Die deutschen Banken und Sparkassen sind mit einem ähnlichen Angebot namens Paydirekt nachgezogen, doch sie tun sich schwer, Händler und Kunden davon zu überzeugen. Zu Bezahldiensten wie Paypal und anderen kommen viele weitere kleine Firmen aus der sogenannten Finanztechnologie, sogenannte Fintechs. Sie erleichtern dem Verbraucher das Banking und machen damit den Banken das Geschäft streitig. Der Verbraucher hat also die freie Wahl, ob er für Geldgeschäfte weiterhin seine Hausbank in Anspruch nimmt oder ob er auf die oft attraktiver anmutenden Alternativangebote eingeht. Egal, wie er sich entscheidet: Am digitalen Banking führt in Zukunft kein Weg vorbei.

Die herkömmlichen Banken und Sparkassen bekommen den Trend seit Jahren zu spüren. Ihre Kunden sind immer weniger bereit, für Bankdienstleistungen zu bezahlen, sie kommen immer seltener in die Filialen, und wenn, dann oft nur, um sich bei größeren Finanzierungen wie einem Immobilienkauf beraten zu lassen. Einfache Bankgeschäfte werden dagegen daheim über den Computer erledigt. 70 Prozent aller Deutschen nutzen laut einer Studie des Verbandes Bitkom das Onlinebanking, 30 Prozent sogar ausschließlich. Mit dem Smartphone, das übernächste Woche zehn Jahre alt wird und zu unserem ständigen Begleiter geworden ist, wird das Banking weiter revolutioniert.

Zwar werden auch die Angebote der herkömmlichen Kreditinstitute immer vielfältiger und digitaler: Entweder bringen sie eigene Angebote auf den Markt, um auch eine jüngere Kundengeneration künftig an sich zu binden, oder sie kooperieren mit findigen Fintechs und integrieren deren Anwendungen in ihr Geschäftsmodell. Doch obwohl die Banken, deren IT häufig veraltet ist, langsam den Anschluss an die neuen Möglichkeiten finden, bleiben ihnen die jungen Internetanbieter bis auf weiteres voraus. Deren digitale Angebote sind vollends auf den Kunden ausgerichtet, auf einfache Bedienbarkeit, auf Effizienz und Automatisierung. „Diese Potentiale werden von klassischen Banken bislang oft nicht ausgeschöpft“, heißt es in einer unlängst erschienenen Studie des Bundesfinanzministeriums, in dem der Markt der digitalen Herausforderer analysiert wird.

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Kredite to go

Wie viele junge Firmen es in Deutschland gibt, die sich dem digitalen Banking verschrieben haben und um Kunden konkurrieren, ist schwer einzuschätzen. Die Zahlen schwanken zwischen 250 und 430, die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Wie viele es auch immer sind, sie greifen alle klassischen Bereiche der Wertschöpfung einer Universalbank an: Finanzierung, Vermögensverwaltung und Zahlungsverkehr.

Inzwischen mischt sogar das erste Telekommunikationsunternehmen beim Banking mit. O2-Kunden können über ein reines Smartphone-Konto Geld überweisen, Sofortkredite abschließen und einiges mehr. Ist der Nutzer auf seinem O2-Gehaltskonto sehr aktiv, wird er belohnt: nicht mit Geld, sondern mit Datenvolumen fürs Smartphone. „Megabytes statt Magerzinsen“, so werben die O2-Muttergesellschaft Telefónica und die Fidor Bank für ihr gemeinsames Produkt. Der große Durchbruch des mobilen Banking lässt hierzulande aber noch auf sich warten. Zwar kann Geld auch im Vorübergehen über einfache Apps überwiesen oder angelegt werden. Und sogar einen Rohstoff wie Gold können sich Kunden übers Smartphone gegenseitig zuschicken. Doch statt die vielgepriesene „Bankfiliale in der Hosentasche“ zu nutzen, erledigen die allermeisten Nutzer ihre Finanzgeschäfte immer noch lieber daheim vor dem Computer.

Bild: F.A.Z.

Dort greifen sie oft auf Vergleichportale zu, die einen guten Überblick über Versicherungen, Finanzierungskonditionen und Sparzinsen bieten. In der Regel fungieren diese digitalen Anbieter als Makler zwischen Produktanbieter und Kunden, weil beispielsweise die gewünschte Versicherung gleich über das Portal und ohne Umweg über ein Finanzinstitut abschließbar sind. Auch Riesterverträge können im Netz in einer einfachen Variante abgeschlossen und verwaltet werden. So beruhen die Verträge von fairr.de auf verschiedenen ETF (Indexfonds), die einen Aktienindex nachbilden.

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Wer Geld benötigt, um sich einen kostspieligen Konsumwunsch zu erfüllen, der muss nicht bei seiner Hausbank vorstellig werden, eine Bonitätsprüfung hinter sich bringen und im Schnitt zehn Tage auf die Kreditzusage warten. Sondern er kann über das Vergleichsportal Smava binnen weniger Minuten einen „Kredit2go“ bekommen. Nötig ist nur ein Smartphone - zur Identifizierung und um per SMS eine Transaktionnummer zu erhalten. Kreditmarktplätze wie Auxmoney, Kapilendo oder Lendico bringen Privatleute, die einen Kredit benötigen, und Anleger zusammen. Bei anderen Portalen verleihen oder leihen sich Menschen untereinander Geld, ohne dass die Schufa überhaupt prüft.

Social Trader diskutieren ihre Anlagestrategie mit anderen Nutzern

Wie überhaupt eine Gemeinschaft, im Netz je nach Funktion Crowd oder Community genannt, in der digitalen Finanzwelt von besonderer Bedeutung ist. Auch bei der Geldanlage: Finden sich genügend Gleichgesinnte zusammen, können größere Projekte finanziert werden. Zwar ist das Risiko vor allem beim Crowdinvesting nicht zu unterschätzen, das investierte Geld zu verlieren. Aber erfolgreiche Projekte bringen eine ordentliche Rendite. So haben Anleger bei Exporo, einer Crowdinvesting-Plattform für Immobilien, jüngst mehr als 6 Prozent eingestrichen. Viele Leute mit eher überschaubarem Budget hatten zusammen für eine Hamburger Immobilie 2,1 Millionen Euro gesammelt.

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Auch beim Social Trading spielt die Gruppe eine maßgebliche Rolle. Alle Mitglieder vergleichen und diskutieren untereinander ihre Anlagestrategien und bilden sie gegebenenfalls nach. Statt eines Bankberaters, der ein Produkt verkaufen will, profitieren die Teilnehmer also vom Finanzwissen des jeweils anderen. Ebenfalls kein großes Vermögen mitbringen müssen Nutzer der sogenannten Robo Advisor, die eine automatisierte, auf Algorithmen beruhende Vermögensverwaltung ermöglichen. Das Ersparte wird dabei, je nach Risikoneigung und Zeithorizont des Kunden, vorwiegend in kostengünstige ETF investiert.

Schwerer tun sich die Zahlungsdienstleister. Viele junge Firmen haben schon aufgegeben, die verbliebenen stehen vor schwierigen Zeiten, wenn in zwei Jahren in der Europäischen Union Geldüberweisungen nahezu in Echtzeit möglich werden. Mit Sepa Instant, wie es genannt wird, können auch Banken jede Buchung binnen Sekunden abwickeln.

Geld verschicken oder Geld anlegen, einen Kredit aufnehmen oder über eine App schnell das Konto wechseln: Für sich genommen ist jedes digitale Angebot einfach, zusammengenommen wird es für den Verbraucher aber kompliziert. Denn wer seine Bankgeschäfte vorwiegend digital erledigen will, kann schnell den Überblick verlieren. Schließlich müsste man sich bei jedem einzelnen Anbieter überall registrieren lassen. Man erlebe eine „starke Fragmentierung des Anbieterspektrums“, sagt Matthias Kröner, Gründer und Chef der Fidor Bank. „Für den theoretischen Fall, dass Sie heute Ihre gesamten Bankgeschäfte über Fintechs machen, würden Sie auf Ihrem Smartphone 20 Apps benötigen.“ Aber wer hat schon Lust darauf, sich überall anzumelden, auf jeder Plattform idealerweise ein neues Passwort zu hinterlegen? Oder sich hier über die Gesichtserkennung und dort über den Fingerabdruck zu identifizieren? So gesehen, erscheint die schöne neue Digitalwelt gar nicht mehr so reizvoll.

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Das Beste aus zwei Welten

Was gegen das große Durcheinander hilft: Man verbindet das Beste aus zwei Welten. Und zwar, indem die attraktivsten Angebote von einer Internetbank gebündelt werden. Wie das aussehen kann, haben zwei der innovativsten deutschen Finanzinstitute vorgemacht: die Fidor Bank, die im vergangenen Sommer von der französischen Bankengruppe BPCE übernommen wurde, und N26, vor drei Jahren als keckes Start-up Number 26 gegründet und seit einem halben Jahr auch mit einer Banklizenz ausgestattet. Die beiden Online-Banken bahnen dem Kunden einen Weg durch den digitalen Dschungel, indem sie auf ihrer Plattform ein breites Angebot von Finanzdienstleistungen zusammenfassen.

Entscheidend sei nicht, dass man selbst eine bahnbrechende Idee habe, sondern dass man vorhandene Angebote bequem nutzbar mache, behauptet N26-Gründer Valentin Stalf. Im Prinzip funktionieren Fidor und N26 also wie Amazon: Sie sind ein großer Online-Marktplatz, beschränkt auf digitale Bankprodukte. Und wie bei Amazon, so darf sich jeder Beteiligte als Gewinner fühlen: Die beiden Banken verbreitern ihr Angebot, die Fintech-Partner bekommen Zugang zu Hunderttausenden Bankkunden, und dem Kunden stehen über eine einzige Plattform allerlei Services zur Verfügung, aus denen sich eine passende Auswahl zusammenstellen lässt.

Aber muss man wie Fidor und N26 eine Banklizenz haben, um so viele digitale Dienstleistungen anbieten zu können? „Man muss es, wenn man das Vertrauen der Kunden gewinnen und sie rundum bedienen will“, sagt Kröner. Einer solchen, von der Finanzaufsicht regulierten Bank obliegt es, neue Produkte als gut, geeignet und gesichert einzuschätzen und dafür einzustehen. Wenn es ums Geld geht, brauche es ebenso feste Regeln wie in einem anderen Bereich, der für die Menschen mindestens genauso wichtig ist: die Gesundheit. „Da kann ich ja auch nicht sagen: Pharmazeutische Regulierung ist nicht nötig, also werfe ich irgendwelche Medikamente auf den Markt“, sagt Kröner.

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Heikel wird es mitunter, wenn sich digitale und reale Welt überschneiden. Beispielsweise, wenn die Kunden Bargeld haben wollen und aus alter Gewohnheit ständig am Geldautomaten kleinere Beträge abheben. Das kann teuer werden, weil weder N26 noch Fidor an ein Automatennetzwerk angeschlossen sind und für Abhebungen Gebühren an die Betreiber zahlen müssen. Deshalb versuchen sie, die Kunden zur Zurückhaltung zu bewegen. Bei N26 sind - je nach Kundenstatus - zwei oder fünf Abhebungen monatlich kostenlos, bei Fidor sind es drei. Für jede weitere Abhebung muss der Kunde zahlen.

Dennoch mögen selbst die Fintech-Banken nicht ganz aufs Digitale setzen und aufs Bargeld verzichten - nicht zuletzt aus Gründen der Sicherheit. „Wenn ich Geld nur noch elektronisch handhaben kann, habe ich auch das Risiko, dass jemand über eine groß angelegte Cyber-Attacke viele Portale dichtmacht und der Geldverkehr ins Stocken kommt“, sagt Kröner. „Das wäre fatal.“

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Klemm, Thomas
Thomas Klemm
Sportredakteur.
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