Massive Kursrückgänge

Holpriger Start für den Bitcoin

Von Martin Hock
08.09.2021
, 13:21
Nicht alle Salvadorianer sind mit Bitcoin als Währung einverstanden.
Die Bitcoin-Einführung in El Salvador wird von vielen Misstönen begleitet. Es geht nicht nur um technische Probleme.

Wochenlang hatten die Kryptomärkte darauf hingefiebert: Die Einführung des Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel im mittelamerikanischen El Salvador. Doch tatsächlich verlief die Adaption weniger rund als erhofft. Der Tag war begleitet von Protesten und technischen Problemen.

Zunächst war die zentral eingeführte digitale Wallet zur Bitcoin-Aufbewahrung mit Namen „Chivo“ (was so viel bedeutet wie „Cool“) und die Salvadorianern jeweils 30 Dollar in Bitcoin spendieren soll, auf etlichen Plattformen wie Huawei oder Apple nicht verfügbar. Als sie dann verfügbar war, konnte der Ansturm der Registrierungen nicht bewältigt werden. Daraufhin wurde diese abgeschaltet, um erst einmal die Rechnerkapazitäten zu erhöhen. Auch die „Chivo“-Geldautomaten funktionierten offenbar nicht.

Nichtsdestoweniger sehen Befürworter darin einen großen Schritt nach vorn. Der beliebte Präsident Nayib Bukele, der ähnlich wie weiland Donald Trump gern über den Kurznachrichtendienst Twitter kommuniziert, ließ gar verlauten: „El Salvador hat das Recht, in Richtung Erste Welt vorzudringen.“ „Chivo“ soll den Salvadorianern helfen, 400 Millionen Dollar im Jahr an Provisionen für Überweisungen zu sparen und gleichzeitig Menschen ohne Bankkonto Zugang zu Finanzdienstleistungen zu gewähren, was in El Salvador die Mehrheit der Bevölkerung ist. Die eigene Währung Colón hatte das Land schon im Jahr 2001 de facto durch den Dollar ersetzt.

Wenig Zustimmung

„Alle schauen, ob es für El Salvador gut läuft und wenn beispielsweise die Kosten für Überweisungen erheblich sinken, werden wahrscheinlich weiter Länder diese Vorteile nutzen wollen, sagte Dante Mossi, geschäftsführender Präsident der Zentralamerikanischen Bank für Wirtschaftsintegration (CABEI). Indes nannte er die Einführung auch ein „außerirdisches Experiment“, das darauf abziele, die finanzielle Inklusion in einer Region zu erhöhen, in der viele Menschen keinen Zugang zu Bankkonten oder Kreditkarten hätten. CABEI unterstützt El Salvador technisch bei der Einführung. Die Weltbank hatte dies unter Berufung auf Umwelt- und Transparenznachteile abgelehnt.

Dennoch stößt die Bitcoin-Einführung im Volk nicht auf ungeteilte Zustimmung. Demonstranten marschierten auch am Dienstag durch die Hauptstadt San Salvador mit Transparenten wie „Bukele, wir wollen kein Bitcoin“ und „Nein zur korrupten Geldwäsche“. Nach einer landesweiten Umfrage der Universidad Centroamericana (UCA) mit knapp 1300 Teilnehmern im August lehnen rund 70 Prozent der Salvadorianer das Bitcoin-Gesetz ab. Etwa gleich viele hatten demnach ungenaue Vorstellungen von Bitcoin: Nur 4,8 Prozent der Befragten definierten sie korrekt als Kryptowährung.

An den Krypto- und Finanzmärkten sind Bitcoin und El Salvador derzeit wenig beliebt. Schon am Dienstagmorgen stürzte der Bitcoin-Kurs von einem Hoch bei knapp 53.000 Dollar bis auf 44.433 Dollar ab und konnte sich davon bislang nur leicht erholen. Die Stimmung sei und bleibe angeknackst, sagte Analyst Timo Emden von Emden Research. Die Einführung in El Salvador habe sich am ersten Tag als „Eigentor“ und „Albtraum für Anleger“ entpuppt. Neben der finanziellen Instabilität der Cyber-Devise könnte die Einführung illegale Transaktionen anheizen. „Die Anleger fürchten, dass durch den gestrigen Tag Aufsichtsbehörden rund um den Globus aufmerksam geworden sind, den Regulierungsgürtel enger schnallen und Bitcoin und Co die Luft zum Atmen nehmen“, führte Emden aus.

Andere Analysten sind gelassener. Gemäß der Devise „Buy the rumour, sell the fact“ hätten sich Anleger im Vorfeld eingedeckt und verkauften nun. Allerdings brach zeitgleich auch der Preis zahlreicher anderer Krypto-Anlagen ein, etwa der von Ethereum von knapp 4000 bis auf wenig mehr als 3000 Dollar. Viele diese Verkäufe waren laut der Plattform Bybt.com erzwungen, weil sie kreditfinanziert waren und geschlossen wurden, und Zahlungen nicht geleistet wurden. Das zeigt zumindest eine gewisse Anfälligkeit des gesamten Krypto-Marktes.

Auch die Kurse der Staatsanleihen El Salvadors stehen unter Druck. Die Rendite der 2029 fälligen Anleihe stieg auf zuletzt mehr als 11 Prozent. Im April hatte diese noch bei 6,4 Prozent gelegen. Wichtiger als die Bitcoin-Einführung steht, ist hier indes, dass die obersten Gerichte des Landes am Freitag gegen ein Verbot in der Verfassung den Weg für eine zweite Amtszeit Bukeles ebneten. Dadurch sehen Anleger auch die Möglichkeit einer Übereinkunft des Landes, dessen Bonität mit „CCC+“ extrem schwach bewertet wird, mit dem Internationale Währungsfonds (IWF) weiter in die Ferne rücken und eine mögliche Verschärfung des Konflikts mit den USA.

El Salvador hat einen Kredit in Höhe von 1,3 Milliarden Dollar vom IWF beantragt. Doch die USA haben kürzlich erst einige enge Verbündete von Bukele auf die schwarze Liste der Korruption gesetzt, obwohl dieser versprochen hatte, mit der Kultur der Bestechung aufzuräumen. Aus der Kommission zur Korruptionsbekämpfung der Organisation amerikanischer Staaten hat sich El Salvador im Juni zurückgezogen.

Hohes Ausfallrisiko

Laut der Organisation Human Rights Watch baut Bukele demokratische Institutionen in einem alarmierenden Tempo ab. Im Mai hatte er den Generalstaatsanwalt und die Richter des Verfassungsgerichts entlassen und sie durch Verbündete ersetzt. Im vergangenen Jahr hatte er den Kongress durch Soldaten besetzen lassen, als die Opposition eine Kreditaufnahme abgelehnt hatte. Derzeit sind 200 Verfassungsänderungen vorgeschlagen.

Als schlechtes Zeichen gilt auch, dass die 2023 fällige Anleihe mit 14,5 Prozent deutlich höher als die 2029 fällige rentiert. Anleger sehen offenbar ein kurzfristig hohes Ausfallrisiko. Dieses Missverhältnis hat sich seit Juni entwickelt, als das Gesetz zur Einführung von Bitcoin verabschiedet wurde. Nicht verbessert hat die Wahrnehmung womöglich auch, dass El Salvador für den Ankauf von Bitcoin schon mehr als 25 Millionen Dollar ausgegeben hat. Analysten sehen darin auch einen vergeblichen Versuch, den Kurs zu stabilisieren. Der IWF hat sich grundsätzlich gegen die Verwendung von Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel ausgesprochen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hock, Martin
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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