Einführung des digitalen Euros

Der Euro kommt nicht nur von der Zentralbank

Von Manuel Klein, Philipp Sandner und Nicolai Ulbrich
15.01.2022
, 12:41
Das Euro-Logo wird an die Fassade der Europäischen Zentralbank in Frankfurt projiziert.
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Die Debatte um den digitalen Euro nimmt an Fahrt auf. Unsere Gastautoren plädieren dafür, die privaten Initiativen einzubeziehen. Sie werden auch in Zukunft einen Großteil des Geldes bereitstellen.
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Der „digitale Euro“ ist in aller Munde. Im vergangenen Jahr war in den Medien viel über die Digitalisierung des Geldes zu lesen – vor allem über die weltweite Entwicklung sogenannter „Central Bank Digital Currencies“ (CBDCs). Dabei werden häufig hohe Ansprüche an Zentralbanken gestellt. So soll die neue Geldart nicht nur durch den Einsatz der Blockchain-Technologie Zahlungsprozesse digitalisieren und programmierbare Transaktionen ermöglichen, sondern zugleich so anonym und flexibel wie Bargeld sein. Doch ist diese Erwartungshaltung realistisch?

Wir plädieren dafür, den Begriff „digitaler Euro“ weiterzudenken und Initiativen aus dem Privatsektor mit in die Diskussion einzubeziehen. Denn genau wie im heutigen Geldsystem werden auch künftig private Geldformen den Großteil der Transaktionen in der Wirtschaft und Gesellschaft ermöglichen – insbesondere innovative Zahlungsformen unter Nutzung der Blockchain-Technologie. Kurzum: Was heute integraler Bestandteil des Bezahlwesens ist und tagtäglich von allen von uns verwendet wird, wird auch in Zukunft so sein – der Euro, technisch bereitgestellt von Banken und anderen privaten Unternehmen, verwendbar in Bankkonten, Onlinebanking und auf dem Smartphone.

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Wie sinnvoll ist der „digitale Geldbeutel“?

Das Jahr 2021 war zweifellos das Jahr der CBDCs: Erste Lösungen im Ausland gingen in Betrieb, der chinesische e-Yuan wurde intensiv getestet mit Testläufen, bei denen über 100 Millionen Menschen involviert waren, und die EZB gab bekannt, die mögliche Einführung einer CBDC zu untersuchen. Allerdings geht es den Zentralbanken bei der Entwicklung von CBDCs in erster Linie nicht darum, ob die Blockchain-Technologie genutzt wird oder nicht. Vielmehr prüfen sie, ob physische Geldscheine und Euromünzen sowie das digitale Geld der Geschäftsbanken überhaupt durch einen digitalen Euro der Zentralbank ergänzt werden sollten – also der „digitale Geldbeutel“.

Diese Entscheidung sollte nur getroffen werden, wenn sichergestellt wird, dass große Mittelabflüsse von Bankkonten hin zum digitalen Bargeld verhindert werden. Sollte dies nicht geschehen, wird befürchtet, dass Banken sich längerfristiger und damit teurer refinanzieren müssten, was steigende Kreditzinsen bewirken könnte und die Kreditgewährung und Geldentstehung behindern würde. Eine Begrenzung der CBDC-Menge pro Bürger bedeutet, dass die Hauptgeldart der heutigen Wirtschaft – das Giralgeld der Banken – nicht durch CBDCs abgelöst werden kann. Daher gilt es, Lösungen zu finden, wie Giralgeld oder andere private Geldarten via Blockchain übertragen werden können.

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Eine vielfach diskutierte Form digitalen Geldes sind die sogenannten „Stablecoins“, deren zirkulierende Menge im Jahr 2021 stark gestiegen ist. Während die meisten Stablecoins aktuell für den Handel mit Kryptowährungen oder im Blockchain-basierten „Decentralized Finance“-Bereich genutzt werden, arbeiten einige Anbieter bereits intensiv an Anwendungsfällen in der Realwirtschaft. Facebook ermöglicht mit seiner Bezahl-App Novi und dem Paxos-Stablecoin bereits kostenlose grenzüberschreitende Transaktionen nach Guatemala im Rahmen eines Pilotprojekts.

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E-Geld wird zunehmend bedeutender

Neben den in Europa zukünftig als E-Geld regulierten Stablecoins werden vermehrt Vorschläge nationaler und internationaler Geschäftsbanken diskutiert, wie Bankguthaben über Blockchain-Systeme übertragen werden könnten. Im Juni 2021 erschien beispielsweise ein Bericht der Deutschen Kreditwirtschaft, der Möglichkeiten aufzeigt, wie ein „Giralgeld-Token“ ausgestaltet werden könnte – wie also die heute hauptsächlich verwendete Geldart weiter digitalisiert werden kann. Auch die Citibank arbeitet mit internationalen Partnerbanken an einem ähnlichen Konzept.

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Es wird auch zukünftig unterschiedliche Versionen und Formen des Euros geben: EZB-basierte Formen des digitalen Euros könnten bestimmte Anwendungen abdecken, die der Privatsektor nicht erfüllt – beispielsweise Zahlungen mit hoher Privatsphäre, Anonymität oder Offline-Funktionalität. Die „digitale Geldbörse“ eben. Private Formen des digitalen Euros werden jedoch voraussichtlich weiterhin den Großteil des Geldes bereitstellen und innovative Zahlungsanwendungen ermöglichen. Man kann davon ausgehen, dass das Giralgeld von Banken zukünftig auch von Stablecoins Konkurrenz bekommen und somit E-Geld eine zunehmende Bedeutung in der Wirtschaft einnehmen wird.

Enorme Effizienzgewinne

Doch warum braucht es Formen des Blockchain-basierten digitalen Euros überhaupt? Neben effizienteren und volldigitalisierten Zahlungsvorgängen zwischen Endbenutzern wurde die neue Technologie in ersten Anwendungsfällen in der Industrie bereits erfolgreich in der automatisierten Auftragsbestätigung, Rechnungsstellung und Bezahlung durch die Verknüpfung von Buchhaltungssystemen über die Blockchain eingesetzt. Die Effizienzgewinne waren laut den beteiligten Unternehmen enorm, nicht nur durch den Wegfall manueller Zahlungsauslösungen oder des Abgleichs von Rechnungen und Zahlungseingängen, sondern auch in der Liquiditätssteuerung und dem Management von Working Capital.

Vor allem für Anwendungen in der Finanzbranche oder der Industrie stellen sogenannte Triggerlösungen einen verheißungsvollen, kurzfristig verfügbaren Weg dar, um die Vorteile der Blockchain-Technologie zu nutzen. Diese können ein wesentlicher Zwischenschritt in der notwendigen Verknüpfung zwischen (Finanz-)Industrie-Blockchains und dem Zahlungsverkehr sein. Jedoch sind zukünftig auf Basis tokenisierten Giralgeldes oder von Stablecoins weitere Anwendungsfälle denkbar, die mit Triggerlösungen nicht möglich sind. Dazu gehören Zahlungen zwischen Maschinen im Internet der Dinge oder Micropayments. Dass eine CBDC der Zentralbank all diese Anforderungen der Industrie mit eigenen Lösungen bedienen wird, ist eher unwahrscheinlich.

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Manuel Klein ist Berater für Blockchain-Technologie bei EY.

Philipp Sandner leitet das Blockchain Center (FSBC) an der Frankfurt School of Finance & Management.

Nicolai Ulbrich ist Projektleiter Programmierbares Geld/Digitaler Euro beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband.

Quelle: F.A.Z.
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