Ermittlungserfolg

Nächster Schlag gegen illegales Cybertrading

Von Marcus Jung
27.10.2021
, 13:04
Staatsanwälte und Polizei stellen in einem Callcenter in Georgien Geld sicher.
Bayerische Staatsanwälte gehen gegen Online-Betrüger in Israel und Georgien vor. Sie sollen Privatanleger um einen zweistelligen Millionenbetrag erleichtert haben.
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Durch den organisierten Betrug auf Online-Handelsplattformen verlieren leichtgläubige Privatanleger jedes Jahr mehrere Milliarden Euro. Vor wenigen Tagen haben deutsche Staatsanwälte und Polizeibeamte die Pläne von internationalen Drahtziehern des betrügerischen „Cybertrading“ durchkreuzt. Wie die Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB) aus Bamberg und diverse Polizeibehörden aus Bayern am Mittwoch mitteilten, wurden schon am 19. Oktober in Georgien und Israel 11 Haftbefehle erfolgreich vollstreckt und insgesamt 15 Gewerbeobjekte durchsucht. Gemeinsam mit den lokalen Polizeibehörden wurden acht Männer und drei Frauen im Alter zwischen 27 und 47 Jahren festgenommen.

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Nach Auffassung der Staatsanwälte der ZCB, das auf die strafrechtliche Verfolgung von Internetkriminalität spezialisiert ist, handelt es sich um die Führungsgruppe einer kriminellen Organisation, die Privatanlegern auf der ganzen Welt vortäuschte, Online-Plattformen gewinnbringend Gelder anlegen zu können. Faktisch sei es den Beschuldigten, die sich einem möglichen Strafprozess wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs werden stellen müssen, aber allein um die Gelder der arglosen Anleger gegangen. Ein Gesamtschaden sei derzeit noch nicht sicher abschätzbar, hieß es am Mittwoch. Er dürfte sich aber „mindestens auf einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag“ belaufen.

Handel mit Ausfallrisiko

Wie in anderen Ermittlungskomplexen spiegelten die Verdächtigen potentiellen Kunden vor, über digitale Plattformen mit hochriskanten Finanzinstrumenten wie Contracts for Differences (CFD), Forex und Kryptowährungen handeln zu können. Dieser Handel sogenannter binärer Optionen war, unter Einsatz von Software, bis vor wenigen Jahren zum Beispiel in Israel geduldet, wurde dann aber untersagt. Seitdem haben diese Unternehmen und deren Hintermänner ihrer Aktivitäten nach Zypern und Südosteuropa verlagert. Die BaFin warnt Verbraucher seit Jahren vor dem Handel auf dubiosen Internetseiten.

Laut bisherigen Erkenntnissen der Ermittler fand eine Investition oder eine Platzierung von Optionen sowie eine spätere Gewinnausschüttung an Kunden nie statt. In einer Vielzahl von Fällen komme es nach einzelnen missglückten angeblichen Trades zu einem Totalverlust des eingesetzten Kapitals, sind sich die bayerischen Staatsanwälte sicher. Ausgangspunkt für den jetzigen Ermittlungserfolg war die Strafanzeige eines Privatanlegers aus der Oberpfalz, der im Oktober 2018 Geld über die Plattform GetFinancial investiert hatte. Daraufhin nahmen die ZCB und die Polizeibehörden ihre Arbeit auf und konnten die Betreiber eines Callcenters in Georgien ermitteln. In Parallelverfahren gingen Kriminalbeamte Verdachtsfällen auf den Trading-Plattformen ProCapitalMarkets und MyCoinBanking nach.

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In Abstimmung mit Eurojust, der europäischen Agentur für Zusammenarbeit in Strafsachen, konnten so Kontakt mit Strafverfolgern in Israel und Georgien aufgenommen werden. Das Amtsgericht Bamberg erließ die erforderlichen Durchsuchungs- und Haftbefehle. In Tiflis unterstützte die Generalstaatsanwaltschaft das Vorhaben. Die ZCB plant, die Behörden in Israel und Georgien um Auslieferung der Festgenommen zu ersuchen.

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Hohe Dunkelziffer in ganz Europa

Die Spezialeinheit stellte klar, dass die aktuellen Maßnahmen nicht im Zusammenhang mit anderen Verfahrenskomplexen stehen. Im Juli 2021 veranlasste die ZCB Festnahmen und Durchsuchungen in Bulgarien. Zudem erhoben die Strafverfolger Anklage gegen einen Israeli, der als enger Vertrauter des „Wolf of Sofia“ gilt. Allein diese Gruppe von Kriminellen solle Zehntausende Anleger möglicherweise um bis zu 200 Millionen Euro betrogen haben.

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Die Ermittler sprechen von einem „Deliktsphänomen“. Sie gehen von zahlreichen weiteren Geschädigten in ganz Europa aus. Das Dunkelfeld sei beträchtlich, da vielen Anlegern das (vermeintlich) hohe Verlustrisiko der gewählten Investmentart bekannt sei und sie irrtümlich davon ausgehen würden, dass sich eben dieses Risiko verwirklicht habe, schreiben ZBC und Polizeipräsidien in einer Mitteilung.

Erst vor zwei Wochen hatten Staatsanwälte aus Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern einen großangelegten Betrug auf der Handelsplattform Fx-Leader aufgedeckt. Es wurden Büros auf Zypern, in Bulgarien und der Ukraine durchsucht, ein Verdächtiger wurde vorübergehend festgenommen. In diesem Fall schätzen die Fahnder den jährlichen Schaden für Anleger aus ganz Europa auf bis zu 500 Millionen Euro.

Quelle: FAZ.NET
Autorenbild/ Marcus Jung
Marcus Jung
Redakteur in der Wirtschaft.
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