Vormarsch der Kryptowährungen

Supermarkt in Kroatien verkauft Milch für Bitcoin

Von Andreas Mihm
07.12.2021
, 12:44
Die kroatische Supermarktkette Konzum nimmt Bitcoin als Zahlungsmittel entgegen.
Als Spekulationsobjekt sind Kryptowährungen stark gefragt. Als Zahlungsmittel taugen sie bisher eher wenig. Kroatiens größer Lebensmittelhändler will das jetzt ändern.
ANZEIGE

Freunde von Kryptowährungen wie Bitcoin und Ether müssen nicht nur gegen starke Kursschwankungen wie zuletzt am Wochenende immun sein, sie haben mitunter auch Schwierigkeiten, ihr Geld gegen Ware zu tauschen. Zwar kann man seine Essenbestellung bei Lieferando mit Bitcoin bezahlen und auch beim Reisebuchungsportal Expedia ist das möglich, über den Dienstleister Coinbase. Ansonsten muss der deutsche Kunde lange suchen, bis er einen Händler seines Vertrauens findet, der Güter oder Dienste gegen Kryptowährung feilbietet. Amazon hatte Gerüchte, man wolle Krypotwährungen als Zahlungsmittel akzeptieren, dementiert; ob Tesla Bitcoins annimmt, erscheint nach den einerseits-anderseits-Tweets von Elon Musk nicht ganz so klar.

ANZEIGE

In Kroatien ist das anders. Das Land hat bisher zwar weniger mit seinem Bestreben nach digitalen Zahlungsmitteln für Schlagzeilen gesorgt, als dem Wunsch, 2023 in den Euro aufgenommen zu werden. Doch in der größten Supermarktkette des Landes, Konzum, kann seit Anfang Dezember, wer hat, neben Visa-, Maestro- oder Diners-Card auch sein digitales Kryptowallet zum Bezahlen von Zahnbürsten, Pampers oder Gemüse und frischer Milch zücken. Fürs Erste könnten 12.000 Artikel im Onlineladen damit beglichen werden. Der zählt bisher 155.000 registrierte Nutzer, der angeschlossene Lieferdienst deckt Ballungszentren wie die der Hauptstadt Zagreb, Split, Zadar oder Rijeka, ab. Angesichts von täglich 500.000 Kunden in den stationären Länden scheint das eine noch übersichtliche Zahl zu sein. Doch womöglich werden es jetzt ein paar Online-Kunden mehr.

„Erstklassiges Einkaufserlebnis“

Der für Finanzen zuständige Geschäftsführer Uros Kaninic, sieht seine Gruppe jedenfalls an der Spitze einer Bewegung: „Wir sind stolz darauf, in einem Bereich führend zu sein, der sich schnell entwickelt und die Zukunft bestimmt.“ Schließlich wolle man für die Kunden „erste Wahl bleiben und als Einzelhandelskette der nächsten Generation ein erstklassiges Einkaufserlebnis bieten“. Fürs Marketing klingt das schon mal nicht schlecht.

Bei der Zahlungsabwicklung vertraut man auf einen Zahlungsprozessor des kroatischen Fintech Electrocoin. Akzeptiert würden neun Kryptowährungen, darunter Bitcoin (BTC) und Ether (ETH) oder die an den Kurs den Dollar gebundenen stable coins DAI, Tether oder USDC. Bezahlt werde ähnlich wie mit einer Kreditkarte. Nach Auswahl der Digitalwährung werde der entsprechende Betrag angezeigt und ein QR-Code generiert. Den scanne der Kunde mit dem persönlichen Code seiner Kryptowährung und löse so die Zahlung aus. Die Bestätigung der Transaktion komme per E-Mail, während Konzum ihm die Rechnung zusende.

ANZEIGE

Gegen Kursschwankungen abgesichert

Der Kunde sei überdies gegen die zuweilen plötzlichen und abrupten Wertschwankungen der Kryptowährungen abgesichert. „Angesichts der Volatilität des Wechselkurses der Kryptowährung garantiert das PayCek-System dem Käufer einen festen Wechselkurs, der dem Zeitpunkt der Einleitung der Transaktion entspricht.“

Unklar bleibt, ob damit der Moment gemeint ist, indem das Produkt im elektronischen Warenkorb erscheint oder der QR-Code zur endgültigen Bezahlung gescannt wird. Andere Anbieter, bei denen mit Kryptowährungen bezahlt werden kann, sichern etwa eine Zeitspanne von 10 Minuten zu. Auf jeden Fall entstünden keine weiteren Kosten, versichert Konzum-Finanzchef Kaninic.

ANZEIGE

Und er kündigt an, das soeben erst ausgerollte Bezahlverfahren auszuweiten: „Wir planen, Zahlungen in Kryptowährungen in Kürze in weiteren Geschäften in ganz Kroatien einzuführen.“ Konzum betreibt nach eigenen Angaben landesweit 600 Läden in 114 Städten und in doppelt so vielen Dörfern. 2020 hatte die Kette laut Vorstandschef Zoran Mitreski ein Ergebnis vor Abschreibungen, Steuern und Zinsen von umgerechnet knapp 100 Millionen Euro verbucht. Aber Konzum ist Teil eines viel größeren Verbunds.

Börsengang im Gespräch

Seit dem Frühjahr gehört sie zur kroatischen Fortenova-Gruppe. Die war eigens für die Abwicklung der in eine schwere Schieflage geratenen früherer Agrocor-Gruppe gegründet worden. Fortenova ist eine wirtschaftliche Macht in Südosteuropa. Der Konzern beschäftigt nach eigenen Angaben 50.000 Menschen in seinem Kerngeschäft Groß- und Einzelhandel sowie der Erzeugung und dem Vertrieb von Lebensmitteln. Auf 8 regionalen Märkte versorge man 30 Millionen Kunden.

Eigentümer des Handelsriesen ist seit der Restrukturierung die russische Sberbank. Sie erwägt, Fortenova an die Börse zu bringen. Mit Ketten wie Konzum, Mercator oder Diamant, sei Fortenova „zum Marktführer an der Adria mit dem größten Filialnetz und Online-Verkauf in den Märkten Kroatien, Slowenien, Bosnien-Hercegovina, Serbien und Montenegro geworden“, sagte Konzum-CEO Mitreski in einem Interview. Das könnte Spielraum lassen für weitergehende kryptofinanztechnische Versuchsanordnung auf dem Westbalkan.

Quelle: FAZ.NET
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE