Scherbaums Börse

Wie gefährlich ist 2022 ein China-Investment?

Von Christoph Scherbaum
07.01.2022
, 13:31
In Städten wie Schanghai ziehen Immobilienkonzerne einen Wolkenkratzer neben dem anderen hoch – jetzt wird das Geld knapp. Was heißt das für Anleger?
Der schwankende Immobilienriese Evergrande zieht die Blicke auf Chinas Immobilienmarkt. Ein Ausfall könnte weitreichende Folgen nach sich ziehen. Wie Anleger darauf reagieren sollten.
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Wenn es um gute Anlagerenditen ging, kamen viele Investoren in den vergangenen Jahren nicht um China herum. Lange Zeit schien nichts den Erfolg der chinesischen Wirtschaft aufhalten zu können. Im vergangenen Jahr bekam die Erfolgsgeschichte dann aber ein paar große Kratzer ab: Die Covid-19-Delta-Variante, eine Konjunkturschwäche und eine mögliche Schuldenkrise. In Peking hat die Führung nach wie vor viel Arbeit vor sich, um die Kratzer zu beseitigen. Gerade die Schuldenkrise – verbunden mit dem Thema Evergrande – dürfte nach den jüngsten Meldungen auch im Jahr 2022 noch für gehörig Unruhe im Reich der Mitte und auch an den internationalen Finanzmärkten sorgen.

Der in finanzielle Schwierigkeiten geratene Baukonzern China Evergrande möchte den Zahlungstermin für demnächst fällige Auszahlungen verschieben. Die vorgeschlagene Änderung des Rückzahlungstermins vom 8. Januar auf den 8. Juli sei auf die Finanzlage zurückzuführen, teilte der Konzern zuletzt ohne nähere Angaben mit. Zuletzt stufte neben Fitch auch Standard & Poor's (S&P) die Kreditwürdigkeit von Evergrande weiter herunter – auf Kreditausfall in einigen Bereichen und damit eine Stufe vor dem kompletten Zahlungsausfall.

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Risikofaktor Immobiliensektor

Nivedita Sunil, Portfoliomanagerin bei Lombard Odier Investment Managers, schrieb Mitte Dezember noch in einem Kommentar, dass der chinesische Immobiliensektor 60 Billionen Dollar wert sei, er 60 Prozent des Vermögens der Haushalte umfasse sowie direkt und indirekt bis zu 30 Prozent des chinesischen Bruttoinlandprodukts (BIP) ausmache. „Wenn er zusammenbricht, könnten sich die Auswirkungen auf den gesamten Sektor auswirken und potenziell zu einem Rückgang der Wirtschaftsaktivität führen – wie es im Jahr 2015 zu beobachten war.“

Christoph Scherbaum
Christoph Scherbaum Bild: Christoph Scherbaum

Der Immobiliensektor sei ein strategischer Sektor, da sich seine Aktivitäten kaskadenartig auf die Lieferkette (unbezahlte Bauunternehmer, nicht gebaute Häuser) auswirken würde, so Nivedita Sunil. „Wir schätzen, dass ein Rückgang der Bautätigkeit um 10 Prozent einem Verlust von etwa 2 Prozent des BIP entspricht, und auf der Grundlage des derzeitigen Finanzierungsstatus der privaten Bauträger gehen wir davon aus, dass die annualisierte Bautätigkeit um bis zu 30 bis 40 Prozent sinken könnte, wenn diese Spannungen anhalten sollten.“

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Aktienmarkt mit Überraschungspotenzial

Vor diesem Hintergrund dürfte sich für viele Investoren die Frage stellen, inwieweit China als Anlageoption (weiter) interessant bleibt. Thomas Böckelmann, leitender Portfoliomanager der Vermögensmanagement Euroswitch, sieht im neuen Jahr ein Überraschungspotential für China. „Der chinesische Aktienmarkt erlebte 2021 einen totalen Vertrauensverlust auch als Folge regulatorischer Eingriffe der chinesischen Regierung in zahlreichen Branchen.“ Die Eingriffe seien derart weit gegangen, dass einige Strategen bereits von einem „nicht investierbaren Markt“ gesprochen haben.

Dazu Böckelmann: „Diese Einschätzung und auch die heftigen Marktreaktionen erscheinen uns übertrieben. Insbesondere in den jüngsten Wochen gibt es Signale der Regierung, wieder unterstützend tätig zu werden, monetär wie fiskalisch, und im Gegensatz zu anderen Regionen verfügt China über genügend Munition und direkte Steuerungsmöglichkeiten.“ China bleibe, so die Einschätzung von Böckelmann, bis auf Weiteres die Konjunkturlokomotive für die Weltwirtschaft, die Werkbank für den Großteil der Produktion und der Absatzmarkt mit den meisten zahlungskräftigen Konsumenten.

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Schwarzer Schwan für die Weltkonjunktur?

Im aktuellen Investmentausblick des Asset Managers Eurizon ist ebenfalls zu lesen, dass China in diesem Jahr am Finanzmarkt große Aufmerksamkeit erhalten wird. „Ob die Xi-Regierung die im letzten Sommer begonnene marktfeindliche Regulierung der Wirtschaft fortsetzen wird, wird für die Bewertung Chinas durch die Investoren von großer Bedeutung sein.“ Es sei jedoch unwahrscheinlich, dass China sich weiter isolieren wolle, da diese Strategie nach hinten losgehen könnte. Im Basisszenario, so die Einschätzung von Eurizon weiter, „könnten eine weniger feindselige Haltung gegenüber der Marktwirtschaft und einige Konjunkturmaßnahmen den Trend bei der Entwicklung des chinesischen Aktienmarktes umkehren, die in den letzten zwei Jahren noch schlechter war als die der globalen Schwellenmärkte.“

Manfred Schlumberger, Leiter Portfoliomanagement bei Star Capital, ist derweil vorsichtiger in seiner Einschätzung. „Bisher war in China die Immobilienkonjunktur Haupttreiber der Konjunktur. Der Versuch der chinesischen Führung, die Luft geordnet aus der Immobilienblase abzulassen sowie die bald rückläufige Bevölkerung und hohe Leerstände lassen dies für die Zukunft nicht mehr erwarten.“ Angesichts der erreichten hohen Verschuldung von Haushalten und Unternehmen werden die relativ hohen Zinsen in China zum Problem, sagt Schlumberger und ergänzt: „Zur Bekämpfung der Pandemie hat China stets mit drastischen Lockdowns reagiert, verbunden mit den entsprechenden Konsequenzen für die globalen Lieferketten. Angesichts der sich rasant verbreitenden Omikron-Variante besteht das Risiko, dass bei einer Fortsetzung dieser Politik das Wachstum erheblich beeinträchtigt wird.“ Was dies für die größten Exportländer wie Deutschland und Japan bedeuten würde, könne man sich leicht ausmalen: „China könnte durchaus zu einem schwarzen Schwan für die Weltkonjunktur 2022 werden“, so Schlumberger.

Quelle: FAZ.NET
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