Banken

EZB-Aufsicht fürchtet Kursübertreibungen

Von Markus Frühauf
07.12.2021
, 16:34
Nach anderen Institutionen meldet nun auch die EZB-Bankenaufsicht Bedenken über hohe Aktienkurse.
Niedrige Zinsen und verzerrte Risikoprämien können Korrekturen an den Märkten auslösen. Kreditrisiken der Pandemie bleiben weiterhin im Visier.
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Unter den europäischen Bankenaufsehern wächst die Sorge vor Kurskorrekturen an den Finanzmärkten. Nachdem die EU-Aufsicht EBA am Freitag vor dieser Gefahr gewarnt hatte, zogen am Dienstag die Aufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) nach. In einem Blog-Beitrag schrieben Chefaufseher Andrea Enria und Chefstratege Mario Quagliariello, dass die umfangreichen öffentlichen Hilfsmaßnahmen in der Corona-Krise das Niedrigzinsumfeld verlängert und die Liquidität deutlich erhöht hätten. Das wiederum habe Marktteilnehmer im Umgang mit Risiken nachlässig werden lassen.

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Dabei verweisen Enria und Quagliariello auf die günstigen Finanzierungskonditionen und niedrigen Risikoprämien für Staats- und Unternehmensanleihen, die gegenüber dem Niveau vor der Pandemie noch weiter gesunken seien. Daran ist bemerkenswert, dass die beiden EZB-Aufseher die verzerrten Risikoprämien als Gefahr für die Banken bewerten, obwohl die Geldpolitik der Notenbank seit Jahren über ihre Anleihekäufe bewusst auf niedrigere Anleiherenditen hinarbeitet.

Die EZB-Aufseher verweisen zudem auf die hohen Bewertungen an den Aktienmärkten. Die Renditejagd habe in bestimmten Marktbereichen zu überdehnten Kursbewertungen geführt, die sich zum Teil von den wirtschaftlichen Fundamentaldaten abgekoppelt hätten. Dies habe den Risikoappetit der Banken erhöht, was sich an den höheren Beständen bei riskanten Übernahmefinanzierungen (leveraged loans) und Aktienderivaten zeige. Darüber hinaus habe sich das Engagement gegenüber riskanten Kontrahenten und geringer Transparenz erhöht.

Ähnlich wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) am Vortag zählen die EZB-Aufseher sogenannte „Nicht-Banken-Finanzintermediäre“ zu den riskanten Gegenparteien. Darunter fassen die Notenbanken in ihrem offiziellen Sprachgebrauch alle Finanz­institute zusammen, die zu den Schattenbanken zählen. Das kann von streng beaufsichtigten Versicherern über In­vestmentfonds und Vermögensverwalter bis zu den riskanten Hedgefonds reichen. Die EZB-Aufseher mahnen von den Banken eine erhöhte Wachsamkeit gegenüber plötzlichen Korrekturen an den Anleihe- und Aktienmärkten an. Diese können ihrer Ansicht nach durch plötzliche Anpassungen der Inflations- und Zinserwartungen ausgelöst werden.

In den kommenden drei Jahren hat für die EZB-Bankenaufseher Vorrang, dass die Banken die Pandemie gesund überstehen. Sie geben noch keine ­Entwarnung bezüglich möglicher Kreditausfälle, auch wenn sie ihre Erwartungen am Anfang der Corona-Krise in­zwischen als „zu pessimistisch“ einschätzen. Des weiteren blicken sie auf Mängel in der Digitalisierung und Unternehmenssteuerung. Schließlich wollen sie sich verstärkt neuen Risiken aus dem Klimawandel, der Informationstechnologie und Cyberangriffen widmen.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Frühauf, Markus
Markus Frühauf
Redakteur in der Wirtschaft.
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