Geldpolitik

EZB erhöht Inflationsprognose

Von Christian Siedenbiedel
09.09.2021
, 13:52
EZB
Die Notenbank hat ihre Inflationsprognose erhöht. Dennoch hält sie daran fest, es handele sich um ein vorübergehendes Phänomen. Aber das monatliche Volumen der Anleihekäufe wird reduziert.
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Die Europäische Zentralbank (EZB) erwartet eine höhere Inflation und mehr Wachstum in diesem Jahr in der Währungsunion. Die Teuerungsrate werde 2,2 Prozent erreichen, teilte die EZB am Donnerstag in Frankfurt mit. Damit läge die Preissteigerungsrate oberhalb der Zielmarke von 2 Prozent. Noch im Juni hatte die Notenbank mit 1,9 Prozent gerechnet. Indes sieht die EZB das Inflationsziel als mittelfristige Vorgabe: Vorübergehende Überschreitungen sind demnach hinzunehmen. Die Inflationsrate war im August auf 3 Prozent gestiegen und damit den höchsten Wert seit rund zehn Jahren. In Deutschland hatte sie nach nationaler Berechnungsweise 3,9 Prozent erreicht. Inzwischen gibt es kein Euroland mehr mit einer negativen Inflationsrate, in dem also die Preise im Durchschnitt fallen. Estland weist sogar eine Inflationsrate von 5 Prozent auf, Litauen ist bei 4,9 Prozent und Belgien bei 4,7 Prozent.

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Nichtsdestoweniger hält die EZB an ihrer Auffassung fest, dass es sich um ein vorübergehendes Phänomen im Zusammenhang mit der Coronakrise handelt. „Der Anstieg dürfte vorübergehender Natur sein“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde auf der Pressekonferenz in Frankfurt. „Wir gehen davon aus, dass die Teuerung in diesem Herbst weiter anzieht, 2022 aber abflaut.“ Gründe für die stärkere Inflation seien etwa höhere Ölpreise, die Rückkehr zur alten Mehrwertsteuerhöhe in Deutschland und Materialengpässe. Für 2022 hoben die EZB-Volkswirte allerdings ihre Prognose von 1,5 auf 1,7 Prozent an, für 2023 von 1,4 auf 1,5 Prozent.

Sie sagen auch ein stärkeres Wirtschaftswachstum nach dem Rezessionsjahr 2020 voraus. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll im laufenden Jahr um 5,0 Prozent steigen. Noch im Juni lautete die Wachstumsprognose auf 4,6 Prozent. „Die Erholung der Wirtschaft des Euroraums schreitet zunehmend voran“, sagte Lagarde. „Ende dieses Jahres dürfte das Vorkrisenniveau übertroffen werden.“ Für 2022 werden 4,6 und für 2023 nunmehr 2,1 Prozent an Wachstum erwartet.

Tempo der Anleihekäufe wird gedrosselt

EZB-Chefvolkswirt Philip Lane hatte erst kürzlich in einem Reuters-Interview erläutert, dass Europa wegen hoher Impfraten und vorangegangener Lockdown-Maßnahmen womöglich nicht zu den Regionen zählt, die die Delta-Variante des Coronavirus am härtesten traf. Die (EZB) will offenbar den Fortschritten in der Bekämpfung der Krise Rechnung tragen und das Tempo ihrer Anleihekäufe etwas reduzieren. Im vierten Quartal, also in den Monaten Oktober bis Dezember, sollen zwar weiterhin Anleihen für Milliardenbeträge gekauft werden, aber nicht mehr ganz so viele wie im zweiten und dritten Quartal.

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Der EZB-Rat sei zu dem Schluss gekommen, dass die günstigen Finanzierungsbedingungen mit einem moderat niedrigeren Tempo der Nettokäufe von Vermögenswerten im Rahmen des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten für den Notfall (PEPP) als in den beiden vorangegangenen Quartalen aufrechterhalten werden können, hieß es in der zum Mittag versandten Pressemeldung.

Zuletzt hatten die Notenbanken des Eurosystems monatlich Anleihen für etwa 80 Milliarden Euro aus dem Krisenprogramm PEPP gekauft und zusätzlich für etwa 20 Milliarden Euro aus dem längerfristigen Anleihekaufprogramm APP.

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Die Leitzinsen ließ die Notenbank unverändert, und auch einen grundsätzlichen Ausstieg aus den Anleihekäufen deutete sie noch nicht an. Sie wies auf die verbesserte Wirtschaftslage in der Eurozone hin, ließ aber auch weiter bestehende Risiken aus Pandemie nicht unerwähnt.

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Öffentliche Äußerungen von Notenbankern hatten zuletzt vermuten lassen, dass sich bei den Anleihekäufen etwas bewegen könnte. Nachdem die amerikanische Notenbank Federal Reserve signalisiert hatte, sie könnte ihre Anleihekäufe noch in diesem Jahr verringern, gab es auch aus Europa Forderungen, etwas zu tun. Neben Österreichs Notenbankchef Robert Holzmann und dem niederländischen Notenbank-Gouverneur Klaas Knot hatte sich auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann geäußert: Er wollte sich zwar noch nicht festlegen, wann die Notenbank endgültig aus ihrem Krisen-Anleihekaufprogramm PEPP aussteigt. Bislang ist ein Ende im März kommenden Jahres vorgesehen. „Damit die Käufe dann nicht ruckartig enden müssen, sollten wir sie schon vorher schrittweise zurückfahren, wenn es die Situation erlaubt“, forderte Weidmann.

Finanzmärkte waren zuletzt etwas nervös

Immerhin gibt es starke Argumente, warum die Notenbank es jetzt mit ihren Anleihekäufen mal etwas ruhiger angehen lassen könnte. Die Inflation in der Eurozone ist gestiegen. Zudem wächst die Wirtschaft spürbar, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern beispielsweise auch in Italien. Und nicht zuletzt sind die Finanzierungskonditionen für Unternehmen und Haushalte gut. Dass man auch in der EZB-Spitze solchen Überlegungen gegenüber nicht ganz abgeneigt war, signalisierte in der vergangenen Woche EZB-Vizepräsident Luis de Guindos. Er äußerte sich recht zuversichtlich über die Wirtschaftsentwicklung in der Eurozone: „Die jüngsten Daten sind sehr positiv.“

Die Frage, wie die EZB sich weiter weiter aufstellen wird, hatte zuletzt auch die Finanzmärkte sehr beschäftigt. Die Nervosität auch am deutschen Aktienmarkt hatte in den vergangenen Tagen zugenommen. Kursverluste am Aktienmarkt waren auch darauf zurückgeführt worden, dass Anleger sich aus Vorsicht zurückgehalten hatten.

Quelle: FAZ.NET
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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