Grüne Anleihen

EZB macht Ernst mit Klimaschutz

Von Christian Siedenbiedel
Aktualisiert am 23.09.2020
 - 13:06
Christine Lagarde
Die Europäische Zentralbank öffnet sich stärker für „grüne“ Anleihen - als Sicherheiten für Kreditgeschäfte, aber auch für ihre Anleihekaufprogramme. EZB-Präsidentin Christine Lagarde spricht von einem „Schritt in die richtige Richtung“.

Die Europäische Zentralbank (EZB) will „grüne“ Anleihen, deren Zinskupons an Nachhaltigkeitsziele geknüpft sind, künftig als Sicherheiten für ihre geldpolitischen Kreditgeschäfte akzeptieren. Sollten diese Papiere die übrigen Zulässigkeitskriterien für Anleihekäufe erfüllen, könnten sie auch im Rahmen des Krisenprogramms PEPP („Pandemic Emergency Purchase Programme“) und des älteren Anleihekaufprogramms APP („Asset Purchase Programme“) erworben werden, teilte die EZB am Dienstag in Frankfurt mit. Die neuen Regeln sollen von Januar an gelten.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde spricht auf dem Kurznachrichtendienst Twitter von einem „Schritt in die richtige Richtung“. Der Klimawandel liege in der Verantwortung aller. „Wie ich bereits sagte, möchte ich alle verfügbaren Wege zur Bekämpfung des Klimawandels erkunden“, schreibt Lagarde. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel twitterte: „Ein Reise über Tausende von Meilen muss mit einem einzelnen Schritt beginnen.“

Noch kein „grünes QE“

Beobachteter werteten dies als ein Signal, dass Lagarde mit ihren Bestrebungen Ernst machen wolle, Aspekte des Klimaschutzes stärker in die Arbeit der Notenbank einfließen zu lassen. Es sei aber deutlich von der Möglichkeit zu trennen, ein „grünes QE“ zu betreiben, also Anleihekäufe gezielt an ökologischen Kriterien auszurichten und die Auswahl der zu kaufenden Anleihen nach Nachhaltigkeitskriterien vorzunehmen. Darum gehe es in diesem Schritt nicht. Die Notenbank kaufe auch bislang schon „grüne“ Anleihen, die anders konstruiert sind, und wähle zum Teil sogar Anleihen nach Nachhaltigkeitskriterien aus - letzteres allerdings eher in kleinerem Umfang und vor allem etwa für die eigenen Pensionsfonds. In diesem Schritt nun gehe es darum, die „Notenbankfähigkeit“ bestimmter Anleihen festzustellen, nämlich solcher, deren Kupon an die Erreichung bestimmter Nachhaltigkeitsziele geknüpft sei. „Es ist Routine, dass laufend neue Emissionen und Typen geprüft werden, ob sie notenbankfähig sind“, hieß es in Notenbankkreisen.

Förderung von Projektfinanzierung

Christoph Kutt, Anleihefachmann der DZ Bank, meinte: „Die EZB will Nachhaltigkeits-Anleihen fördern, in dem man sie als Sicherheit für Ausleihungen zulässt oder sogar in die Kaufprogramme APP oder PEPP aufnimmt.“ Dadurch erreiche man eine höhere Marktliquidität für diesen Typ Anleihen und fördere hierdurch vielleicht die Emissionstätigkeit und weite Nachhaltigkeitsprojekte aus. In diesem Fall gehe es um Anleihen, deren Kupon an ein Nachhaltigkeitsprojekt gebunden sei. „Sagen wir mal, das Unternehmen XY baut Windparks, refinanziert das mit einer solchen Anleihe und deren Kupon fällt je nachdem aus, wie die Rendite des Windparks ausgefallen ist.“ Der Kupon sei also variabel. „Ansonsten würde das Unternehmen diesen Windpark vielleicht über eine Anleihe mit festem Kupon finanzieren müssen, der EZB-fähig und damit liquider wäre.“ Das Problem sei dann für das Unternehmen, dass die Anleihe mit dem festen Kupon immer beispielsweise 5 Prozent auszahle, der Windpark aber mal ein Jahr habe, in dem er nur 4 Prozent erwirtschafte. Die Lücke von 1 Prozent müsse das Unternehmen dann nachschießen. „Dadurch, dass die EZB ab Januar solche Nachhaltigkeitsanleihen mit variablem Kupon als Sicherheiten annimmt oder auch kauft, erleichtert sie die Finanzierung von solchen Projekten, da sie sich als Abnehmerin anbietet und schafft vielleicht einen größeren Markt, da diese Anleihen von Standard-Fixed Income Investoren aufgrund des variablen Kupons wohl eher weniger gekauft werden.“

Entscheidung im EZB-Rat nicht umstritten

Lagarde hatte zuletzt mehrfach hervorgehoben, sie hielte es für richtig, wenn die Notenbank mehr „grüne“ Unternehmensanleihen kaufen würde und nicht einfach warte, bis dieser Sektor des Finanzmarktes von allein so stark wachse, dass die EZB auf diesem Weg gleichsam automatisch mehr „grüne“ Anleihen in ihre Bücher bekomme. Für Staatsanleihen hatte sie das anders gesehen, da kaufe die Notenbank einfach Staatsanleihen, und es sei Aufgabe der Staaten, dann etwas für den Klimaschutz zu tun. Man könne schwerlich nach Anleihen „grünerer“ und „weniger grüner“ Staaten differenzieren. Spekuliert worden war deshalb, ob die EZB früher oder später ein eigenes Segment "grüne Anleihen" für die Käufe von Unternehmensanleihen einrichtet.

Diese grundsätzlichen Fragen sind aber, anders als die Entscheidung jetzt, im EZB-Rat nicht unumstritten. Bundesbankpräsident Jens Weidmann beispielsweise hatte stets hervorgehoben, es sei wichtig, viel für den Klimaschutz zu tun. Die Berücksichtigung von Risiken aus dem Klimawandel - da gibt es sowohl physische („Das Unternehmen liegt zu dicht am Meer") als auch sogenannte transitorische Risiken durch Regulierung („Der Staat könnte irgendwann Verbrennungsmotoren verbieten") - sei aber eher Aufgabe der Ratingagenturen. Das gilt als kritische Position gegenüber „grünem QE“ im engeren Sinne.

Zuletzt hatten viele Institutionen neue „grüne“ Anleihen aufgelegt, beispielsweise auch der Bund mit einigem Erfolg. Das Land Baden-Württemberg beschloss am Dienstag, im Frühjahr 2021 die erste Auflage eines „Green Bond Baden-Württemberg“ zu emittieren. Die Anleihe soll jährlich aufgelegt werden und jeweils einen Umfang von mindestens 300 Millionen Euro haben. Wenn mehr geeignete Projekte vorliegen, könne das Volumen auch größer sein. Denkbare Vorhaben sind Energieeffizienzprogramme für Gebäude, der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und Maßnahmen zum Ressourcenschutz. „Wir legen seit Jahren einen Schwerpunkt auf Investitionen in Umwelt und Klimaschutz. Mit unserem Green Bond geben wir dem Kapitalmarkt die Gelegenheit, daran direkt zu partizipieren“, sagte Finanzministerin Edith Sitzmann.

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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