EZB-Präsidentin Lagarde

„Bargeld bleibt“

Von Christian Siedenbiedel
21.01.2021
, 17:35
EZB-Präsidentin Christine Lagarde wirbt für den digitalen Euro – und versucht, Sorgen von Bürgern zu beruhigen. Derweil feiern die Finanzmärkte den neuen Präsidenten Amerikas.

Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) hat die Menschen im Euroraum auf vorübergehend etwas höhere Inflationsraten vorbereitet. Die Inflationsrate, die sogenannte „Headline inflation“, werde steigen, sagte Lagarde nach der Januar-Zinssitzung der Notenbank, auf der Leitzinsen und Anleihekäufe unverändert gelassen wurden. Zu den Gründen für die höhere Inflation gehörten die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer in Deutschland und die höheren Energiepreise. Dem stünden allerdings die krisenbedingt weiter schwache Nachfrage, der geringe Lohndruck wegen der schwierigen Arbeitsmarktlage und Auswirkungen des starken Euro-Wechselkurses gegenüber, die tendenziell eher inflationssenkend wirkten.

Die EZB-Präsidentin warb für ihre Pläne eines digitalen Euro. Nachdem am 12. Januar die öffentliche Anhörung zur Einführung einer Digitalwährung beendet worden sei, an der sich mehr als 8000 Menschen beteiligt hätten, werde Mitte des Jahres eine Entscheidung getroffen. Wenn man das Projekt weiterverfolge, sollten die Menschen sich keine Sorgen machen, dass mit dem digitalen Euro das Bargeld abgeschafft werde. „Wir werden immer weiter Banknoten haben“, hob Lagarde hervor. Beide Formen des Geldes würden dann nebeneinander existieren. Der digitale Euro solle kein Projekt nur für die Eliten sein oder nur für die Jungen: „Wenn er gut gemacht ist, wird der digitale Euro nutzbringend für alle sein“, sagte Lagarde. Allerdings sei auch über die Technik der neuen Digitalwährung noch nicht entschieden. EU-Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis hatte zuvor verbreiten lassen, die EU unterstütze das Vorhaben: „Wir beobachten, dass die Bedeutung des Bargeldes schrittweise zurückgeht. Ein digitaler Euro ist eine zusätzliche Möglichkeit zum Bezahlen und Sparen.“Die Kommission arbeite mit der EZB in einer Expertengruppe, um die „institutionellen, rechtlichen und praktischen Aspekte zur Schaffung des Digitaleuros zu klären“.

In ihrem Konjunkturausblick äußerte Lagarde sich vorsichtig optimistisch. Die Risiken für die Wirtschaft seien zwar nach wie vor groß, allerdings etwas weniger ausgeprägt als zuletzt EZB-Präsidentin. Das zwischen Großbritannien und EU erzielte Handelsabkommen, der Beginn der Corona-Impfungen seien „ermutigend“.

Amtsantritt Bidens positive Nachricht für Wirtschaft

In diesem Zusammenhang hob Lagarde auch den Amtsantritt des neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden hervor, der zu den „positiven“ Signalen gehöre. Es gebe allerdings auch „nicht so positive“ Nachrichten: Die Unsicherheit der wirtschaftlichen Entwicklung sei nach wie vor hoch und schwer zu prognostizieren, nicht zuletzt aufgrund neuer Corona-Beschränkungen in vielen Ländern. Auch werde es dauern, bis eine weitgehende Immunität gegen das Coronavirus erreicht sei. Lagarde sagte, sie rechne damit, dass die Wirtschaftsleistung im Euroraum im Schlussquartal 2020 geschrumpft sei und die Pandemie-Folgen auch die Konjunktur zum Auftakt des laufenden Jahres belasteten.

Unterdessenen feierten die Finanzmärkte Amerikas neuen Präsidenten Biden. Auch am Tag nach der Amtsübergabe in Washington stiegen in vielen Teilen der Welt die Aktienkurse, viele Aktienindizes erreichten abermals Rekordstände. Der deutsche Leitindex Dax überschritt zeitweise die 14000 Punkte, ohne sein Rekordhoch vom Monatsanfang ganz zu erreichen, drehe aber später ins Minus und notierte am Nachmittag bei 13898 Punkten. Der M-Dax der mittelgroßen Werte und der Nebenwerteindex S-Dax dagegen erreichten zeitweise neue Höchststände.

Höhere Inflation „kommunikative Mission“ für EZB

Die Aussicht auf weitere Konjunkturpakete hatte bereits am Mittwoch die Wall Street auf Rekordstände geschoben. Auch am Donnerstag eröffneten Amerikas Börsen freundlicher. Der Dow-Jones-Index der Industriewerte und der Index der Technologiebörse Nasdaq stiegen zur Eröffnung um bis zu 0,5 Prozent und markierten mit 31241 beziehungsweise 13524 Punkten jeweils ein Rekordhoch. Der breiter gefasste Index S&P 500 legte ebenfalls leicht zu, verpasste jedoch zunächst eine neue Bestmarke. „Die blaue Welle kommt und noch surfen die Anleger darauf, scheinbar ohne der Gefahr bewusst, dass auch diese Welle irgendwann brechen könnte“, meinte Konstantin Oldenburger, Analyst bei CMC Markets. Investoren favorisierten derzeit vor allem die Sektoren, die von der Politik des neuen Präsidenten besonders stark profitieren könnten – wie erneuerbare Energien.

„Keine Überraschung“, kommentierte Holger Schmieding, der Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg die Entscheidungen in Europas Notenbank. „Den Anstieg der Inflationsrate, der sich für 2021 abzeichnet, wertet die EZB als willkommenen Beginn der Rückkehr zum angestrebten Ziel von knapp 2 Prozent und nicht als ein Grund, ihre Politik in absehbarer Zeit zu straffen.“ Die EZB sei „zu Recht bedächtig“, meinte Otmar Lang, Ökonom der Targobank.

Der EZB-Rat stehe aktuell vor einer heiklen kommunikativen Mission, sagte Friedrich Heinemann vom Wirtschaftsforschungsinstitut ZEW: „Die EZB bereitet die Öffentlichkeit auf einen zumindest zeitweilig deutlichen Anstieg der Inflation am Ende der Corona-Pandemie vor – dabei wird sie eine Teuerungsrate auch über das bisherige Inflationsziel hinaus akzeptieren, ohne aus den massiven Staatsanleihekäufen auszusteigen.“ Nicht mehr dabei ist jetzt die frühere EZB-Kommunikationschefin aus der Zeit von Mario Draghi, Christine Graeff. Stattdessen hat zum ersten Mal der neue Sprecher, Wolfgang Proissl, die EZB-Pressekonferenz moderiert.

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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