Grüne Kanzlerkandidatin

Lagarde schwärmt für Baerbock

Von Christian Siedenbiedel
22.04.2021
, 19:51
EZB-Präsidentin Christine Lagarde äußert sich sehr erfreut sich über die neue grüne Kanzlerkandidatin. Mangelnde Erfahrung sei kein Hindernis – im Gegenteil.

Es kommt nicht oft vor, dass die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) sich mit innenpolitischen Belangen einzelner Mitgliedsländer beschäftigt. Umso bemerkenswerter ist, dass EZB-Präsidentin Christine Lagarde sich am Donnerstag sehr freundlich über die neu gekürte Kanzlerkandidatin der Grünen in Deutschland geäußert hat – in der offiziellen Pressekonferenz nach der monatlichen Zinssitzung der Notenbank .

Auf Nachfrage trug Lagarde gleich mehrere Gemeinsamkeiten zwischen Annalena Baerbock und sich selbst vor. Als erstes natürlich den Leistungssport: Lagarde war in jüngeren Jahren eine gute Synchronschwimmerin, Baerbock wechselte einst vom Fußball zum Trampolin-Turnen, nahm mehrfach an den deutschen Meisterschaften teil und gewann dreimal Bronze. Die EZB-Präsidentin meinte, der Leistungssport bringe es einem vielleicht bei, sich im Wettbewerb zu behaupten – und sich ein dickes Fell zuzulegen.

Viel stärker aber sieht die EZB-Präsidentin die grüne Kanzlerkandidatin offenkundig als Verbündete in Sachen Klimaschutz. Die EZB-Präsidentin bezeichnete Baerbock als „junge Frau, die sich sehr für die Themen Klimawandel und Umweltschutz engagiert“. Das seien genau jene Themen, die auch sie sehr bewegten.

„Green Christine“ hatten sie Lagarde schon vor ihrer Zeit bei der Notenbank getauft. Seit ihrem Amtsantritt als Nachfolgerin für Mario Draghi im November 2019 aber hat die EZB-Präsidentin das „Greening“ der Notenbank als eines ihrer persönlichen Ziele ausgegeben. Noch wird im EZB-Rat darum gerungen, wie weit eine stärker auch am Klimaschutz orientierte Notenbankpolitik gehen kann.

EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel hatte aber erst in der vergangenen Woche durchblicken lassen, dass die EZB-Spitze viele der etwa von der Umweltschutz-Organisation Greenpeace vorgetragenen Argumente teilt – beispielsweise, dass die herkömmlichen Anleihekäufe der Notenbank marktverzerrend seien, weil durch die Orientierung an den verfügbaren Anleihen am Markt überdurchschnittliche viele Anleihen von Unternehmen mit einem hohen CO2-Ausstoß gekauft würden.

Auch Bundesbank-Präsident Jens Weidmann habe sich in der Frage einer „grüneren“ Ausrichtung der Notenbank zuletzt bewegt: „In den letzten Monaten hat sich viel getan", sagte Schnabel. „Viele haben sich bewegt – auch Herr Weidmann.“

Zu freuen scheint Lagarde zudem, dass sich mit Baerbock auch wieder eine Frau um die Kanzlerschaft in Deutschland bewirbt. Sie hob hervor, dass Angela Merkel, die 16 Jahre lang als Kanzlerin Deutschland geführt hat, junge Frauen wenigstens nicht abgeschreckt habe, in die Politik zu gehen. Rollenvorbilder seien für solche Berufswege sehr wichtig. „Das ist der Wert von Vorbildern“, sagte Lagarde.

In ihrer Amtszeit als EZB-Präsidentin hat sie intern in der Notenbank einiges für die Gleichstellung von Frauen getan, etwa bei Beförderungen und Neueinstellungen. Und auf der politische Bühne tritt sie gern mal zusammen mit einer anderen mächtigen Frau in Europa auf, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Mangelnde Erfahrung kritisierte Lagarde an Baerbock nicht. Im Gegenteil, der Antritt der grünen Kanzlerkandidatin zeige: „Man muss keine ältere grau- oder weißhaarige Person sein, um in die Politik zu gehen und für sein Talent anerkannt zu werden“, sagte die 65 Jahre alte Lagarde über die 40-jährige Baerbock – zweifellos eine augenzwinkernde Anspielung auf ihr eigenes Erscheinungsbild und die Selbstinszenierung als „Grande Dame“ der Notenbank Europas.

Quelle: FAZ.NET
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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