Aktie im Blick

IT-Spezialist GFT spürt neue Dynamik der Finanzbranche

Von Susanne Preuss
30.07.2021
, 12:36
Marika Lulay ist CEO bei GFT Technologies.
Digitalisierung? Das wird für Banken und Versicherungen zu einer immer größeren Aufgabe. Der IT-Dienstleister GFT bekommt da unerwartet viele Aufträge, wie die Chefin des Unternehmens im Gespräch berichtet.

Für Schnellschüsse sind die Banken und Versicherungen nicht be­kannt, mit denen der IT-Dienstleister GFT Technologies seine Ge­schäfte macht. Meist wird mit kleinen Projekten erst ausgetestet, was die Leute von GFT können, und bis aus dem ersten Kontakt eine gute Kundenbeziehung wird, dauert es Jahre. So war es jedenfalls bisher. Doch die Pandemie und der Digitalisierungsschub, der da­mit einherging, hat einiges verändert. „Jetzt geht alles viel schneller, und es geht auch um größere Projekte“, berichtet die GFT-Vorstandschefin Marika Lulay im Gespräch mit der F.A.Z., und man sieht ihr an, dass sie selbst noch ein bisschen staunt über diesen Wandel.

Noch ist ihre Mannschaft es gewohnt, dass sich manches verzögert, dass man die Projekt-Pipeline nie eins zu eins in Umsatz umrechnen kann. Aber die neue Dynamik bei den Kunden hat für so viele zusätzliche Aufträge gesorgt, dass GFT die eigenen Prognosen angehoben und eine Ad-hoc-Mitteilung veröffentlicht hat. Jetzt rechnet GFT mit ei­nem Umsatzplus um ein Viertel auf 550 Millionen Euro, das operative Er­gebnis (Ebitda) soll um 46 Prozent auf 62 Millionen Euro steigen und das Vorsteuerergebnis gar um 155 Prozent auf 36 Millionen Euro.

Die Anleger reagierten begeistert und bescherten der Aktie einen Kurssprung um einen zweistelligen Prozentsatz am Tag nach dieser Ankündigung – zumal damit die Prognose für dieses Jahr schon zum zweiten Mal angehoben wurde. Der starke Auftragseingang dürfte sich besonders im zweiten Halbjahr auszahlen, erklärte Warburg-Analyst Andreas Wolf und setzt das Kursziel für die GFT-Aktie von 25 auf 31 Euro. Wolf ist damit der zuversichtlichste unter den nur vier Analysten, die den IT-Dienstleister regelmäßig beobachten. Seine Kollegen von Quirin, Kepler und Pareto sind mit ihren Kurszielen zwischen 24 und 30 Euro noch näher an den aktuellen Kursen, die in den letzten Tagen zwischen 26 und 27 Euro pendelten. Im vergangenen Herbst hatten alle vier Analysten Kursziele zwischen 13,30 und 15 Euro angegeben, bezahlt wurde für die GFT-Aktie damals zeitweise weniger als 10 Euro.

Seither aber ist vieles von dem schick geworden, was der Stuttgarter IT-Dienstleister im Angebot hat. Das Brot- und Buttergeschäft war es zwar lange Zeit, die regulatorischen Anforderungen in den IT-Systemen der Finanzbranche zu implementieren, aber Cloud oder Blockchain oder Künstliche Intelligenz sind ebenfalls im Portfolio von GFT. „Da ge­hören die durchaus zu den Besseren“, urteilt Sebastian Droste, der als Analyst für die Privatbank Quirin den Überblick über die IT- und Software-Branche be­hält. „Was früher nur ein Bruchteil des Um­satzes war, wächst jetzt rasant“, beobachtet er.

Die Personaldecke hat GFT auch während Corona aufgestockt. Um 14 Pro­zent auf 6225 Vollzeitstellen wuchs die Be­legschaft bis zum Ende des ersten Quartals. Ein echter Vorteil, wie Analyst Droste ur­teilt: „Diese Leute sind superschwer am Arbeitsmarkt zu bekommen.“ Nur ein Viertel der Belegschaft ist in Deutschland, der Rest arbeitet an „Near-Shore“-Standorten mit niedrigen Kostenstrukturen in Polen und Spanien und seit dem Jahr 2005 in Brasilien, wo mittlerweile mehr als 2000 Menschen für GFT tätig sind. „Wir sind dort unter den Top-5-IT-Dienstleistern“, berichtet Vorstandschefin Lulay. Für den Umsatz ist der Heimatmarkt sogar noch unbedeutender. Nur 15 Prozent der Umsätze entfielen voriges Jahr auf Deutschland, während Italien, Großbritannien und Spanien für zusammen zwei Drittel des Ge­schäftsvolumens stehen. Auf Amerika ent­fallen 10 Prozent, und bald wird auch Asien eine nennenswerte Rolle spielen, stellt die GFT-Chefin in Aussicht.

"Noch viel Luft nach oben“

Zugleich will GFT ein neues Standbein aufbauen: Ein Fünftel vom Umsatz soll bald von der Industrie kommen. Ja, räumt Lulay im Gespräch mit der F.A.Z. ein, da sei man im vergangenen Jahr hinter den Plänen zurückgeblieben und habe erst 10 Prozent geschafft. Aber als IT-Dienstleister mit Wurzeln im Industrieland Baden-Württemberg sieht GFT ganz eigene Kompetenzen, in Sachen Autos zum Beispiel. Und siehe da: Von Google wird GFT als „Key Partner“ bezeichnet, wenn es um die Begutachtung von Autos mithilfe von Künstlicher Intelligenz geht. Solche Projekte dürften auch an der Börse für neue Aufmerksamkeit sorgen. Wä­re GFT an der Nasdaq gehandelt, wäre der Kurs wohl viel höher, mutmaßt die GFT-Chefin: „Dort wird Wachstum hö­her bewertet als hierzulande.“ Das würde zu ihrer Strategie passen, die klare Priorität auf Wachstum legt.

Höhenflüge an der Börse aber hat Lulay selten beobachten können, seit sie im Jahr 2002 die Verantwortung für das operative Kerngeschäft von GFT übernahm. Da dümpelte der Kurs jahrelang unter 5 Euro herum, bis im Jahr 2013 ein Aufschwung einsetzte, der bis auf 32,20 Euro Ende 2015 führte. Von diesem Wert aber war schon wieder ein Drittel weg, als Lulay im Juni 2017 vom GFT-Gründer und Hauptaktionär Ulrich Dietz den Posten als CEO übernahm. Das „Ja“ der Briten zum Brexit hatte den Kurs ab­sacken lassen, weil die hohen Umsätze in Großbritannien als Risiko erschienen.

Und dann war da noch die übergroße Abhängigkeit von zwei Großkunden (Deutsche Bank und Barclays), deren Spar­pläne sich drastisch bemerkbar mach­ten. Zwar wächst das übrige Ge­schäft seit Jahren mit zweistelligen Ra­ten, doch das war gar nicht so recht be­merkt worden, berichtet Lulay. Jetzt aber gebe es keine Klumpenrisiken mehr, die beiden Banken stünden nur noch für ein Sechstel des Umsatzes. Für den Kurs sieht sie „noch viel Luft nach oben“ und ist sich doch bewusst, dass mit ein paar Roadshows noch nichts gewonnen ist. „Wir konzentrieren uns aufs Geschäft“, gibt sie als Devise aus: „Der Kurs wird uns schon folgen.“

Quelle: F.A.Z.
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