<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Unruhestifter an der Börse

Aktivisten feuern auch in der Krise

Von Klaus Max Smolka
Aktualisiert am 29.06.2020
 - 13:25
Erst auf den zweiten Blick ein spannendes Geschäft: Bei dem Spezialisten für Frankiermaschinen Francotyp-Postalia opponiert ein aktivistischer Investor gegen den Chef.
Nach kurzer Pause sind Aktionäre global wieder im Angriffsmodus. In Deutschland erinnert Cerberus daran, dass sich kein Konzern ausruhen kann. Er wirft dem Commerzbank-Vorstand eine zu hohe Kostenbasis, eine verfehlte Strategie und Untätigkeit vor.

Die Briefe aus New York tragen keine Unterschrift, nennen keinen persönlichen Verfasser. Vor gut zwei Wochen erhielt in der Commerzbank der Aufsichtsratsvorsitzende Stefan Schmittmann zweimal Post vom Aktionär und Finanzinvestor Cerberus. Nach allerlei Kritik am Kreditinstitut drohten die Amerikaner im zweiten Schreiben damit, ihre Forderungen auf „alternativen Wegen“ durchzusetzen. Konkret wurden sie nicht. Sie verabschiedeten sich „mit freundlichen Grüßen, Cerberus Capital Management, L.P.“.

Initiator der zweimaligen Post ist dem Vernehmen nach Cerberus’ Ko-Chef Frank Bruno. Dem Deutschland-Chef David Knower sei das Ganze dagegen gar nicht so recht, ist in der Finanzszene zu hören. Schließlich bemüht sich der hiesige Statthalter seit Jahren, den rauhen Ruf von Cerberus zu glätten – und die Beteiligungsgesellschaft als konstruktiven Investor darzustellen, der einen Beitrag zum Gemeinwohl liefere. Viel reise Knower etwa nach Berlin, um das Kontaktnetz zu pflegen, heißt es.

In der deutsch-amerikanischen Handelskammer Amcham Germany hat er einen Sitz im erweiterten Vorstand ergattert. Die beiden Briefe, die der F.A.Z. vorliegen, zeigen zum einen, dass das Private-Equity-Haus die Zügel anzieht und wieder stärker seine aktivistische Seite hervorkehrt. Denn solche Schreiben sind ein klassisches Mittel von Aktivisten, um den Druck auf Aufsichtsräte und Vorstände zu erhöhen.

Unruhestifter sind munter unterwegs

Die Briefe zeigen zum anderen, dass trotz Corona-Krise das Treiben der angriffslustigen Investoren nicht erlahmt. Cerberus ist zwar seit Jahren an der Commerzbank beteiligt – 2017 wurde das Paket von mehr als 5 Prozent bekannt –, es geht jetzt also nicht um neu zugeflossenes Kapital. Aber der Investor muckt just in der Krise öffentlich vernehmbar auf. Er wirft dem Vorstand eine zu hohe Kostenbasis vor, eine verfehlte Strategie und Untätigkeit. Außerdem verlangt er zwei Sitze im Aufsichtsrat. Cerberus betont Dialogbereitschaft, aber zur Not soll es auch anders gehen: „Mit Blick nach vorne werden wir unsere Kräfte alternativen Wegen widmen, um die Änderungen zu liefern, die nötig sind, um die andauernde Erfolglosigkeit der Commerzbank umzudrehen.“

Cerberus und die Commerzbank: Das ist in Deutschland der momentan prominenteste bekannte Fall eines aktivistischen Investors: also eines Aktionärs, der das Management über die normale Einflussnahme eines institutionellen Investors hinaus bedrängt. Meist fordern Aktivisten, Personal in Vorstand oder Aufsichtsrat auszuwechseln, die Strategie grundlegend zu ändern oder Sparten zu verkaufen. Die Zahl derartiger Initiativen – im Branchenjargon „Kampagnen“ genannt – ist im vergangenen Jahrzehnt stark gestiegen, das ursprünglich angelsächsische Phänomen hat sich in Europa etabliert.

Die Unruhestifter sind jetzt wieder munterer unterwegs, das legt eine Reihe von Indizien nahe. Zwar lässt ihre Geschäftigkeit während einer Baisse tendenziell nach, wie Patrik Czornik sagt, der für die amerikanische Investmentbank JP Morgan das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (Mergers & Acquisitions, M&A) in Deutschland leitet: Zurückgehende Aktienkurse seien „nicht unbedingt der Zeitpunkt für Aktivisten“, erklärt er. Aber der Markt zieht wieder an, und nach Czorniks Einschätzung ist auch der Aktivismus etwas, „was wahrscheinlich mit dem M&A-Geschäft im zweiten Halbjahr wieder zunehmen sollte“.

Global gesehen waren erste Zeichen einer Belebung schon im vergangenen Monat zu erkennen. „Der Mai hat einen Anstieg neuer Kampagnen gegenüber März und April gesehen“, befindet die Investmentbank Lazard in ihrer jüngsten Aktivismus-Analyse. Sechzehn neue Initiativen verzeichnet der Bericht. 3,3 Milliarden Dollar Kapital seien dafür neu eingesetzt worden. Das war zweieinhalb Mal so viel wie im März, wenn auch immer noch deutlich weniger als vor Corona.

Revolten angezettelt

Im Schnitt der Sechs-Monats-Periode bis einschließlich Februar dieses Jahres hatte das Volumen, mit dem sich angriffslustige Investoren im Zuge ihrer Kampagnen in Unternehmen einkauften, monatlich etwa 4,6 Milliarden Dollar betragen. Nach Daten des Statistikanbieters Activist Insight gab es im bisherigen Jahresverlauf (Stand Mitte Juni) gegenüber den Vergleichsperioden in Europa so wenige öffentlich bekannte Kampagnen wie seit 2014 und in Deutschland wie seit 2015 nicht mehr.

Hierzulande sind Aktivisten vor allem mit dem Namen Elliott verbunden. Ursprünglich hatte sich der Fonds in Deutschland darauf spezialisiert, in anlaufende Übernahmen börsennotierter Unternehmen hinein Aktien aufzukaufen und erst gegen eine Prämie wieder auszusteigen; Pionierfall war einst das Ringen um Wella. Inzwischen hat Elliott sein Spektrum erweitert, zettelt Revolten gegen Konzernstrategien an, in den vergangenen zwei Jahren etwa in den Dax-Konzern Bayer und SAP und im Stahlkonzern Thyssen-Krupp, der inzwischen aus der obersten deutschen Börsenliga abgestiegen ist. Der Investor Cevian kaufte sich in Thyssen-Krupp und Bilfinger ein, mit gehörigem Misserfolg.

Verteidigen kann man sich nur mit Erfolg am Kapitalmarkt

Manager anderer Großkonzerne machen sich keine Illusionen: Es kann auch sie treffen. BASF etwa, der größte Chemiekonzern der Welt, hält das für denkbar, zumal angesichts des niedrigen momentanen Aktienkurses. „Das Risiko, dass BASF bei der aktuellen Marktkapitalisierung das Ziel einer Übernahme oder von aktivistischen Investoren angegriffen werden könnte, ist nicht auszuschließen“, sagte Vorstandschef Martin Brudermüller vergangene Woche auf der Online-Hauptversammlung. Sich verteidigen kann man nur mit Erfolg am Kapitalmarkt. Eine Strategie, „die zum einen die Zukunftspotenziale aufzeigt und damit auch dann zu einer verbundenen korrekten Abbildung unseres Wertes am Kapitalmarkt führt, sind eigentlich die wirkungsvollsten Instrumente gegen eine ungewollte Einflussnahme“, sagte Brudermüller.

In Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren als aggressiver Investor Active Ownership Capital (AOC) etabliert. Sein erster großer Auftritt war im Jahr 2016 die Attacke gegen Stada, die dazu führte, dass der damals im Börsensegment M-Dax notierte Pharmakonzern jetzt in den Händen von Private Equity liegt. Heute ist AOC unter anderem im Windkraftentwickler PNE engagiert, neben dem kleinen aktivistischen Aktionär Enkraft Capital.

Den bizarrsten Fall bietet momentan der Maschinenbauer Francotyp-Postalia, in dem AOC zweitgrößter Aktionär hinter dem Investor Rolf Elgetí ist. Hier versucht der Aufsichtsrat unter AOC-Gründungspartner Klaus Röhrig seit Februar erfolglos den Vorstandsvorsitzenden Rüdiger Andreas Günther abzusetzen und hat den Ersatzkandidaten Carsten Lind in den Vorstand geschickt. Beide arbeiten jetzt dort nebeneinander.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Smolka, Klaus Max
Klaus Max Smolka
Redakteur in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.