Betrug um Finanzdienstleister

Banker fordert Konsequenzen für Wirecard-Prüfer

Von Tim Kanning
Aktualisiert am 16.09.2020
 - 07:44
Hat Wirecard über Jahre geprüft: Der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young
Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY hat dem Zahlungsdienstleister über mehrere Jahre Jahresabschlüsse testiert, obwohl darin Luft verbucht worden war. Trotz des Skandals triumphiert die deutsche Börse.

Über die nötigen Lehren aus dem Wirecard-Skandal wird in Bankerkreisen viel diskutiert. In ungewohnt klaren Worten hat sich nun ein führender Investmentbanker für Konsequenzen für die Wirtschaftsprüfer ausgesprochen. „Wenn ein Wirtschaftsprüfer nicht sorgfältig arbeitet, muss er auch dafür haften“, sagte Hendrik Riehmer, persönlich haftender Gesellschafter der Berenberg-Bank, am Dienstag in einem Pressegespräch. Bislang sei die Haftung in solchen Fragen nicht ausreichend geklärt. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY hatte dem inzwischen insolventen Zahlungsdienstleister über mehrere Jahre seine Jahresabschlüsse testiert, obwohl sich inzwischen herausstellte, dass darin viel Luft verbucht worden war.

Ohne sich konkret zum Fall Wirecard äußern zu wollen, sagte Wolfgang Fink, der Europa-Chef der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs: „Natürlich verlassen sich Marktteilnehmer darauf, dass das, was veröffentlicht wird, auch richtig ist.“ Die Standards dafür müssten daher streng kontrolliert werden.

Positiver Effekt auf die Aktienkultur?

„Im Fall von Wirecard wurde immer wieder bestätigt, dass alles in Ordnung ist“, sagte Riehmer weiter. Auf dieser Grundlage hätten viele Banken und Analysten die Aktie zum Kauf empfohlen. Auch der Finanzaufsicht Bafin nun Versäumnisse vorzuwerfen sei unfair. „Die Wirtschaftsprüfer haben versagt. Das muss strukturelle Konsequenzen haben. Sonst kann es jederzeit wieder vorkommen“, sagte Riehmer.

Obwohl die beiden Investmentbanker von ausländischen Investoren viele Fragen zum Fall Wirecard und der deutschen Regulierung bekämen, stellen beide derzeit ein ungewöhnlich hohes Interesse an deutschen Unternehmen fest. Zu einer Konferenz der beiden Banken in der nächsten Woche, auf der sich deutsche Unternehmen internationalen Investoren präsentieren können, hätten sich in diesem Jahr 70 Prozent mehr Geldgeber angemeldet als im vergangenen Jahr.

Das zeige das große Interesse ausländischer Investoren an Deutschland, sagte Fink. Dadurch, dass das Treffen in diesem Jahr virtuell im Internet stattfinde, seien diesmal auch viele Investoren dabei, die früher nicht dafür nach Deutschland gereist wären, sagte Riehmer. Wenn die Corona-Krise dazu führe, dass Investoren und Unternehmen engeren Kontakt halten könnten, könnte sich das positiv auf die deutsche Aktienkultur auswirken.

Die hohe Liquidität von vor der Krise ist zurück

Deutschland komme bislang vergleichsweise gut durch die Krise, was zum Teil mit der Eindämmung der Corona-Pandemie zu tun habe, aber auch mit den staatlichen Stützungsmaßnahmen für die Wirtschaft. Auch deshalb stehe der deutsche Leitindex Dax inzwischen wieder nahe seinem Rekordhoch, während viele andere europäische Aktienindizes noch immer 20 bis 30 Prozent unter dem Niveau von vor der Corona-Krise lägen. Hier spiegele sich auch die Erwartung der Investoren, dass der Dax mit seinen vielen Exportunternehmen besonders stark profitieren werde, wenn die Weltwirtschaft sich wieder erhole.

Dass mehrere Aktienmärkte trotz der Corona-Krise auf Höchstständen stehen, sieht Berenberg-Banker Riehmer nicht als Zeichen einer Überbewertung. Die hohe Liquidität, die vor der Krise an den Märkten war, sei nun zurück. Investoren hätten die Möglichkeit gehabt, zwischen solchen Titeln zu wählen, die von der Krise profitieren können (wie Internet- und Gesundheitskonzerne) und solchen, die durch sie geschwächt werden.

Aus heutiger Sicht könnten die Bewertungen etwas teuer wirken. Aber wenn man damit rechne, dass die Pandemie bis zum nächsten Sommer mit breitflächigen Impfungen in den Griff bekommen wird, sei mit einer raschen Erholung der Weltwirtschaft zu rechnen. „Die Dax-Bewertung wird sich eher noch weiter erhöhen, als dass sie runtergeht“, sagte Riehmer.

In einer früheren Version dieses Artikels war davon die Rede, dass sich beide zitierten Banker für Konsequenzen für die Wirecard-Prüfer ausgesprochen hätten. Wolfgang Fink legt wert darauf, dass er zu dem konkreten Fall keine Stellung beziehen wollte.

Quelle: F.A.Z.
Autorenpoträt / Kanning, Tim (kann.)
Tim Kanning
Redakteur in der Wirtschaft.
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