Aktie im Blick

Bayer ist kein Fass ohne Boden

Von Jonas Jansen
06.07.2021
, 15:48
Bayer-Werk in Leverkusen
An der Börse ist der Pharma- und Agrarchemiekonzern weniger wert, als er einst für Monsanto bezahlt hat. Der Glyphosat-Streit lastet auf der Aktie, doch Analysten sind optimistisch.

Bayer-Aktionäre machen einiges mit. Im vergangenen Jahr war das Papier der schwächste Wert im Dax. Wer sich kurz vor Vollzug der Übernahme des amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto im Juni 2018 zum Kauf entschlossen hat, sieht ein Minus von fast 50 Prozent im Depot. Und auch in diesem Jahr geht es für die Anteilseigner noch nicht richtig bergauf. Der Rückschlag für den Impfstoffhersteller CureVac hat zwar im Falle des Produktionspartners aus Leverkusen – Bayer hilft dort in Vertrieb und Herstellung mit – wenig Auswirkung auf den Kurs gehabt, auch weil sich an den Produktionsplänen zunächst nichts ändert.

Doch lastet der Rechtsstreit in Amerika rund um die angeblich krebserregende Wirkung des glyphosathaltigen Unkrautvernichters Roundup gleichzeitig seit Jahren schwer auf dem Aktienkurs des Pharma- und Agrarchemiekonzerns. Auch schreckt viele Aktionäre die zuletzt abgeblasene Vergleichsverhandlung mit einem amerikanischen Richter ab, wobei es Uneinigkeit vor allem um den Umgang mit zukünftigen Fällen geht. Von den mehr als 125.000 Klagen in den Vereinigten Staaten hat Bayer zwar schon gut 96.000 abgehakt. Dafür zahlt der Konzern zwischen 8,8 und 9,6 Milliarden Dollar, die schon in der Bilanz verbucht sind. Das Unternehmen ist zuversichtlich, dass für zukünftige Fälle nicht mehr als die vorher angepeilten weiteren 2 Milliarden Dollar nötig sein werden.

Neue Klagen drohen

Aber genau daher rührt die Unsicherheit: Als kürzlich eine abermalige Glyphosat-Klage in Amerika angekündigt wurde, sackte der Kurs sogleich wieder ab. Zwar hätte Bayer mit seinem ursprünglich geplanten Vergleich einen Aufpreis bezahlt, aber dafür mit dem Komplex abschließen können - nun ist der Konzern nicht mehr von Wohl und Wehe eines einzelnen Richters abhängig, dafür könnten neue Klagen drohen.

Gleichzeitig will sich Bayer bis zum obersten amerikanischen Gerichtshof durchkämpfen, um möglichen Klägern aus niedrigeren Instanzen die Argumentationsgrundlage zu entziehen. Um sich zudem zukünftig vor Klägern zu schützen, die angeben, an dem Non-Hodg­kin-Lymphom (NHL) erkrankt zu sein, ändert der Konzern die Zusammensetzung seines Unkrautvernichters für Privatanwender. Mehr als 90 Prozent der Kläger geben an, diese Produkte benutzt zu haben, seine Umsätze erzielt der Konzern aber vor allem mit professionellen Anwendern wie Landwirten.

UBS empfiehlt den Kauf

Für die Analysten der Schweizer Bank UBS ist diese Entwicklung ein Zeichen dafür, dass es mit der Aktie von Bayer bald bergauf gehen könnte. Der Glyphosat-Streit sei kein "Fass ohne Boden", schreiben die Analysten Michael Leuchten, Laura Sutcliffe und Petrina-Oana Carcota in einer kürzlich veröffentlichten Studie. Auf 19 Seiten analysieren sie die jährlich neu registrierten Fälle von NHL in Amerika, die mittlere gezahlte Summe je Kläger und wie sich der Rechtsstreit dementsprechend weiter entwickeln könnte.

Die UBS empfiehlt das Papier zum Kauf und sieht einen Preis von 85 Euro als realistisches Ziel. Die UBS-Analysten gehen nämlich auch davon aus, dass Bayer zumindest einmal in diesem Jahr seine eher zurückhaltende Prognose erhöhen wird, weil die Agrarsparte robust sei. Selbst in der schlimmsten Projektion, in der Bayer gut das Doppelte, nämlich 20 Milliarden Dollar, für den Glyphosat-Streit zahlen muss und außerdem den stark nachgefragten Blutverdünner Xarelto nicht mit einem neuen Blockbuster-Medikament aus der eigenen Forschungsabteilung ersetzen kann, rechnen die Analysten noch mit einem Aktienkurs von 42 Euro – was einem Rückgang um knapp 20 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau entspräche.

Gleichwohl muss festgehalten werden, dass die UBS-Analysten seit Jahren die Bayer-Aktie sehr positiv bewerten, seit April 2018 empfehlen sie das Papier zum Kauf – und das lange mit einem Preis von mehr als 100 Euro, als die Aktie gleichzeitig bei weniger als der Hälfte herumdümpelte. Andererseits rechnen auch andere Analysten grundsätzlich mit steigenden Kursen (siehe Tabelle).

Für die Aktie spricht jedenfalls das KGV, das Kurs-Gewinn-Verhältnis, das derzeit bei 7,42 liegt. Im Schnitt kommen die Dax-Konzerne auf ein KGV von knapp 15, Bayer ist also vergleichsweise günstig. Allerdings eben auch risikoreich, viele Nachhaltigkeitsfonds etwa stehen dem Papier skeptisch gegenüber. Zwar hat auch Bayer wie andere Großkonzerne längst eine Klimastrategie vorgelegt und erst in dieser Woche ein Dekarbonisierungsprogramm auch für die Landwirtschaft in Europa vorgelegt, doch werden die Nachhaltigkeitsanstrengungen des Unternehmens im Vergleich zu anderen Konzernen noch wenig wahrgenommen.

Daran ändern auch die Auftritte von Bayer-Chef Werner Baumann nichts: Im Frühjahr hat der Vorstandsvorsitzende seinen Aktionären langfristige Wachstumsziele verkündet, im Aktienkurs spiegelt sich der positive Ausblick noch nicht wider. Kritisch sehen auch Analysten die Ansicht von Bayer, dass sie für das Augenmedikament Eylea und vor allem für den Gerinnungshemmer Xarelto Nachfolger finden, die zuverlässig jedes Quartal Milliarden einspielen und deren Patente zur Mitte des Jahrzehnts auslaufen.

Bayer konzentriert sich stark auf Investitionen in Biotechnologie und damit auf persönlich zugeschnittene Heilungsmethoden für Krankheiten wie etwa Zell- und Gentherapien gegen Parkinson. Ein einzelnes Medikament, das Xarelto ablösen könnte, ist derzeit allerdings nicht in Sicht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jansen Jonas
Jonas Jansen
Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.
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