Widersprüchliche Daten

Der Aktienmarkt im Inflationsgefängnis

Von Martin Hock
12.05.2021
, 13:31
Höher als erwartet ist die Inflation in den USA im April gewesen. Doch im Gegensatz zum Anleihenmarkt ist die Reaktion am Aktienmarkt geringfügig. Die Notenbanken werden weiterhin vorbeugen.

Die Inflationsfurcht scheint die Aktienmärkte im Griff zu haben. Nach der Aussage von EZB-Direk­to­ri­ums­mit­glied Isabel Schna­bel, sie halte Infla­ti­ons­ra­ten von mehr als 3 Prozent für Deutsch­land vorüber­ge­hend für möglich, gaben der Standardwerteindex Dax und der 100 Werte umfassende, marktbreite F.A.Z.-Index schon am Diens­tag um 1,8 Prozent auf 15.120 Zähler und 2625 Punkte nach.

Die Anleger hinge­gen beschäf­tig­te noch mehr die Frage, ob die Infla­ti­on in Ameri­ka steigt und damit höhere Leitzinsen nach sich ziehen könnte. Nach den am Mittwochmittag vorgelegten Zahlen sind die Verbraucherpreise in den USA im gegenüber dem Vorjahresmonat mit 4,2 Prozent deutlich stärker gestiegen, als durchschnittlich mit 3,6 Prozent erwartet.

Wer darauf eine deutliche Reaktion erwartet hatte, sah sich zunächst bestätigt, dann getäuscht. Der Terminkontrakt auf den S&P-500-Index fiel kurze Zeit deutlich, aber am Ende gab der Index im frühen Handel nur um 0,7 Prozent nach. Das ist vielleicht nicht so schön, aber kein Beinbruch. Der F.A.Z.-Index rutschte ebenfalls kurz ab und kehrte dann wieder auf das Niveau des Vortagesschluss zurück, auf dem er schon den ganzen Tag gehandelt hatte.

Widersprüchliche Daten

Ist es also doch nicht so weit her mit der Inflationsfurcht in den Vereinigte Staaten? Das wäre wohl zu kurz geschlossen. Viel eher ist es so, dass die aktuellen Konjunkturdaten widersprüchlich und bisweilen schwer einzuordnen sind. So stieg nach der Veröffentlichung vom Freitag etwa die offizielle Arbeitslosenrate in den Vereinigten Staaten.

Das stehe im Widerspruch zu allen Wirtschaftsindikatoren, schreibt Axel Botte, Marktstratege des französischen Investmenthauses Ostrum. Er sieht darin Friktionen, zum einen durch starke demografische Trends, zum anderen aber auch durch eine gedämpfte Erwerbsbeteiligung aufgrund der staatlichen Einkommens­transfers und des erhöhten Arbeitslosengelds. Denn jede Verlangsamung der Erholung sorge gleichzeitig zur Aufrechterhaltung der aktuellen Geldpolitik. Das aber sorgt wieder dafür, dass die alten Trends intakt blieben, weil nicht nur die Nominalzinsen niedrig blieben, sondern die Realzinsen weiter fielen. Damit aber können sich sogenannte Wachstumsunternehmen weiter günstig finanzieren, nach Abzug der Inflation sogar noch günstiger.

Die andere Rezession

Aber entgegen einer höheren Arbeitslosenquote ist die Zahl der offenen Stellen mit 8,1 Millionen im März auf ein Rekordhoch gestiegen. Gleichzeitig aber hielten die Neueinstellungen damit nicht Schritt. Für einige Analysten unterstreicht dies Engpässe auf dem Arbeitsmarkt. In einer Reihe von Branchen herrsche schon ein Mangel an qualifizierten Beschäftigten.

Diese Widersprüchlichkeit und die damit einhergehende reduzierte Aussagekraft vieler derzeit veröffentlichter Daten ist ein großes Problem für die Märkte und zeigt alles in allem, dass die Corona-Rezession sich nicht nur quantitativ und dynamisch, sondern auch qualitativ von fast allen früheren Rezessionen unterscheidet. Anders als bei diesen bedeutete die Pandemie für weite Teile der Wirtschaft nicht eine Verlangsamung der ökonomischen Aktivität, sondern einen Abriss.

Es ist etwa davon auszugehen, dass Menschen in Zukunft wieder mehr reisen. Aber auch wieder etwa im selben Umfang sorglos in die Türkei? Wie weit wird sich der Einzelhandel erholen? Wird der Kneipenbesuch noch das alte Niveau erreichen?

Es ist ähnlich wie bei einem Fußballspiel: Wie eine Mannschaft nach der Pause, in der sie hat nachdenken und Dinge überdenken können, wieder in den Tritt kommt, kann sich maßgeblich davon unterscheiden, wenn sie nur zwischenzeitlich mal ihre Spielweise etwas defensiver gestaltet hat.

Schrödingers Katze

Nichtsdestoweniger schauen die Märkte auf die Inflationszahlen. Zwar wird man die Eröffnung der Wall Street abwarten müssen, doch tendenziell sollten die Daten zulasten der Wachstumswerte gehen. Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe zog jedenfalls von 1,62 auf 1,65 Prozent an. Das ist zwar nicht viel, mithin aber doch eine deutliche Bestätigung des Aufwärtstrends der vergangenen Tage, neue Renditehochs von mehr als 1,74 Prozent sind nicht auszuschließen. Auch die Break-even-Rate der inflationsgeschützten Anleihen stieg deutlich auf ein neues Hoch von 2,59 Prozent für die zehnjährige Anleihe. Dies ist die Inflationsrate von der die Märkte für diesen Zeitraum ausgehen. Noch stärker, von 2,75 auf 2,95 Prozent, zogen die zweijährigen Erwartungen an.

Dass die Aktienmärkte dennoch weniger stark reagieren, liegt daran, dass sie nicht so unmittelbar wie die Anleihenmärkte vom Inflationsanstieg betroffen sind. Im Gegenteil gelten Aktien ja grundsätzlich bis zu einem gewissen Grad als Inflationsschutz. Vor allem aber sind im Endeffekt die Zinsen ausschlaggebend. Und die amerikanische Notenbank wird ihre Geldpolitik wohl erst einmal nicht ändern wird, und zwar solange sie höhere Inflationsraten als vorübergehend betrachten kann, so dass man durch diese „hindurchschauen“ müsse.

Diese Argumentation ist durchaus valide, denn die Verzerrung der Inflationsraten ist eine Tatsache. Im April 2020 lag der Preis für amerikanisches Rohöl bei durchschnittlich 16,70 Dollar. Im April 2021 waren es 61,69 Dollar. Dieser Rekord-Anstieg um das 3,7-fache innerhalb von zwölf Monaten ist aber mehr durch die außergewöhnlichen Marktverhältnisse des Vorjahres als durch die aktuellen Umstände bedingt.

Die Frage beim Versuch „durchzuschauen“ ist nur, dass nicht klar ist, ob das, was man zu sehen glaubt, auch das ist, was da kommt. Und dann ist da noch Schrödingers Katze: Die geldpolitische Leitlinie der Federal Reserve beeinflusst die Erwartungen. Herrscht Vertrauen, dass die Notenbank die Inflation im Griff hat, sind diese niedriger als im umgekehrten Fall. Und bleiben die Erwartungen niedrig, bleibt auch der Preisanstieg niedriger.

Derzeit aber ist die Nachfrage nach inflationsgeschützten Anleihen (TIPS) so hoch, dass das amerikanische Finanzministerium die Emissionen nun schrittweise um eine Milliarde Dollar je Monat erhöhen will und insgesamt das Volumen gegenüber dem Jahr 2020 von 10 auf 20 Milliarden Dollar steigen wird. Die Nachfrage werde durch den Anstieg der Rohstoffpreise angeheizt, was im Gegensatz zur Leugnung der Realität der Inflation durch die Fed stehe, schreibt Fachmann Botte.

Alles in allem ist davon auszugehen, dass der jüngste volatile Seitwärtstrend der Märkte also erhalten bleibt. Normalisierung und „Reflation Trade“ kommen tendenziell Substanzwerten und Rohstoffen zugute und gehen zulasten von Wachstumswerten und Anleihen - so zeigt sich auch der amerikanische Aktienmarkt am Mittwoch. Doch Fiskal- und vor allem die Geldpolitik stützen diese andererseits und so könnten fallende Kurse über kurz oder lang wieder als Einstiegsgelegenheit in Wachstumswerte gesehen werden, so wie dies am Dienstag der Fall war, als der weniger technologielastige Dow-Jones-Index um 1,4 Prozent nachgab, der Nasdaq-100 dagegen fast unverändert schloss.

Jede Verschiebung im aktuellen Stimmungsgefüge bewirkt entsprechende Änderungen in der Positionierung. Solange die Notenbanken weder einräumen müssen, dass ihre Inflationsauffassung irrig ist, und so lange speziell die Fed noch ihre arbeitsmarktpolitische Zielsetzung nicht als erfüllt betrachten kann, solange dürfte das Spannungsgefüge aufrecht erhalten bleiben. Und dabei ist noch nicht einmal gesagt, dass die Notenbanken nicht am Ende Recht behalten.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hock, Martin
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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