Delivery Hero

Das hässliche Entlein im Dax

Von Christoph Scherbaum
23.07.2021
, 12:32
Im September 2015 übernahm Delivery Hero den Restaurant-Lieferdienst Foodora vom bisherigen Besitzer Rocket Internet.
Der Aktienkurs ging steil nach oben, das Wachstum ebenfalls. Trotzdem gibt es auch zwölf Monate nach dem Aufstieg von Delivery Hero in den Dax Kritik. Vor allem: Wann liefert der Essenslieferant unter dem Strich endlich Gewinn?

Die Deutsche Börse hat im vergangenen Jahr eine Dax-Reform auf den Weg gebracht, deren Regeln von September 2021 an wirksam werden. Wichtigster Impulsgeber für die angedachten Änderungen war die Insolvenz des Zahlungsabwicklers und damaligen Dax-Mitglieds Wirecard. Jedoch dürfte auch die Kritik am Indexaufstieg von Delivery Hero ein wichtiger Grund für einige der neuen Regeln gewesen sein, als das Unternehmen Ende August 2020 in die oberste Börsenliga aufstieg.

An erster Stelle der Reform steht die Ausweitung des Dax von 30 auf 40 Werte. Schon seit vergangenem Dezember gilt, dass künftige Dax-Kandidaten vor der Aufnahme ein positives Ebitda in den zwei vergangenen Finanzberichten aufweisen müssen. Genau das ist der Haken beim Aufstieg von Delivery Hero. Denn der im Jahr 2011 in Berlin gegründete Essenslieferdienst hat in den vorigen Jahren zwar ein steiles Wachstum hingelegt, unter dem Strich blieben operativ bisher aber nur Verluste.

„So sehr man sich darüber freuen kann, dass ein weltweit agierendes Wachstumsunternehmen Mitglied des Dax ist, so sehr muss man zugleich die Frage stellen, ob Delivery Hero dort richtig aufgehoben ist“, sagt Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Die Antwort auf diese Frage habe die Deutsche Börse selbst gegeben: „Die Börse selbst sagt, dass Delivery Hero eigentlich nicht in den Dax gehören sollte. Die neuen Voraussetzungen für eine Aufnahme in die Auswahlindizes beinhalten ausdrücklich, dass man in der Vergangenheit zumindest operativ einen Gewinn erwirtschaftet haben muss.“

Hohe Investitionen

Zumindest bei den Berlinern dürfte es auch in diesem Jahr nichts mit den Gewinnen werden. Für 2021 stellt das Management eine bereinigte EBITDA-Marge gemessen am Bruttowarenwert (Gross Merchandise Volumen, GMV) zwischen minus 1,5 und minus 2 Prozent in Aussicht. Die Ergebnisse werden unter anderem durch hohe Investitionen belastet, heißt es. Das Unternehmen investiert demnach nicht nur in neue Märkte wie Japan oder Vietnam, sondern auch in Angebote abseits der Zustellung von fertigen Gerichten. Auf diese Weise will Delivery Hero von der sich ständig weiterentwickelnden Kundennachfrage nach Komfort und Geschwindigkeit profitieren.

Es werden insbesondere sogenannte Dmarts hochgezogen. Darunter versteht das Unternehmen kleine, Delivery-Hero-eigene Lagerhäuser an strategisch relevanten Standorten, mit deren Hilfe Kunden sehr schnell mit Lebensmitteln und Produkten des täglichen Bedarfs beliefert werden sollen. Ziel ist es, mit den Dmarts und durch Partnerschaften mit lokalen Geschäften die Waren in weniger als einer Stunde und oft sogar binnen 10 bis 15 Minuten zu den Kunden zu bringen. Das im August unter der Marke „foodpanda“ startende Angebot in Berlin sieht sogar die Lieferung von Lebensmitteln und den sogenannten Quick-Commerce-Artikeln zum Teil innerhalb von 7 Minuten vor.

Starke Wachstumszahlen

Das Ganze klingt so spannend und innovativ, dass viele Anleger auf Delivery Hero setz(t)en. Solche Wachstumsinitiativen, diverse Zukäufe, die Digitalisierung, aber auch der Umstand, dass Menschen im Zuge der Corona-Krise häufiger zu Hause bleiben mussten, haben Delivery Hero einen zusätzlichen Schub verliehen. 2021, im Jahr des zehnjährigen Jubiläums, liegt das GMV-Ziel bei 31 bis 34 Milliarden Euro, während die Umsätze zwischen 6,1 und 6,6 Milliarden Euro betragen sollen. Im Vorjahr kletterten die Erlöse um 95 Prozent auf 2,8 Milliarden Euro, während das GMV um 66 Prozent auf 12,4 Milliarden Euro stieg. Das sind Wachstumszahlen, von denen andere Konzerne nur träumen können.

Dieser Corona-Wachstumskurs setzte sich auch zu Beginn des Jahres fort. Im ersten Quartal wurde laut Unternehmen gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Anstieg der Bestellungen um 88 Prozent auf 663 Millionen verzeichnet, während das GMV um 83 Prozent auf 7,8 Milliarden kletterte und der Umsatz um 116 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro wuchs. Damit verzeichnete Delivery Hero das neunte Quartal in Folge ein Umsatzwachstum von etwa 100 Prozent.

Die Frage nach dem operativen Gewinn

So weit so gut. Stellt sich für einen Investor aber nicht doch die Frage, wann das Unternehmen endlich operativ Gewinn machen will? Während Corona war dies wohl eher nebensächlich, denn da wurde Delivery Hero von vielen Anlegern als ein in der Corona-Pandemie besonders aussichtsreicher „Stay-at-home“-Titel gehandelt.

Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. Bild: Christoph Scherbaum

Nachdem die Aktie im Zuge des Corona-Crashs im März 2020 kurzfristig auf 50 Euro zurückgeschlagen wurde, gingen die Notierungen in den Steilflug über. Dabei kletterte die Aktie bis zum Januar 2021 auf ein neues Rekordhoch von 145,40 Euro. Zwar ging sie anschließend in den Seitwärtsflug, der übergeordnete Aufwärtstrend ist aber weiter intakt, da die Papiere nach wie vor über der 200-Tage-Linie notieren. Für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends spricht die längere Kursentwicklung. Seit dem Börsengang im Juni 2017 (Eröffnungskurs: 26,90 Euro) verzeichnet die Aktie ein Plus von 354 Prozent.

Analysehäuser mit hohen Kurszielen

Seitens der Analysehäuser wird die Aktiengeschichte von Delivery Hero überwiegend als attraktiv angesehen. Jefferies hat jüngst das Kursziel von 155 auf 180 Euro angehoben und rät zum Kaufen der Aktie. Nur unwesentlich niedriger fällt das Kursziel der Credit Suisse aus. Die Schweizer sehen dieses bei 170 Euro. Jüngste Marktdaten ließen auf ein Gutes zweites Quartal schließen.

Was nach einem Jahr Dax-Zugehörigkeit von Delivery Hero bleibt, ist wohl die Erkenntnis, dass es richtig ist, im Dax nur Unternehmen zu haben, die schon bewiesen haben, dass sie Geld verdienen und nicht nur über eine durchaus spannende Wachstumsgeschichte verfügen. „Auch für Delivery Hero selbst war die Aufnahme in den Dax nicht nur von Vorteil. Der gesamte Konzern ist auf Wachstum gedrillt, was man an den eigens kreierten und allein wachstumsorientierten Kennzahlen ablesen kann“, sagt Aktionärsschützer Tüngler.

Ob in der jetzigen Unternehmensphase von Delivery Hero „die einem Dax-Wert angemessene sowie notwendige Aufmerksamkeit in den Disziplinen Governance und Compliance“ vorherrsche, könne man nur hoffen, sagt Tüngler weiter: „Mit Sicherheit bestand oder besteht aber ein ordentlicher Aufholbedarf. Auch hier muss das Unternehmen noch wachsen.“ Am 12. August, fast genau ein Jahr nach dem Dax-Aufstieg, präsentiert Delivery Hero sein „Trading Update“ zum zweiten Quartal. Man darf nicht nur auf die Zahlen sondern auch auf den Ausblick gespannt sein.

Quelle: F.A.Z./kpa.
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