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Schicksal der Anleihegläubiger

Was wurde eigentlich aus den Mittelstandspleiten?

Von Martin Hock
 - 12:20

Mehr als sechs Jahre ist es nun her, dass mit dem Windkraftzulieferer SIAG Schaaf der erste Emittent einer sogenannten Mittelstandsanleihe zahlungsunfähig wurde. Ihm folgten im Laufe der Jahre mehr als 40 weitere Emittenten. Die meisten gingen in die Insolvenz.

Das Schicksal der Anleihegläubiger war so unterschiedlich wie das der Unternehmen selbst. Während die Gläubiger des Immobilien-Unternehmens Golden Gate noch auf bis zu 70 Prozent ihres Investments hoffen können und fast 50 Prozent schon erhalten haben, dürften etwa die Gläubiger der Enterprise Holding oder der Getgoods AG so leer ausgehen wie am Ende die Gläubiger der SIAG Schaaf.

Von den Unternehmen selbst ist mehr übrig geblieben, wenn auch nicht immer so, wie man sie einst kennen konnte oder unter demselben Namen. So heißt ein Großteil der KTG Agrar heute Deutsche Agrarholding. Die „MS Deutschland“ schippert zeitweise unter dem Namen „World Odyssey“ als schwimmende Universität über die Weltmeere, und das Servicegeschäft des Biogas-Unternehmens MT-Energie läuft unter Regie der Sercoo Group weiter. Insgesamt wurde fast jedes dritte Unternehmen am Ende zerschlagen.

Übertragene Sanierung

Mehr als jedes vierte wurde entweder ganz oder teilweise liquidiert. Vom Versicherer Enterprise bleibt nichts, und auch Air Berlin fliegt nicht mehr, außer den Flugzeugen, die andere Gesellschaften gekauft haben, und einer kleinen Teilgesellschaft. Und auch der Verkauf bringt nicht immer die Rettung: Getgoods etwa konnte vom neuen Eigentümer Conrad Electronic nicht rentabel gemacht werden und stellte kurz nach der Übernahme den Betrieb ein.

Ein ebenfalls häufig beschrittener Weg war die übertragende Sanierung, neudeutsch: „Asset Deal“. In diesem Fall wurden die Vermögenswerte ganz oder teilweise an einen Investor verkauft. Daraus entstand eine neue Gesellschaft, häufig mit dem gleichen Namen.

Ein Beispiel ist das Mode-Unternehmen René Lezard. Gut 14 Monate ist es her, dass der Konzern einen Insolvenzantrag stellte. Nach Jahren schrumpfender Umsätze und roter Zahlen war in der Restrukturierung ein Investor abgesprungen.

Aktien statt Anleihe

Nun steht der Neustart an, nicht mehr als GmbH, sondern als AG. Eine ungenannt bleibende Investorengruppe kaufte die Firmenimmobilie in Schwarzach. Dafür erhielt sie 30 Prozent der AG. Keiner der Einzelinvestoren hält mehr als 25 Prozent. Aus den Erlösen wurden die Nicht-Anleiheschulden mit einer Quote von zehn Prozent abgelöst.

Für die Anleihegläubiger, mit 15 Millionen Euro der wesentliche Teil der Gläubiger, gab es kein Geld, sondern die übrigen 70 Prozent des Unternehmens, das nun mit rund 2,5 Millionen Euro bewertet wird, so dass die Anleihegläubiger zumindest rechnerisch auf eine Insolvenzquote von etwas mehr als 10 Prozent kommen. Im Vergleich zu den anderen Insolvenzen ist das recht viel: In mehr als jedem zweiten Verfahren wird voraussichtlich nichts für die Anleihegläubiger übrig bleiben, so dass eine Quote von 10 Prozent schon über dem Mittel liegt.

Allerdings besteht noch Hoffnung auf mehr. Denn die neue René Lezard soll in den kommenden Monaten an die Börse gehen. Dass eine günstige Kursentwicklung den Schmerz der Gläubiger lindern kann, zeigt der Fall des Landmaschinenhändlers Ekotechnika. Im Dezember 2015 hatten die Gläubiger gleichfalls Aktien für ihre ausgefallene Anleihe erhalten. Seitdem hat sich der Kurs etwa verdreifacht, so dass die Aktien statt ursprünglich rund 10 Prozent des Anleihewerts heute mehr als 30 Prozent wert sind – immerhin.

Online-Handel verschlafen

Auch das neue Management von René Lezard würde wohl gern eine ähnliche Entwicklung sehen. Zum einen soll dazu eine neue Strategie helfen. „Zurück zu den Wurzeln“, sagt Isabella Hierl, seit Mitte Februar Vorstandschefin der neuen René Lezard. „Wir wollen dem erwachsenen Konsumenten stilvolle, qualitativ hochwertige, zeitlose Mode bieten.“ Das Unternehmen will mit einem klaren Fokus auftreten und erst einmal „keine Experimente machen“. Eine neue Damenhosen-Kollektion unter dem Markennamen Lezard ist geplant. Ein neuer Ansatz ist zudem die Zusammenarbeit mit Touristik-Unternehmen in der Hoffnung, den eigenen Geschäften zahlungskräftigte asiatische Kundschaft zuzuführen.

Aufräumen will man mit Schwachstellen. So habe das Unternehmen seinerzeit den Online-Handel verschlafen. Die Technik sei veraltet gewesen, etwa nicht mobilfähig, sagt Ralf Meinerzag, Rentenspezialist der Frankfurter Investmentbank Steubing. Meinerzag managte seinerzeit einen Fonds, der auch zahlreiche Anleihen des Unternehmens hielt. Am Ende fiel Steubing auf diese Weise ein Anteil in knapp zweistelliger Prozenthöhe zu.

„Im Grunde war die Insolvenz damit auch eine Chance“, sagt Meinerzag. Dass man sie habe nutzen können, sei einer exzellenten Zusammenarbeit im Gläubigerausschuss zu verdanken. „Alle Beteiligten haben an einem Strang gezogen. Das wollten wir auch erreichen und haben etwa auch die hochmotivierten Mitarbeiter des Hauses mit einem Sitz im Ausschuss freiwillig miteinbezogen.“ Das habe dazu beigetragen, das Insolvenzverfahren zügig und reibungslos zu durchlaufen,.

Quelle: F.A.Z.
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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