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Die Börse 2019

Börsenneulingen droht ein schweres Jahr

Von Hanno Mußler
 - 09:38

Obwohl in Europa im zweiten Halbjahr 2018 mehr als zwanzig Börsengänge (IPOs) mangels Nachfrage abgeblasen werden mussten, war 2018 für die Deutsche Börse, gemessen an der Zahl der Neulinge, das beste IPO-Jahr seit 2007. Gemessen am Emissionsvolumen, war es sogar das beste seit dem Rekordjahr 2000, als die ersten Internet-Unternehmen die Anleger in Euphorie versetzt hatten. Angesichts der seit diesem Herbst stark schwankenden Aktienkurse und hoher politischer Risiken wie Handelskriege und Brexit fällt der IPO-Ausblick von Investmentbankern auf dieses Jahr aber nun ungewohnt vorsichtig aus. „Ich rechne 2019 mit einem Sägezahnjahr an der Börse, das heißt mit guten und schlechten Phasen“, sagt Joachim von der Goltz, der für die Credit Suisse das Geschäft mit Aktienemissionen leitet. Wenn professionelle Anleger bereit seien, sich bietende Chancen zu ergreifen, seien um die fünf Börsengänge mit einem Emissionsvolumen von mindestens 200 Millionen Euro in Deutschland realistisch, meint von der Goltz.

Achim Schäcker von der Bank HSBC rechnet damit, dass angesichts des Ende März anstehenden Brexits erheblich weniger Börsenneulinge als üblich vor Ostern eine Aktienplazierung wagen werden. „Die wenigsten werden in diesem Jahr das erste IPO-Zeitfenster im März/April anstreben. Vielmehr wird die überwiegende Mehrheit der Emittenten einen Börsengang im Mai/Juni und im September/Oktober planen“, erwartet Schäcker. „Angesichts der Konzentration auf zwei Zeitfenster wäre es ein gutes IPO-Jahr, wenn wir in Deutschland noch einmal mehr als zehn größere Börsengänge sehen würden“, sagte der Leiter des Aktienemissionsgeschäfts von HSBC.

An Börsenkandidaten mangelt es nicht

Jens Voß von der Commerzbank sieht es ähnlich. „Wir beobachten, dass viele Kandidaten ihren Börsengang für den Frühsommer planen. Dann sollten in Deutschland mehr als fünf Börsengänge gelingen, aber ob es ein gutes Gesamtjahr mit mehr als zehn Börsengängen wird, ist derzeit angesichts der politischen Risiken nicht zu sagen“, sagt der Leiter des Aktienemissionsgeschäftes der Commerzbank.

An Börsenkandidaten mangelt es nicht. Auch in Deutschland mussten 2018 einige Unternehmen – etwa der Elektrorollerhersteller Govecs, der Pharmahändler Abacus, die Beteiligungsholding Primepulse und der Anlagenbauer Exyte – ihren Börsengang abblasen und könnten bei passender Marktlage 2019 einen neuen Anlauf nehmen. Außerdem prüfen der Modediscounter Takko und ab 2020 der Prothesenhersteller Ottobock einen Börsengang. Zudem will Volkswagen seine Nutzfahrzeugsparte namens Traton abtrennen und Continental seine Antriebssparte an die Börse bringen. Auch Daimler will seine Nutzfahrzeugsparte separieren. Ob daraus ein Börsengang wird, ist aber unklar. 2018 gehörten die Plazierungen abgespaltener Sparten zu den größten Brocken am IPO-Markt: Siemens brachte seine Gesundheitssparte Healthineers an die Börse, die Deutsche Bank ihre Tochtergesellschaft DWS. Zusammen mit Knorr Bremse verkauften diese drei Unternehmen allein Aktien im Wert von 9,4 Milliarden Euro und standen damit für 80 Prozent des Emissionsvolumens.

Anders als 2018, als die Eigner Healthineers- und DWS-Aktien verkauften, dürften in diesem Jahr Sparten häufiger anders an die Börse kommen. So könnte etwa auch der Industriekonzern Thyssen-Krupp seine geplante Aufspaltung so vollziehen, dass die Anleger kein Geld aufbringen müssen. Schließlich haben zum Beispiel früher schon Bayer-Aktionäre automatisch Lanxess-Aktien erhalten und Metro-Aktionäre automatisch Ceconomy-Papiere. „Generell gilt: Wer sich von etwas trennt, will am liebsten auch Erlöse“, weiß von der Goltz. Aber der Dax steht eben heute rund 20 Prozent tiefer als vor einem Jahr. Entsprechend lassen sich auch für Börsenneulinge nur geringere Preise durchsetzen. Wem das als Verkäufer zu niedrig ist, kann für eine Sparte an der Börse zusätzliche Aktien ausgeben und davon einen Teil selbst behalten – in der Hoffnung, von anschließend steigenden Kursen zu profitieren.

Neue Aktien als Dividenden

Siemens etwa hat das so mit seiner Lichtsparte Osram vorgemacht. „Käufer und Verkäufer müssen zum Zeitpunkt der Abspaltung keinen Preis finden. Die Bewertungsproblematik entfällt“, nennt von der Goltz als Vorteil. Schäcker hält das Gelingen einer Abspaltung in der Regel für viel sicherer als einen Börsengang. Er geht davon aus, dass weitere Unternehmensvorstände derartige Abspaltungen planen. Von der Goltz warnt aber vor falschen Vorstellungen: „Manche Anleger werden nach der Aufspaltung eines Unternehmens in zwei Teile nicht beide Aktien halten wollen. Ich muss als Vorstand schon für beide Unternehmen sicherstellen, dass es Analystenstudien gibt. Und ich muss für beide Aktien gezielt werben.“ Sonst könnte zumindest der Kurs einer der Aktiengesellschaften schnell Verluste erleiden.

Allerdings haben viele Börsenneulinge schon im Jahr 2018 den Anlegern hohe Verluste eingebrockt, allen voran die DWS (gut 20 Prozent zum Ausgabepreis) und Home 24 (rund 50 Prozent). Healthineers und Knorr Bremse sind fast die einzigen positiven Ausnahmen. Schäcker zieht daraus folgende Lehren für 2019: „Ganz wichtig wird sein, dass Unternehmen bereits vor dem Start ihres Börsengangs mit ihren zukünftigen Großanleger im engen Dialog stehen, ihre Emissionsstruktur auf das Investorenfeedback abstimmen und sich quasi einen Fanclub aufbauen. Das wird großen Unternehmen leichter gelingen als kleinen.“ Von der Goltz bestätigt: „Amerikanische Investoren, die in der Regel für mindestens 20 Prozent der Nachfrage bei einem deutschen IPO stehen, wollen gerade jetzt besonders liquide Aktien und fordern deshalb oft ein Emissionsvolumen von mindestens 400 Millionen Euro.“ Schäcker hält zudem eine niedrige Verschuldung für ein wichtiges Erfolgskriterium. Voß sieht den Trend, dass etwa Immobiliengesellschaften wie Vonovia und Deutsche Wohnen ihre Kapitalstruktur optimieren, indem sie Dividenden nicht nur bar auszahlen, sondern ihren Aktionären auch die Option bieten, neue Aktien als Dividenden zu beziehen.

Einig sind sich die Experten darin, dass kleine Unternehmen es derzeit schwerer haben, einen Börsengang zu schaffen. „Im Vergleich zu großen erfordern die Plazierungen kleinerer Unternehmen derzeit einen Liquiditätsabschlag“, sagt Voß. Diesen Preisabschlag hält von der Goltz inzwischen sogar für so groß, dass er damit rechnet, dass viele nicht börsennotierte Aufkäufer zugreifen. Für Schäcker müssten dafür die Kurse wider Erwarten noch weiter sinken. Aber er betont: „Für den Börsenerfolg von Wachstumsunternehmen wird es entscheidend bleiben, ihren Investoren das zukünftige Wachstums- und Gewinnpotential zu vermitteln und sie von der Einzigartigkeit des Geschäftsmodells zu überzeugen.“ Kopien fänden oft wenig Resonanz am Kapitalmarkt. „Wenn Investoren am Erfolg des Geschäftsmodells zweifeln, ziehen sich Anleger bei Börsenneulingen schnell und leicht zurück“, sagt Schäcker. Das gelte gerade in unruhigen Börsenphasen wie diesen.

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Quelle: F.A.Z.
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
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