Geldpolitik

Die EZB lässt die Geldschleusen offen

Von Christian Siedenbiedel
10.06.2021
, 13:55
Trotz zunehmender Entspannung in der Corona-Krise will die Europäische Zentralbank ihre Krisenhilfen fortsetzen. Die Anleihekäufe sollen weiter „signifikant“ höher sein als in den ersten Monaten des Jahres.

Die Europäische Zentralbank (EZB) behält ihre ultralockere Geldpolitik zunächst bei. Das hat die Notenbank am Donnerstag nach der Juni-Sitzung des EZB-Rates mitgeteilt. Die Anleihekäufe im Rahmen des Krisenprogramms sollten weiterhin „signifikant“ umfangreicher ausfallen als in den ersten Monaten des Jahres.

Die Leitzinsen ließen EZB-Präsidentin Christine Lagarde und die anderen Ratsmitglieder unverändert. Der Schlüsselsatz zur Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld liegt bereits seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. „Der EZB-Rat geht davon aus, dass die EZB-Leitzinsen so lange auf ihrem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau bleiben werden, bis er feststellt, dass sich die Inflationsaussichten in seinem Projektionszeitraum deutlich einem Niveau annähern, das hinreichend nahe, aber unter 2 Prozent liegt, und dass sich diese Annäherung in der Dynamik der zugrunde liegenden Inflation durchgängig widerspiegelt“, schreibt die Notenbank.

Es geht um viel: Die EZB stützt Europas Wirtschaft damit weiterhin mit vielen Milliarden. Im Vorfeld der Sitzung des EZB-Rates war darüber spekuliert worden, ob die Notenbank in Anbetracht der Impffortschritte und der Lockerungen für die Wirtschaft vielleicht schon ein stärkeres Signal in Richtung Beendigung der Anleihekäufe geben könnte.

Der Ökonom Friedrich Heinemann vom Forschungsinstitut ZEW kommentierte: „Bei einer Mehrheit im EZB-Rat herrscht offenbar die Sicht vor, dass sich die Eurozone nur dann erholen kann, wenn die langfristigen Zinsen auf ihrem historisch niedrigen Niveau verbleiben. Diese Sichtweise überzeugt in einem Umfeld der kräftigen Konjunkturerholung immer weniger.“

Unterschiedliche Meinungen im EZB-Rat

Seit April drückt die Notenbank zusätzlich aufs Gas: Die EZB hatte im zweiten Quartal das Tempo der Anleihekäufe für das Krisenprogramms PEPP erhöht. Sie hatte das Volumen des Programm bei 1,85 Billionen Euro belassen, aber angekündigt, zwischen April und Juni solle die Zahl der gekauften Anleihen „signifikant“ oberhalb des bisherigen Niveaus liegen. Damit wollte sie „günstige Finanzierungskonditionen“ für die Unternehmen sicherstellen. Soll heißen: Die EZB reagierte auf einen Anstieg der Renditen am Markt für Staatsanleihen, der unter Umständen auch eine Verteuerung von Unternehmenskrediten bewirken und so den Aufschwung nach der Corona-Krise vorzeitig bremsen könnte. Für jedes weitere Quartal soll das Tempo neu festgelegt werden.

Wie stark die Notenbank jetzt schon an die Zeit nach der Corona-Krise denken soll, ist im EZB-Rat umstritten. Manche südeuropäische Länder wollen die Geldpolitik besonders lange locker halten. Bundesbankpräsident Jens Weidmann dagegen ermahnte zuletzt mehrmals, mit dem Ende der Krise müsse die Notenbank unbedingt auch ihren Kurs ändern: „Die Geldpolitik im Euroraum ist der Preisstabilität verpflichtet und muss ihre Zügel wieder straffen, wenn es der Preisausblick gebietet“, hob Weidmann hervor.

Die EZB sieht sich im Moment mit steigenden Inflationsraten konfrontiert - hält diese aber für ein vorübergehendes Phänomen im Krisenausklang. Die Inflation in der Eurozone hatte im Mai erstmals 2 Prozent getragen. Das war der höchste Stand seit immerhin zweieinhalb Jahren. Das Ziel der EZB von „unter, aber nahe 2 Prozent“ ist also eigentlich erreicht bis leicht überschritten. Allerdings betrachtet die EZB ihr Ziel „mittelfristig“. Und die mittelfristigen Projektionen der Notenbank sehen bislang niedrigere Inflationsraten vor.

Sehr verschiedene Inflationsraten in den Eurostaaten

Zudem sind die Inflationsraten in den verschiedenen Euroländern recht unterschiedlich. Deutschland gehörte im Mai mit einer Inflationsrate von 2,4 Prozent nach europäischer Berechnungsweise und von 2,5 Prozent nach nationaler Berechnungsweise in die obere Gruppe. Sicherlich sieht man auch deshalb das Thema in Deutschland dringlicher als in manchen anderen Ländern an - zudem ist die Sensibilität für das Thema Inflation in Deutschland ohnehin besonders hoch, vermutlich aus historischen Gründen.

Die höchste Inflationsrate in der Eurozone hatte zuletzt Luxemburg mit immerhin 4 Prozent. Im Laufe des Jahres wird auch für Deutschland in einzelnen Monaten mit 4 oder womöglich sogar 5 Prozent gerechnet. In anderen Euroländern sind die Werte zum Teil deutlich niedriger. So hat Griechenland nach wie vor eine negative Inflationsrate von minus 1,1 Prozent. Dort sinken die Preise also weiterhin im Durchschnitt. Portugal, dessen Inflationsrate bis vor kurzem auch noch negativ war, ist jetzt bei plus 0,5 Prozent angekommen.

Am stärksten gestiegen waren in der Eurozone zuletzt die Energiepreise, um 13,1 Prozent. In Deutschland hatten sich allein Kraftstoffe auf Jahressicht um mehr als ein Viertel verteuert. Aber auch viele andere Rohstoffe und manche Vorprodukte wie Computerchips, alles rund um den Bau und viele Dinge des täglichen Bedarfs wie Gemüse sind teurer geworden. Es sei nicht mehr allein ein Energie-Thema, meinte Karsten Junius, Chefvolkswirt der Bank J. Safra Sarasin.

Kommt noch mehr Inflation aus Amerika nach Europa?

Der frühere EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing hatte am Mittwoch auf einer Veranstaltung Sorge darüber geäußert, dass Amerika Europa noch höhere Inflationsraten bescheren könnte. „Ob das Inflationsgespenst vorbeihuscht, wissen wir nicht", sagte der Ökonom. Preisschübe gebe es ja aus allen möglichen Richtungen. „Ob daraus eine größere Inflation wird, entscheidet sich in Amerika“, meinte Issing. Die neue Strategie der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, vorübergehend ein Überschießen der Inflationsrate über das Inflationsziel von zwei Prozent hinzunehmen, sei „relativ inflationsanfällig“.

Wenn die Inflation erst mal richtig ins Laufen komme, könnte es kostspielig sein, sie aufzuhalten, warnte Issing. Es sei riskant für eine Notenbank, sich in einer solchen Situation der Unsicherheit für längere Zeit auf einen weiter expansiven Kurs festzulegen: „Wenn ein Schiff durch den Nebel segelt, sollte man nicht das Steuer festbinden“, sagte Issing. Daraus könnte ein globales Risiko werden.

Quelle: FAZ.NET
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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