EZB-Ratssitzung

Die Notenbank lässt die Schleusen weiter offen

Von Christian Siedenbiedel
22.04.2021
, 14:07
Die EZB bekräftigt die lockere Ausrichtung ihrer Geldpolitik. Amerikanische Banken spekulierten zuletzt, es könnte womöglich im Sommer einen Kurswechsel geben.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die lockere Ausrichtung ihrer Geldpolitik bekräftigt. Am Donnerstag nach der monatlichen Sitzung des EZB-Rates teilte die Notenbank mit, das Krisen-Anleihekaufprogramm PEPP werde bis auf weiteres wie gehabt fortgesetzt. Auch den Leitzins ließ die Notenbank unangetastet.

„Da die eingehenden Informationen die auf der geldpolitischen Sitzung im März vorgenommene gemeinsame Beurteilung der Finanzierungsbedingungen und der Inflationsaussichten bestätigten, geht der EZB-Rat davon aus, dass die Ankäufe im Rahmen des PEPP im laufenden Quartal weiterhin in einem deutlich höheren Tempo als in den ersten Monaten des Jahres erfolgen werden“, heißt es in der Erklärung zu den Beschlüssen.

Der Euro war schon vor der Bekanntgabe der Beschlüsse leicht gestiegen. Am Mittag kostete die Gemeinschaftswährung 1,2056 Dollar und damit etwas mehr als am Morgen. Die EZB hatte den Referenzkurs am Mittwochnachmittag noch auf 1,2007 Dollar festgesetzt.

Der Ökonom Friedrich Heinemann vom Forschungsinstitut ZEW Mannheim kommentierte: „Es ist abzusehen, dass die Entscheidungsfindung im EZB-Rat in der zweiten Jahreshälfte wesentlich konfliktreicher werden wird als bisher.“ Mit der steigenden Euro-Inflationsrate und der weiteren wirtschaftlichen Erholung stelle sich immer drängender die Frage, wann der Ausstieg aus dem Krisenprogramm PEPP beginne.

Auf ihrer vorigen Zinssitzung im März hatte die EZB angekündigt, ihre Anleihekäufe zwar nicht ausweiten zu wollen, aber das Tempo vor allem beim Krisenprogramm PEPP im zweiten Quartal, also von April an, erhöhen zu wollen. Damit wollte die Notenbank auf einen Anstieg der Renditen am Markt für Staatsanleihen reagieren. Sie wollte verhindern, dass die Finanzierungsbedingungen für Haushalte und Unternehmen sich vorzeitig verschlechtern und so eine Erholung aus der Krise erschweren. In einigen Wochen seit der vorigen Sitzung fielen die Anleihekäufe höher aus, in anderen nicht.

Goldman Sachs riet zum „Shorten“ langlaufender Anleihen

Durch den als vorübergehend betrachteten Anstieg der Inflation in den ersten Monaten dieses Jahres will die Notenbank nach eigenen Angaben „hindurchschauen“. Nach negativen Werten gegen Ende des vergangenen Jahres lag die Inflationsrate für die Eurozone im Januar und Februar bei 0,9 Prozent und im März bei 1,3 Prozent. Es wird damit gerechnet, dass sie im Jahresverlauf noch stärker ansteigt. Die Ursachen seien aber Sonderfaktoren, argumentiert die EZB, die mit der Corona-Krise zusammenhängen. Schon für das kommende Jahr erwartet die Notenbank wieder eine niedrigere Inflation. Die Notenbank verfolgt mittelfristig das Ziel einer Inflation von „unter, aber nahe 2 Prozent“.

In der nächsten Sitzung des EZB-Rates im Juni soll über das weitere Tempo der Anleihekäufe gesprochen werden. Spekuliert worden war an den Anleihemärkten zuletzt, ob es irgendwann Signale über einen beginnenden Ausstieg aus den Anleihekäufen („Tapering“) geben könnte oder die Notenbank ihre Anleihekäufe zumindest nicht weiter ausweitet. Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs hatte daraus sogar eine Strategie abgeleitet und empfohlen, langlaufende Bundesanleihen zu verkaufen. Das Bankhaus Metzler dagegen schreibt in einem Marktbericht, nach seiner Einschätzung seien diese Erwartungen „dann doch etwas zu früh“.

Unternehmen erwarten weniger Inflation als Haushalte

Unterdessen schreibt die Bundesbank in ihrem aktuellen Monatsbericht, der Lockdown und das Auslaufen der Mehrwertsteuersenkung zum Jahreswechsel hätten die deutsche Wirtschaft im ersten Quartal 2021 ausgebremst: „Die Wirtschaftsleistung in Deutschland verringerte sich im ersten Viertel dieses Jahres.“ Ausführlich berichtet die Bundesbank aus einer Befragung, an der in mehreren Runden mehr als 30.000 Unternehmen teilnahmen.

Den Angaben zufolge erwarten diese für die kommenden zwölf Monate im Durchschnitt eine Teuerung von 1,5 Prozent. Auch für die zurückliegenden zwölf Monate schätzten sie die Inflation in dieser Größenordnung. Das war deutlich weniger, als ebenfalls befragte Haushalte angaben: Diese rechnen für die nächsten zwölf Monate mit einer Inflationsrate von 2,4 Prozent und schätzten die Inflation der vergangenen zwölf Monate im Schnitt auf 2,7 Prozent.

Die Bundesbank befragte die Unternehmen auch, wie stark sie die befristete Mehrwertsteuersenkung im vergangenen Jahr weitergegeben hätten. Gut ein Drittel gab an, die Preise im Durchschnitt über alle Produkte etwa in Höhe der Mehrwertsteuersenkung reduziert zu haben. Mehr als die Hälfte hingegen ließ den Umfrageergebnissen zufolge die Preise nahezu unverändert. Manche gaben an, es wäre zu viel Aufwand gewesen, die Preise für kurze Zeit zu ändern. Andere begründeten den Schritt damit, sie müssten ihre coronabedingten Einbußen aufbessern.

Ferner antworteten etwa 5 Prozent der Unternehmen, ihre Preise trotz der Mehrwertsteuersenkung erhöht zu haben. Die Bundesbank schreibt weiter, die Analysen deuteten an, dass sich die Preissenkungen zu Beginn der Mehrwertsteuersenkung und die Anhebungen danach ungefähr ausglichen, so dass es keine dauerhaften Auswirkungen auf das gesamtwirtschaftliche Preisniveau gebe.

Quelle: FAZ.NET
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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