E-Mobilität

Es muss nicht immer Tesla sein

Von Dyrk Scherff
31.10.2020
, 10:27
Trotzdem: Es geht auch ohne Tesla.
Der Elektroautobauer Tesla ist die teuerste Autofirma der Welt. Auch andere Aktien der E-Mobilität können Freude machen.

Ein Elektroauto-Boom ist es noch nicht, aber könnte es bald werden. Die Zulassungszahlen für Neuwagen steigen in diesem Jahr kräftig. Lagen sie in Deutschland jahrelang bis zum Januar unter 10.000 pro Monat, waren es im September schon 40.000. Der Anteil an allen Neufahrzeugen stieg von 4 auf 15 Prozent. Die erhöhte staatliche Förderung hilft dabei kräftig mit. Auch in anderen Ländern steigt die Nachfrage.

Wer davon als Anleger profitieren will, muss nicht gleich wieder zur Aktie von Tesla greifen, dem wohl bekanntesten Wert der Branche. Das fällt zwar gerade schwer, weil Tesla zuletzt schon für das fünfte Quartal infolge einen Gewinn vermeldet hat. Das war dem Pionier unter den Batterieautoherstellern bisher noch nie gelungen. Der Aktienkurs stieg daraufhin abermals um 5 Prozent und hat sich seit Januar mehr als vervierfacht.

Aber die Aktie ist jetzt auch hoch bewertet. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von mehr als 200 riecht nach einer gigantischen Übertreibung. Zumindest ist das Risiko für Anleger, jetzt noch einzusteigen, sehr hoch. Da reicht es schon, wenn das Wachstum mal etwas geringer ausfallen sollte – schon kann der Kurs schnell einbrechen. Zumal die Konkurrenz für Tesla in den kommenden Jahren immer stärker werden wird: Aus Europa von etablierten Herstellern, aber auch aus China mit dem Auto- und Batteriehersteller BYD, dessen Aktienkurs sich in diesem Jahr mehr als verdreifacht hat, aber nun gleichfalls astronomisch hoch bewertet ist.

Da lohnt sich ein Blick auf andere Profiteure des Elektroauto-Aufschwungs, die Zulieferer: Ladesäulenbetreiber, Batterieproduzenten, Rohstoffförderer und sogar Reifenhersteller. Sie finden sich auch zunehmend an der Börse, entweder als Spezialisten oder als Teil größerer Konzerne, die neben der Elektrosparte noch andere Geschäftsfelder haben.

Ein Neuling unter ihnen ist seit ein paar Tagen an der Börse: Compleo, ein Entwickler und Hersteller von Ladesäulen. Das Dortmunder Unternehmen entstand 1948 als Schaltschrankhersteller EBG. Mit dem neuen Schwerpunkt wächst Compleo kräftig, schließlich wird das Netz an Ladesäulen gerade mit staatlicher Unterstützung stark ausgebaut. 2019 stieg der Umsatz um 13 Prozent, im ersten Halbjahr 2020 verdoppelte er sich hingegen schon. Compleo lieferte in den vergangenen elf Jahren 25 000 Ladesäulen aus, davon 22 000 in Deutschland. Mit den Erlösen des Börsenganges soll die Expansion in Europa vorangetrieben und die Forschung ausgebaut werden.

Die Aussichten sind wegen des starken Netzausbaus gut, aber die Konkurrenz ist groß. Auch bekannte Anbieter wie ABB, Schneider Electric und Alfen buhlen um Aufträge. Der amerikanische Konkurrent Chargepoint plant ebenfalls einen Börsengang und will auch nach Europa expandieren. Der Compleo-Börsengang lief etwas holprig. Die Aktien wurden zu 49 Euro und damit im unteren Bereich der geplanten Preisspanne an die Aktionäre zugeteilt. Der erste Kurs lag 10 Prozent niedriger, stieg dann etwas, erreichte aber nicht mehr den Ausgabekurs. Allerdings war es wegen der Corona-Sorgen auch insgesamt eine schwache Börsenwoche – kein gutes Umfeld für eine Neuemission.

Ein weiteres deutsches Unternehmen, das vom Elektro–Boom profitieren könnte, ist der Darmstädter Batteriehersteller Akasol. Er liefert die Zellen aber bisher nicht für private Elektroautos, sondern für Busse, Lastwagen, Gabelstapler und Schienenfahrzeuge. Er hat namhafte Kunden gewonnen, unter anderem Alstom, Bombardier und Rolls-Royce. Gerade hat Akasol seine neue Fabrik am Stammsitz eröffnet. Der Umsatz ist im ersten Halbjahr coronabedingt leicht unter Vorjahresniveau gerutscht, der Verlust ist gestiegen. Die Notierung liegt dennoch deutlich im Plus. Der Kurs stieg seit Januar um 60 Prozent.

Die Batteriehersteller rücken sowieso stark in den Mittelpunkt. Schließlich sind die Batterien das neue Herzstück der Elektroautos. Allerdings sind Akasol wie auch der deutsche Wettbewerber Voltabox vergleichsweise kleine Lieferanten, das Geschäft wird von den Asiaten dominiert, vor allem von Samsung. Wer diese Aktie kauft, muss aber auch auf das umkämpfte Mobilfunk- und Fernsehergeschäft des Herstellers vertrauen. Tesla wird hingegen von Panasonic beliefert.

Mit Batterien lässt sich aber auch noch anders Geld verdienen. Einzelne Komponenten dafür liefert Hella, dessen Aktie sich seit dem März-Tief mehr als verdoppelt hat. Der spanische Zulieferer Gestamp mit Werk in Bielefeld baut Aluminiumboxen für Batterien. Und für die Zellen selbst werden spezielle Rohstoffe benötigt, derzeit vor allem Lithium. Auch andere Rohstoffe wie Grafit, Kupfer, Aluminium und Kobalt werden verstärkt in Elektroautos benötigt, während Blei und mit Zeitverzug auch Platin und Palladium an Bedeutung verlieren werden. Anleger können über Zertifikate direkt in die aussichtsreichsten Rohstoffe investieren. Oder in Aktien von Unternehmen, die sie abbauen. Zum Beispiel des Lithium-Weltmarktführers Albemarle oder von Glencore und First Quantum Minerals, die Kupfer und Nickel fördern. Aktien des deutschen Laserherstellers Trumpf könnten schließlich davon profitieren, dass damit auch das Kupfer in den Elektroautos verschweißt wird.

Bild: F.A.S.

An eine andere Gruppe von Zulieferern denkt man hingegen kaum, wenn man Profiteure der Elektromobilität sucht: die Reifenhersteller. Die Autos beschleunigen stärker als Verbrennerwagen und haben wegen der schweren Batterie ein sehr hohes Gewicht. Das erhöht den Verschleiß. Hinzu kommt der Wunsch nach weniger Rollwiderstand, um die Reichweite zu erhöhen. Alle großen Hersteller forschen daher derzeit intensiv an neuen Reifen für Stromer. Wer da vorne liegen wird, ist noch nicht absehbar. Die wichtigen Anbieter wie Pirelli, Michelin, Goodyear oder Conti sind an der Börse notiert. Anleger kaufen sich dann aber auch das bisher noch dominierende Geschäft mit Reifen für Benzin- und Dieselwagen ein, Conti liefert zudem noch weitere Komponenten neben den Reifen. Diese klassischen Geschäftsmodelle sind derzeit mit der kriselnden Autobranche ebenfalls unter Druck.

Anleger, denen das Risiko von Einzelwerten zu groß ist, können auch spezielle Indexfonds (ETF) kaufen, die mehrere Unternehmen aus dem Batteriesektor und der Elektromobilität beinhalten. Dann sind die Risiken besser verteilt. Die Gebühren sind mit 0,15 bis 0,49 Prozent im Jahr im Vergleich zu klassischen Fonds geringer. Angeboten werden zum Beispiel der L&G Battery Value-Chain und der WisdomTree Battery Solutions. Einen etwas anderen Schwerpunkt setzen der iShares Electric Vehicles and Driving Technology und der aktuell besonders günstige Lyxor MSCI Future Mobility ESG Filtered.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Scherff, Dyrk
Dyrk Scherff
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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