Prognosen 2020

Ende der Wall-Street-Hausse nicht in Sicht

Von Norbert Kuls
Aktualisiert am 06.12.2019
 - 09:36
Wo steigt der Aktienmarkt noch hin?
Einflussreiche Strategen prognostizieren für 2020 überwiegend Kursgewinne. Zu den Unwägbarkeiten gehört die Präsidentenwahl.

Nach einem überraschend starken Jahr an den amerikanischen Aktienbörsen geben sich die Marktstrategen an der Wall Street für 2020 verhalten optimistisch. Eine Auswahl von Fachleuten großer Banken rechnet für den Aktienindex S&P-500 im Durchschnitt mit weiteren Kursgewinnen von rund 5 Prozent. Ende des nächsten Jahres stünde der Index dann bei 3272 Punkten. In diesem Jahr lag das breit gefasste Marktbarometer zuletzt mehr als 24 Prozent im Plus.

Optimisten wie Jonathan Golub von der Schweizer Credit Suisse rechnen allerdings mit stärkeren Aufschlägen von mehr als 10 Prozent im Vergleich zum aktuellen Niveau von rund 3080 Zählern. Als Stützungsfaktoren führt Golub umfangreiche Rückkäufe eigener Aktien durch Unternehmen sowie stärker wachsende Gewinne an. Pessimisten wie Mike Wilson von der Investmentbank Morgan Stanley rechnen dagegen mit einem schwächeren Wachstum der Profite. Wilson prognostiziert daher Kursverluste von mehr als 3 Prozent für den S&P-500 bis zum Jahresultimo 2020.

Der Trend der Unternehmensgewinne spielt für die Entwicklung der Aktienkurse langfristig die größte Rolle, weil Aktien Anteile an Unternehmen verbriefen. Insgesamt rechnen Analysten für 2020 durchschnittlich mit einem Gewinnwachstum von knapp 10 Prozent für die im S&P-500 abgebildeten Konzerne. Für 2019 gehen Analysten nach Angaben des Informationsdienstes Factset einen Monat vor dem Ende des vierten Quartals allerdings von insgesamt stagnierenden Gewinnen aus - auch wenn die Bilanzsaison für das dritte Quartal nicht so schlecht ausgefallen war wie befürchtet.

Marktstrategen müssen nun eine Antwort auf die Frage finden, wie stark die Erwartungen schon von den Kursen reflektiert werden. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 17,6 auf Basis der für das Jahr 2020 erwarteten Gewinne ist der S&P-500 nach Angaben von Factset überdurchschnittlich hoch bewertet. Für die vergangenen zehn Jahre lag der Wert bei knapp 15. Das KGV misst, ob Aktien vergleichsweise günstig oder teuer sind.

Prognosen werden allerdings flexibel gehandhabt und im Fall von starken Kursausschlägen oft angepasst. Vor einem Jahr hatten Marktstrategen für Ende 2019 im Durchschnitt 3100 Punkte für den S&P-500 avisiert. Damit hätten sie durchaus richtig gelegen. Nach starken Kursverlusten im Dezember 2018 hatten einige Fachleute ihre Prognosen aber deutlich zurückgenommen - nur um sie ein paar Monate später angesichts einer kräftigen Kurserholung wieder anzuheben.

Fed beeinflusst die Börse

Beflügelt wurde die Kurserholung in diesem Jahr von drei Leitzinssenkungen der Fed, die damit die potentiell negativen Auswirkungen des amerikanisch-chinesischen Handelsstreits abzufedern versucht. Nachrichten von den Verhandlungen standen in diesem Jahr häufig im Mittelpunkt des Geschehens an den Börsen. Die zuletzt offenbar gemachten Fortschritte auf dem Weg zu einem Handelsabkommen gaben den Kursen Auftrieb. Besonders sensibel reagieren die Aktienkurse von Unternehmen, die stark von der globalen Konjunkturentwicklung abhängen, etwa des Flugzeugbauers Boeing oder des Baumaschinenherstellers Caterpillar.

Die Leitzinssenkungen in diesem Jahr stützten insgesamt zyklische, also konjunktursensible Titel wie Banken oder Grundstoffhersteller. Die Führungsrolle hatten abermals Technologiewerte inne, die wichtigste Triebfeder der seit mehr als zehn Jahren anhaltenden Aktienhausse. Der Composite-Index der elektronischen Börse Nasdaq, an der viele Technologiewerte wie Apple oder Microsoft notiert sind, ist in diesem Jahr um knapp 30 Prozent gestiegen. Der Aktienkurs von Apple, gemessen am Börsenwert das wertvollste amerikanische Unternehmen, ist um mehr als 60 Prozent geklettert, der Kurs des Softwareriesen Microsoft hat um rund 45 Prozent zugelegt.

Mit einem Ende der Hausse, also einem Rückschlag von mindestens 20 Prozent, rechnet unter den führenden Marktstrategen niemand. „Wir halten es für ein größeres Risiko, nicht in Aktien investiert zu sein“, sagte Nancy Tengler, Chefanlegerin des Vermögensverwalters Tengler Wealth Management, dem „Wall Street Journal“. Tengler setzt auf große Konzerne und zyklische Titel. „Es ist noch nicht Zeit, defensiv zu werden“, meint sie und glaubt, dass es zwischen den Vereinigten Staaten und China zu einem Handelsabkommen kommen werde. Eine defensive Strategie besteht aus Anlagen in Aktien, deren Kurse weniger sensibel auf konjunkturelle Schwankungen reagieren und beständige Dividenden versprechen. Dazu gehören traditionell Gesundheitsaktien und nichtzyklische Konsumwerte wie Hersteller von Zahnpasta oder Babywindeln.

Eine große Unwägbarkeit im kommenden Jahr stellen die Präsidentenwahlen im November da. Neben dem Präsidenten wird wie alle zwei Jahre auch das gesamte Repräsentantenhaus sowie ein Drittel des Senats neu bestimmt. Marktstratege David Kostin von der Investmentbank Goldman Sachs glaubt, dass die anstehenden Wahlen den S&P-500 im kommenden Jahr über weite Strecken in einer engem Handelsspanne halten werden.

„Ein beständiger Gewinnzyklus und anhaltendes Wirtschaftswachstum werden den S&P 500 im Frühjahr 2020 bis auf 3250 Punkte bringen“, prognostiziert er. Für den Rest des Jahres erwartet er wegen der Wahlen eine Seitwärtsbewegung der Kurse. Kostin hält weiter am Ziel von 3400 Punkten bis Ende 2020 fest, macht das aber vom Ausgang des Urnengangs abhängig.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kuls, Norbert (nks.)
Norbert Kuls
Freier Autor in der Wirtschaft.
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