Neue Euroscheine

Abschied von Brücken, Toren und Fenstern

Von Christian Siedenbiedel
06.12.2021
, 19:09
Euro
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Das Euro-Bargeld wird 20 Jahre alt. Die EZB nimmt das zum Anlass, um das Aussehen der Scheine zu ändern. Die Bürger sollen dabei diesmal mitreden.
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Es war ein ungewöhnlicher Kompromiss. Als am 1. Januar 2002 das Eurobargeld eingeführt wurde, konnte man auf den Scheinen keine echten Gebäude oder Persönlichkeiten entdecken. Darauf hatten sich die Regierungen der noch jungen Währungsunion nicht verständigen können. Stattdessen wurden abstrakte, fast allegorische Brücken, Tore und Fenster dargestellt, die jeweils einen unterschiedlichen Baustil der Geschichte Europas repräsentieren sollten – von der Klassik bis zur Architektur des 20. Jahrhunderts.

Jetzt wird das Euro-Bargeld 20 Jahre alt. Aus diesem Anlass will die Europäische Zentralbank (EZB) die Scheine nun völlig neu gestalten. Anders als im Jahr 2013, als es nur eine kleine Auffrischung des Designs mit neuen Farben gab, sollen diesmal auch die Darstellungen selbst verändert werden. Es soll neue, andere Themen geben, die auf den Geldscheinen behandelt werden. Darüber soll jetzt diskutiert werden – und zwar mit Beteiligung der Bürger, wie die EZB am Montag ankündigte. Entscheiden soll zwar der EZB-Rat, das oberste geldpolitische Gremium der Notenbank. Aber die Bürger sollen mitreden können.

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Bargeld moderner machen

EZB-Präsidentin Christine Lagarde deutete an, dass es auch deshalb wichtig sei, die Banknoten moderner zu gestalten, damit das Bargeld in Zeiten der Digitalisierung und des geplanten digitalen Euro weiter auf der Höhe der Zeit bleibe: „Die Euro-Banknoten werden bleiben“, hob Lagarde hervor. Sie seien „ein greifbares und sichtbares Symbol“ dafür, dass Europa zusammenstehe, insbesondere in Krisenzeiten. Zudem würden sie nach wie vor stark nachgefragt. „Nach 20 Jahren ist es an der Zeit, das Aussehen unserer Banknoten unter die Lupe zu nehmen und sie so zu gestalten, dass sich Europäerinnen und Europäer unabhängig von Alter oder Hintergrund besser mit ihnen identifizieren können“, sagte Lagarde. EZB-Direktoriumsmitglied Fabio Panetta hob hervor: „Wir wollen Euro-Banknoten entwickeln, mit denen sich die Bürgerinnen und Bürger in Europa identifizieren können und die sie mit Stolz verwenden.“

Wenn die EZB-Spitze so sehr betont, dass die Bürger sich in Zukunft mit den Scheinen identifizieren sollen, dann scheint sie in dieser Frage aktuell Defizite zu sehen. Zwar ist die Zustimmung zum Euro heute deutlich höher als sie es etwa zu Zeiten der Eurokrise war. Aber die EZB würde sich wohl noch etwas mehr emotionale Begeisterung wünschen. Die abstrakten Darstellungen auf den Euroscheinen waren zwar vermutlich gut dafür, vor der Euroeinführung Streit zwischen den Eurostaaten zu vermeiden, weil sonst jedes Land gern seine Gebäude auf den Scheinen gesehen hätte. Hinsichtlich der Identifikationsmöglichkeiten der Bürger aber scheint es Luft nach oben zu geben.

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Geldscheine haben schließlich, auch wenn sie Alltagsgegenstände sind, durchaus Symbolcharakter. Viele Nationen haben darauf ihre Helden abgedruckt, wie die Vereinigten Staaten etwa George Washington auf der Ein-Dollar-Note. Bei der Einführung des Euro war dies seinerzeit nicht so einfach, weil es sich ja um gemeinsames Geld für unterschiedliche Staaten handeln sollte.

Womöglich ist man aber jetzt, da sich der Euro stärker etabliert hat, in dieser Frage nicht mehr ganz so vorsichtig. Ob den Euro also in Zukunft auch Pop- oder Rockmusiker, Schauspieler oder Stars des Internets zieren können, um das Bargeld jüngeren Menschen näherzubringen? Die EZB schließt offenbar zunächst nichts aus – und zeigt sich für alle Möglichkeiten offen. Einer, der davon berichten kann, wie man vor der Euroeinführung um die Motive für die Geldscheine gerungen hat, ist Otmar Issing, der frühere Chefvolkswirt der Bundesbank. Er erzählt etwa, dass die Franzosen einen Schein mit dem Konterfei Napoleons vielleicht gut gefunden hätten. Aber deren Nachbarn, die lange unter der napoleonischen Besetzung zu ächzen hatten, waren weniger begeistert. Manche meinten, man könnte sich vielleicht auf Karl den Großen einigen, erzählt Issing.

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Europäische Gebäude wie das Kolosseum, der Eiffelturm oder das Brandenburger Tor hätten vielleicht nahegelegen. Aber auch mit diesen Symbolen der einzelstaatlichen Geschichte wollten die jeweils anderen Länder offenbar nicht bezahlen. Am Schluss einigte man sich auf die etwas ungewöhnliche Lösung, abstrakte Bauwerke zu wählen, die zwar in keinem Land des Euroraums existierten, aber gleichsam symbolisch für Stilrichtungen der europäischen Geschichte stehen.

Ob das jetzt viel leichter wird? Eine Schwierigkeit jedenfalls hat sich sogar verschärft. Damals gab es zwölf Euroländer und es wurden Motive für nur sieben Scheine gesucht, so dass es mehr Länder als Banknoten gab. Mittlerweile aber gibt sogar 19 Euroländer und die Euro-Aspiranten Bulgarien und Kroatien sollen auch beteiligt werden. Dagegen gibt es einen Schein weniger als damals, wurde der Fünfhunderter doch eingestellt.

Illumination für EZB-Zentrale

Spannend also, wie das ausgeht. Eingeleitet werden soll das Jubiläum „20 Jahre Eurobargeld“ jedenfalls schon jetzt zu Silvester: Von Mitternacht an soll dann die Zentrale der EZB, das markante Hochhaus im Frankfurter Ostend, eine große Illumination, ein Leuchtbild bekommen. Neben dem Eurosymbol werden Noten von Beethovens „Ode an die Freude“ gezeigt. Die ersten zehn Tage des neuen Jahres will die EZB dann weitere Bilder und Botschaften auf ihrer Hochhauswand präsentieren. Ähnliche Illuminationen soll es auf europäischen Gebäuden in Brüssel und einigen nationalen Notenbanken des Euroraumes geben.

Bis die Bürger die neuen Euro-Banknoten in den Händen halten, wird es dagegen länger dauern. Vorgesehen ist zunächst eine Art Brainstorming-Phase. Die EZB präsentierte dazu die Namen eines Beratergremiums: Aus Deutschland ist Lisa Borgenheimer dabei, Professorin für Informationsdesign. Nachdem die Beratungsgruppe Themenvorschläge eingereicht hat, wird die EZB die Öffentlichkeit um ihre Meinung zu den ausgewählten Themen bitten. Noch im kommenden Jahr soll der EZB-Rat die Themen für die Scheine beschließen. Anschließend soll es einen Design-Wettbewerb geben, nach dem die EZB die Öffentlichkeit abermals konsultieren will. Im Jahr 2024, so ist geplant, fällt dann die Entscheidung über das tatsächliche Design. Danach kann es noch dauern, bis die Scheine gedruckt sind und ausgegeben werden – mit dann vielleicht spannenderen Motiven.

Quelle: F.A.Z.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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